Die Wahl

von Erika Pluhar

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hoffmann und Campe
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Erika Pluhar leistet in ihrem Roman "Die Wahl" durch die Erotisierung der heimischen Innenpolitik ihren Beitrag zur Humanisierung der Welt.

Also: Es geht um eine ehemalige Schauspielerin, jetzt Publizistin, etwa sechzig Jahre alt. Nach einer Zeit der Zurückgezogenheit entschließt sie sich, im Präsidentschaftswahlkampf zu kandidieren. Brandaktuell ist die "Wahl" also eigentlich nicht. Aber dafür wird man entschädigt durch ein promptes Gipfeltreffen von Politik und Erotik: Die Kandidatin - Wohlig heißt sie - verliebt sich in den Bundeskanzler. Es folgt eine böse Komplikation: Ein gedungener Paparazzo erwischt den offiziell verheirateten Kanzler mit Blitzlicht dabei, wie er nachts aus ihrer Tür tritt, sie dahinter im offenen Bademantel, "aber noch gut beisammen", wie es ausdrücklich heißt. Angesichts des bevorstehenden Skandals tut der Bundeskanzler das Naheliegende und liebt heftig zurück, will sich outen. Wie das und vor allem wie die Wahl ausgeht, die man wegen der Liebe fast schon vergessen hat, bleibt leider offen.

Nun hat diese Story zweifellos ihre Tücken. Dass man sich in den Regierungschef verliebt, mag in der Natur ja vorkommen, aber in der Literatur? Andererseits: Wo die Liebe hinfällt, hat schon meine Großmutter immer gesagt, steht ein Bundeskanzler, dagegen ist man machtlos. Um Missverständnissen vorzubeugen: Dieser Kanzler ist nicht der derzeit im Amt befindliche. Der Roman treibt sonst mit der Verschlüsselung seiner Figuren einen Minimalaufwand - Altpräsident Kirchschläger heißt Kornschlager, Westenthaler heißt Ostenberger, Franz Morak heißt Fritz Marok ... -, nur der Bundeskanzler, der heißt Mentschig (möglicherweise eine ideelle Schnittmenge aus "Vranitzky" und "Klima", deren kleinster gemeinsamer menschlicher Nenner sozusagen). Indem sich Wohlig und Mentschig gefunden haben, stehen sie namentlich für eine bessere Zukunft.

Als ich seinerzeit im Kino durch Betrachtung von "Schlafes Bruder" einen vollkommenen Ablass erworben habe, wurde mir wenigstens klar, worauf der immense Erfolg des Buches beruht: auf einer ungebremsten narzisstischen Inszenierung. Ich nämlich, ich, ich! stehe auf der Orgelempore, ich habe am schönsten gespielt, der Geist Gottes saust durch die Kirche und bläst die Kerzen aus (das ist zwar ein anderes Register und hat eher was Satanisches, aber auch gut). Die Leute jedenfalls springen auf und werfen Hüte: Jubel! Hosianna! Der Messias! Endlich! Zwar muss dieser Moment mit Leid und Tod bezahlt werden, aber so stehts schon in der Vorlage (der älteren). Der exhibitionistische Augenblick aber, die Badewonne des Ego, ist jeden Preis wert.

Subtiler hatte es Süskind im "Parfum" angelegt. Dort ist der Umschlag von der Hetzmasse in eine hysterische Fan-Gemeinde ironisch mit beschrieben, und vor allem: Die Liebe des Publikums ist erschlichen, everybody's darling ist ein Schwindler und gemeingefährlich dazu. Trotzdem lukrierte auch dieses Buch den Bestseller-Triumph des Ich.

Schon Sigmund Freud hat sich die Literatur als Wunscherfüllung vorgestellt. Nur war Freuds Modell wirklich recht altmodisch und bürgerlich: Armer kleiner Angestellter mausert sich zum Schwiegersohn und Teilhaber des Chefs. Das reicht heute nicht mehr. Die medial geeichte narzisstische Fantasie braucht nicht nur die vertikale Karriere, sondern auch die horizontale: nicht nur den sozialen Aufstieg, sondern auch die populäre Reichweite, nicht nur den Höhenflug, sondern auch die Breitenwirkung. Der Plot muss daher auf dem Prinzip der Addition und Überbietung bestehen: Schauspielerin + Präsidentschaftskandidatin + Kanzlerpartnerin. Diese Wunschmaschine frisst noch die korrekteste politische Botschaft und sogar eine aufrichtig gemeinte Medienkritik, denn: You can't have the cake and eat it too.

Immerhin: die erotische Objektwahl, die auf den Ballhausplatz zielt, ist freudianisch und auch sonst in Ordnung, sie geht aufs Ganze und darauf, was an der Spitze steht. Die krude libidinöse Aufstellung wird dadurch gemildert, dass ja die wahre Liebe als Belohnung für die Kandidatin kommt; damit kriegt die Geschichte schließlich einen damenhaften, geradezu nostalgischen Dämpfer. Bedenkt man, dass die Liebesobjekte in "Parfum" und in "Schlafes Bruder" hochgradig ambivalent besetzt sind und durch Mord oder Ehe mit andern aus dem Weg geräumt werden, hat die wohlig-menschliche Verbindung unbedingt etwas Humanes.

Konstanze Fliedl in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 14)


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