Die Kluft
Roman

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hoffmann und Campe
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 13.09.2007

Rezension aus FALTER 42/2007

Halt, da ist ein Spalt

Am 11.10., elf Tage vor ihrem 88. Geburtstag, erhielt Doris Lessing den mit zehn Millionen Kronen, also umgerechnet rund 1,1 Millionen Euro, dotierten Literaturnobelpreis zugesprochen und verkürzte die Bilanz auf 11:93. In der 106-jährigen Geschichte des Preises ist die 1919 im persischen Kermanschah als Doris May Tayler geborene Tochter eines britischen Offiziers und einer Krankenschwester erst die elfte Frau, die diese von der Schwedischen Akademie vergebene Auszeichnung gewinnen konnte. Die Autorin selbst merkte zwar sarkastisch an, noch schnell geehrt worden zu sein, "bevor ich abkratze", zeigte sich aber auch zufrieden: "Ich habe jeden gottverdammten Preis in Europa gekriegt – das ganze Paket. Ich bin begeistert, es ist ein Royal Flush."
"Seit dreißig Jahren" war Doris Lessing, eigenen Auskünften zufolge, im Gespräch. Symptomatisch die Reaktion von Vorgängerin Elfriede Jelinek, die 2004 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden war: "Das war längst überfällig. Ich hatte sogar gedacht, sie hätte ihn schon längst." Und Horace Engdahl, ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie, sprach von einer "der bestdurchdachten Entscheidungen, die wir je getroffen haben".
So kann man's natürlich auch formulieren. Tatsächlich legen die beiden Statements das Dilemma einer Auszeichnung offen, deren Bedeutung sich immer stärker von ihrer Dotierung denn von der Triftigkeit der Vergabe ableitet. Wer über Jahrzehnte ständig auf der Liste potenzieller Preisträger steht, ist irgendwann nicht mehr überfällig, sondern überstandig, um es auf Wienerisch zu sagen. Kein Wunder, dass der amerikanische Literaturkritiker Harold Bloom die diesjährige Entscheidung auf "schiere politische Korrektheit" zurückführt und erwartbar übellaunig anmerkt: "Frau Lessing hat zu Beginn ihrer Karriere zwar einige bewundernswerte Ansätze gezeigt, aber in den letzten 15 Jahren war ihr Werk, wie ich finde, einigermaßen unlesbar – viertklassige Science-Fiction."
Zwei Jahre nach Harold Pinter geht der Literaturnobelpreis wieder nach Großbritannien, wo zum Beispiel mit Ian McEwan auch jemand zur Verfügung gestanden wäre, der im vollen Saft der Schaffenskraft steht und über den Ruf eines literarischen has-been erhaben gewesen wäre. Die gewiss rechtschaffene Vita Lessings, die im heutigen Simbabwe (damals: Südrhodesien) aufgewachsen ist und ihrem Engagement gegen die Apartheid schon im ersten Roman "The Grass Is Singing" (1949; deutsch: "Afrikanische Tragödie"), der von der verbotenen Liebe einer weißen Ehefrau zu ihrem schwarzen Bediensteten erzählt, eine literarische Stimme verlieh, ist wohl kaum ein hinreichender Grund für die Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis. Völlig zu Recht monierte Andrian Kreye in seinem Kommentar für die Süddeutsche Zeitung: "Wenn der Friedensnobelpreis nur noch Kommentar der Tagespolitik ist, der Preis für Literatur nicht für die literarische Leistung, sondern gegen Mugabe und gegen die Unterdrückung der Frau vergeben wird, dann stehen die beiden Preise bald in gegenseitiger Konkurrenz um das gewagteste Statement und die größte Überraschung. Medienwirksam. Aber nicht gerade würdig."
Mit J.M. Coetzee, dem der Literaturnobelpreis 2003 zugesprochen worden war, und Nadine Gordimer (1991) stehen zudem bereits zwei (weiße) Südafrikaner auf der Liste, deren Wahl als politisches Signal zu werten gewesen war und deren literarischer Ruf sicher nicht hinter demjenigen Lessings zurücksteht. In Alfred Nobels Testament, das die Vergaberichtlinien des Preises festlegt, ist freilich auch davon die Rede, dass das ausgezeichnete Werk "idealisk" zu sein habe, was man tendenziell als "idealistisch" und "humanistisch" auslegen kann. Gegen den Vorwurf einer "Politisierung" der Literaturnobelpreisvergabe wandte denn Fiona Sampson, Herausgeberin des britischen Lyrikjournals Poetry Review, in einem Artikel für den Guardian ein, der Nobelpreis zeichne Autoren "eher als Denker denn als Unterhalter" aus: "Indem er die öffentliche Wirksamkeit eines schriftstellerischen Werks ehrt, erkennt er die Wichtigkeit großer Ideen an."
Nun lässt sich natürlich argumentieren, dass Lessing mit ihrem Roman "Das goldene Notizbuch" einen feministischen Schlüsseltext zu den großen Ideen des vergangenen Jahrhunderts beigesteuert habe. Entsprechend wurde sie von der Akademie auch als "Epikerin weiblicher Erfahrung" ausgezeichnet, "die mit Skepsis, Feuer und visionärer Kraft eine gespaltene Gesellschaft der Prüfung unterziehe". Sich über solch blumig nichtssagende Preisvergabeprosa lustig zu machen, ist fast schon zu leicht. Fest steht freilich, dass in Nobels Testament von "einer Leistung des vergangenen Jahres" die Rede, "The Golden Notebook" aber bereits vor 45 Jahren erschienen ist.
Soeben in deutscher Übersetzung herausgekommen ist Lessings jüngster Roman "The Cleft" (2007); und der ist erst recht dazu angetan, die Entscheidung der Schwedischen Akademie infrage zu stellen. Unter den langweiligsten Büchern, die ich in den letzten zehn Jahren gelesen habe, rangiert "Die Kluft" fraglos ganz vorne. Und ich meine damit nicht die High-Brow-Langeweile, die immer dann hochgehalten wird, wenn von "sperriger Literatur abseits des Mainstreams" die Rede ist, sondern die kommune langweilige Langeweile.
Auch "Die Kluft" handelt von einer gespaltenen Gesellschaft, in der die ursprünglich zur Autogamie befähigten und als "Spalten" bezeichneten Frauen die männlichen, "Zapfen" genannten Nachkommen quälen, verstümmeln und den Adlern zum Fraß vorwerfen, bis einige der bislang als "Ungeheuer" definierten kleinen Knaben dank eines Sinneswandels der Adler und unter säugender Mithilfe von Hirschkühen auf einem anderen Abschnitt der Küste überleben und heranwachsen. Auf die jüngeren Spalten geht von ihnen eine wachsende Faszination aus, und unter quälend ausführlich variierter Benennung genitaler Differenz ("Ihr habt überall Beulen und Klumpen und so ein Ding wie eine Röhre, das manchmal wie eine Seegurke aussieht") gerät über Massenvergewaltigung und freiwilliges Rudelbumsen die ganze, geschlechterpolar definierte Zivilisation mit ihren bekannten Folgen in Gang: Die Frauen greifen zum Besen, die Männer stechen in See.

Mag sein, dass "Die Kluft" (die naheliegende Übersetzung "Die Spalte" wurde wohl aus Gschamigkeit vermieden), die aus undurchsichtigen Gründen von einem älteren römischen Senator erzählt wird und ebenso viskose wie unglaubwürdige Reflexionen über männliche und weibliche Geschichtsschreibung, über Mythologie und Oral History enthält, seinen Weg in die Proseminare Gender-Studies-affiner Anglistikinstitute findet; ein "bedeutender Roman" (The Times) ist Doris Lessings jüngstes Opus nie und nimmer. Er unterstreicht lediglich unfreiwillig eindrucksvoll die Auffassung, dass der Literaturnobelpreis nicht für historische Verdienste und zur Kompensation vergangener Versäumnisse, sondern in Hinblick auf die unmittelbare Gegenwart vergeben werden sollte.

Klaus Nüchtern in FALTER 42/2007 vom 19.10.2007 (S. 71)


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