Das ewige Leben
Roman

von Wolf Haas

€ 18,40
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Verlag: Hoffmann und Campe
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Krimis, Thriller, Spionage
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.02.2003

Rezension aus FALTER 7/2003

Wolf Haas schickt seinen Detektiv Simon Brenner nach Graz zurück und schenkt ihm "Das ewige Leben".

Es gibt Krimis, in denen die Physis der Protagonisten allenfalls durch etwas stärkere Absonderung von Eigenschweiß in Mitleidenschaft gezogen wird (man denke an Hercule Poirot oder Pater Brown), und solche, in denen sie ordentlich was auf die Mütze kriegen. So betrachtet, steht Privatdetektiv Simon Brenner eindeutig in der Tradition der hard boiled novel und muss sich "Das ewige Leben" durch eine Reihe von Abreibungen verdienen, die selbst Philip Marlowe und Sam Spade nur mit einer ganz, ganz großen Portion Whisky & Aspro bewältigt hätten.

"Das ewige Leben", Wolf Haas' jüngster und definitiv (?) letzter Brenner-Krimi, endet in einer Sch(l)usseinstellung, die eher einem Gedicht des konkreten Lyrikers Eugen Gomringer ähnelt als dem typischen "Haas-Sound" und in der das Wort "ding" 400-mal wiederholt wird. Wie in einem Film-Freeze wird die Action in einem dramatischen Moment eingefroren, just in dem Augenblick, in dem der Erzähler sein oberstes Prinzip - "Interesse ja, Sympathie ja, Einmischung nein" - verletzt und selbst als handelnde Person in Erscheinung tritt.

Die Physis des Protagonisten und die Physis der Sprache stehen im Mittelpunkt des Romans, der auftragsgemäß in der derzeitigen Kulturhauptstadt Europas spielt, die ihrerseits als Körperteil und Wortkörper präsent ist: zum einen in einer sehr hübschen, elaborierten Analogie zwischen der Stadt-Topographie und dem schwer in Mitleidenschaft gezogenen Gehirn Brenners ("Und so wie die Mur die Weinzödl-Brücke nicht mitreißt, sondern schön unten durch, so ist auch der Schusskanal elegant unter der Schläfenader durchgetaucht"); zum anderen im düsteren Gleichklang, der Stadt und Sterben - im Idiom einer Handleserin - in eines setzt: "Brena abgraz ibermorgen."

Wenn Haas seinen Detektiv nach Puntigam zurückschickt, wo dieser seine Jugend verbracht hat, dann hat das weniger mit realem Lokal- als mit fiktivem Sprachkolorit zu tun, sodass das vorgeblich Typische durch die massenhaft verbreitete Parodie desselben, nämlich die Sprache der Werbung, ersetzt wird. Und so kreist der allseits bekannte Slogan "Lustig samma Puntigamma" mit perseverierender Penetranz durch Brenners mit Amnesie geschlagenes Gehirn - ein Spruch, der sich so hartnäckig ins Gedächtnis frisst wie das Verkehrssicherheitsmantra "Lichtfahrer sind sichtbarer", das Wolf Haas in seiner Zeit als Werbetexter verfasst (und selbst gesprochen) hat.

Was Brenner in Graz umtreibt, ist neben dem Loch im eigenen Schädel (von dem zu Beginn nicht ganz klar ist, ob es von einem Mord- oder einem Suizidversuch herrührt) dasjenige im Kopf seines ziemlich toten Exkumpels Köck aus Polizeischulzeiten. Allem Anschein nach handelt es sich um die drastischen Folgen einer alten Jugendsünde: Am Faschingsdienstag haben die übermütigen Polizeischüler Brenner, Köck & Konsorten die Puntigamer Raiffeisenfiliale überfallen und um 67.000 Schilling erleichtert. Dreißig Jahre danach wird Brenner aber nicht nur von waffenbedingter Todesangst, sondern auch von altersbedingter Melancholie ergriffen: Eric Burdons "When I Was Young" ist gewiss ein leiwander Song, "aber vielleicht doch nicht ganz normal, dass man es sich zwischen fünf und Viertel nach sechs ungefähr dreißigmal hintereinander auf voller Lautstärke anhört".

Und so mag die Wut, mit der es den Brenner durch diesen Roman und von der Wohnung der Frau Maric in die darunter liegende Pasolini Bar und weiter in den Keller, durch ein paar Kilometer Granit, die Sialzone und die Conrad-Diskontinuität bis "in die Basaltschicht" hineinreißt, auch mit der Wut über das Altern und den näher rückenden Tod zusammenhängen. Auf seinem Moped rast Brenner durch Graz und sieht - eine Folge der Kopfverletzung - buchstäblich rot. Als eine Art Christus-Figur des beschleunigten Zeitalters taumelt er durch den Roman; an Stigmata mangelt es wahrlich nicht: Im Stadion wird dem Brenner dann auch noch eine Bibel mit einem Militärmesser an die Hand geheftet - was dem Austria-Wien-Trainer ausnahmsweise einen Grund für sein erschrockenes G'schau liefert ("die Augen von dem dürften das rein aus Gewohnheit so gemacht haben").

Es ist also mehr als "schon wieder was passiert". Zum letzten Mal. Von nun an lebt der Brenner in Frieden. In Ewigkeit. Amen.

Klaus Nüchtern in FALTER 7/2003 vom 14.02.2003 (S. 63)


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