Churchill
Eine Biographie des 20. Jahrhunders

von Christian Graf von Krockow

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hoffmann und Campe
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Sports galore

Ein neues Buch über Churchill bringt einen spannenden Lebensbericht über eine der wichtigsten politischen Figuren des 20. Jahrhunderts.
Warum heute über Churchill lesen? Ein Grund wäre, daß Jorg Haider auf die Frage, welchen Politiker er am wenigsten schätze, Winston Churchill einfiel. Weitere Gründe sind einem neuen Buch zu entnehmen. "Biographie des 20. Jahrhunderts" nennt der Politikwissenschaftler Christian Graf von Krockow seine Lebensbeschreibung jenes Politikers, der als Gegenspieler der totalitären Figuren Hitler und Stalin und ihrer so verschiedenen und doch ähnlich menschenverachtenden Systeme heute zu wenig gewürdigt wird.
Winston Churchill (1876-1965), Sproß eines Adelsgeschlechts, ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. Sein Vater war Schatzkanzler, sein Mutter US-Amerikanerin. Der "halbe Amerikaner" Churchill wuchs in englischen Eliteschulen fern der geliebten Mutter und dem bewunderten Vater auf. Der hielt so wenig von seinem lernfaulen Sohn, daß er einzig die Armeekarriere für ihn offen sah. So kam der junge Churchill als Offizier der Kolonialarmee nach Indien, wo ihm der Knoten aufging: Er holte im Selbststudium nach, was er in der Schule nicht hatte lernen wollen. Bald verdingte er sich als Kriegskorrespondent und war dabei so erfolgreich, daß er seinen Lebensunterhalt davon fristen konnte. Mehr: Er war bei der letzten Kavallerieattacke der englischen Armee mit von der Partie und wurde, als er am Burenkrieg teilnahm, zum Helden: Er entkam der Gefangenschaft und schlug sich durch unbekanntes Feindesland durch.
Daß er seine politische Laufbahn als Konservativer begann, versteht sich; daß er die Front zu den Liberalen wechselte, weniger. Und noch weniger, daß er zu den Konservativen zurückkehrte. Auch diese opportunistischen Seiten des standhaftesten aller westlichen Politiker unterschlägt Krockows Buch nicht - und auch nicht die Ambivalenzen in der westlichen Allianz, bei der Churchill weder an der Vormachtstellung er USA etwas ändern konnte, noch die militärisch nutzlosen Bombardements deutscher Städte zu verhindern wußte. Weder nach dem Ersten noch nach dem Zweiten Weltkrieg vermochte er seine Verbündeten dazu zu bewegen, gegen die Sowjetunion militärisch vorzugehen.
Krockow schreibt erwartungsgemäß keine Biografie des Jahrhunderts (wer die sucht, wird zu Eric Hobsbawms "Das Zeitalter der Extreme" greifen), aber er gestaltet eine exemplarische Lebensbeschreibung eines vielschichtig begabten Demokraten und am großen Konservativen Edmund Burke geschulten Parlamentariers. Wie er, der einsame Mahner gegen Hitler, im politischen Out warten mußte, bis Chamberlains Appeasement-Politik gescheitert war, ist ebenso spannend wie die Tatsache, daß er 1945, als Sieger auf dem Hohepunkt seiner Beliebtheit und seines Ruhms, abgewählt wurde.
Resümee: Ein geeignetes Werk, Winston Churchill kennenzulernen. Auch als Schriftsteller, als der er 1953 - verdientermaßen - den Literatur-Nobelpreis erhielt. Auch die Freunde der Churchill-Begründung "No sports" für das Erreichen hohen Alters werden enttäuscht: Der junge Churchill war leidenschaftlicher Polospieler, sein letztes Match bestritt er mit 51.

Armin Thurnher in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 24)


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