Der lange Gang über die Stationen
Roman

von Reinhard Kaiser-Mühlecker

€ 17,50
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Verlag: Hoffmann und Campe
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2008

Rezension aus FALTER 11/2008

Der Geschmack von langsam zerkauter Wintergerste

Eine Innovation ist anzuzeigen in der österreichischen Literatur, eine Innovation, die zugleich ein Rückgriff auf Altbewährtes ist. Reinhard Kaiser-Mühlecker, Landwirtssohn aus dem oberösterreichischen Eberstalzell, wendet sich in seinem erstaunlichen Erstlingsroman dem Leben auf dem Lande zu, ohne die zum Klischee erstarrten Topoi der "Antiheimatliteratur" zu strapazieren, ohne aber auch in vormoderne Heile-Welt-Idyllik zu verfallen. Manch ein Kritiker fühlt sich an Adalbert Stifter erinnert bei der Lektüre dieses Debüts, auch mit Peter Handke ist der 25-Jährige bereits verglichen worden, was mit der Bedächtigkeit der Kaiser-Mühlecker'schen Prosa zu tun haben mag, mit der Aufmerksamkeit, die der junge Oberösterreicher den kleinen, alltäglichen Dingen entgegenbringt: dem Geschmack von langsam zerkauter Wintergerste, dem metallenen Geräusch des Sensendengelns, dem schmatzenden Plätschern von Wassertropfen, die langsam von einer Dachrinne fallen: "Auch hinter den kleinen Dingen", schreibt der Autor, "stand jeweils eine Geschichte – musste eine Geschichte stehen, um sie lebendig zu erhalten, lebendig erst zu machen."
Man merkt: Reinhard Kaiser-Mühlecker ist alles andere als ein spektakulärer Erzähler. Wer raffinierte Konstruktionen, rasante Plots und funkelnde Dialoge liebt, ist bei ihm an der falschen Adresse. "Er sah den Dingen zu und ließ sie sich ereignen." Was Kaiser-Mühlecker von seinem Protagonisten behauptet, trifft auch auf ihn selber zu. Schauplatz des Geschehens: ein Bauernhof am Rand des oberösterreichischen Seengebiets, irgendwann in den 1950er-Jahren, man denkt an das Almtal, an die Gegend um Grünau vielleicht. Theodor, der Ich-Erzähler, hat den elterlichen Bauernhof übernommen, er heiratet eine Frau aus der Stadt, eine "gute Frau", wie seine mit auf dem Anwesen lebende Mutter meint.
In präziser, unerhört dichter Prosa schildert Kaiser-Mühlecker, wie sich die Eheleute im Lauf der Jahre abhandenkommen, eine traurige, aber auch eine ganz und gar alltägliche Geschichte. Immer wieder wundert man sich während der Lektüre, woher ein 25-Jähriger die Weltweisheit nimmt, so illusionslos und empathisch über Menschen zu schreiben, die zum Teil doch erheblich älter sind als er.
Reinhard Kaiser-Mühlecker, Jahrgang 1982, gehört einer anderen, jüngeren Generation an als die Heroen der österreichischen Antiheimatliteratur. Vierzig Jahre trennen ihn von Franz Innerhofer und immerhin noch dreißig von Josef Winkler. Entsprechend andere Erfahrungen hat er gemacht. Er hat die österreichische Provinz nicht – oder nicht ausschließlich – als dumpfe Seelenzermalmungslandschaft und als Brutstätte wehleidig-aggressiver Denkungsart kennengelernt, die zu politischem Autoritarismus neigt. Der Autor behübscht die Dinge nicht, aber er sieht neben allem Leid und aller Einsamkeit auch die Schönheit, das Staunens- und Bewahrenswerte des Lebens auf dem Land. Dem Antiheimatroman, so bedeutend seine Verdienste auch sind, schlägt wohl allmählich das Totenglöckchen.

Günter Kaindlstorfer in FALTER 11/2008 vom 14.03.2008 (S. 10)


Rezension aus FALTER 11/2008

Langeweile darf sein

Schon der Titel seines Romandebüts zeigt: Der 25-jährige Reinhard Kaiser-Mühlecker hat es nicht eilig. Der im oberösterreichischen Eberstalzell aufgewachsene Bauernsohn, der erst relativ spät zur Literatur gefunden hat und bereits mit Adalbert Stifter verglichen wurde, ist generell kein Freund großer Gesten. Das erklärt vielleicht auch seine eher ablehnende Haltung gegenüber Thomas Bernhard.


Falter: Eigentlich sollte man ein Interview so nicht beginnen: Wann haben Sie angefangen zu schreiben?
Reinhard Kaiser-Mühlecker: Zu schreiben, langsam, habe ich in Bolivien begonnen. Dort habe ich vor sechs, sieben Jahren Zivilersatzdienst geleistet, 14 Monate lang in einem Armenhospital in San Ignacio de Velasco. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich mich wenig für Literatur interessiert, oder ich habe, besser gesagt, kaum von dieser Sache gewusst. In der Schule in Wels mussten wir natürlich lesen, und dann ist das Lesen ja kein richtiges. Erst als ich nicht mehr musste, wollte ich. Aber wirklich ernsthaft wurde es erst später.
Wie ist es Ihnen gegangen in Bolivien?
Die Arbeit als Kinder- oder eher Babybetreuer war recht anstrengend. Sonst war oft viel Zeit, ohne dass ich sagen würde, es sei fad gewesen. Wir waren fünf Zivildiener aus Österreich, und nach der Arbeit hat's eigentlich nicht viele Möglichkeiten gegeben, sich zu amüsieren und so. Da haben wir halt gelesen, Bücher, die frühere Zivildiener zurückgelassen haben: Max Frisch und Dostojewski, Gedichte von Hermann Hesse, den "Zauberberg".
Und so kamen Sie zur Literatur?
Eigentlich war das so, ja. In Bolivien habe ich auch langsam zu schreiben begonnen, zuerst nur Tagebuch, dann auch ernsthafter.
Sie sind auf dem Land aufgewachsen.
Manchmal meine ich: ein Glück, dort draußen aufgewachsen zu sein. Manchmal sehe ich es aber auch anders. Meine Eltern haben einen kleinen Hof mit 16 Hektar. Da wird in erster Linie Schweinezucht betrieben, mittlerweile auf biologische Art und Weise. Die Natur, der Freiraum, das war wichtig. Ich bin auch heute gerne dort.
Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?
Drei, vier Monate.
Das glaube ich nicht.
Wenn ich schreibe, dann schreibe ich. Das geht meist eher schnell.
Dabei ist es ein langsames Buch: Sie scheinen sich alle Zeit der Welt zu nehmen, für Naturbeobachtungen, für die Schilderung von Stimmungen und Atmosphären ...
Ich wollte ein langsames, eigentlich sogar ein langweiliges Buch schreiben. Langweilig in dem Sinn, dass Langeweile sein darf, dass die Dinge dauern dürfen. Ich empfinde es so, dass heute vieles zu schnell geht, auch in der Literatur. Man wird auf Konsum und Schnelligkeit getrimmt. Das muss nicht unbedingt mehr Qualität bedeuten.
Manche Literaturkritiker vergleichen Sie mit Adalbert Stifter.
Was soll ich dazu sagen? Ich habe Stifter erst später gelesen, als ich mit der Erzählung bereits fertig war. Das hat mich erschüttert. Die Nähe zu ihm, emotional und sprachlich – die hat mich wirklich umgehauen. Da habe ich mir gedacht: Du hättest deinen Roman gar nicht zu schreiben brauchen. Der Stifter hat doch schon alles gesagt.
Auch Parallelen zu Handke und Bernhard wollen manche Kritiker erkannt haben.
Peter Handke ist mir immer wieder sehr nahe, ich schätze seine Art, hinzuschauen und wegzuschauen, oft beides zugleich. Da wird das eigene Schauen ein anderes. Mit dem Thomas Bernhard kann ich allerdings eher nichts anfangen.
Wieso?
Er ist mir zu grob, zu negativ. Und er schreibt mir zu eindimensional.
Zu eindimensional?
Ja, immer nur hinzuschlagen auf Menschen, auf Dinge, das scheint mir zu wenig. Man muss auch das Positive sehen.

Günter Kaindlstorfer in FALTER 11/2008 vom 14.03.2008 (S. 10)


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