Der Brenner und der liebe Gott

von Wolf Haas

€ 19,50
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Verlag: Hoffmann und Campe
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Krimis, Thriller, Spionage
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.08.2009

Rezension aus FALTER 35/2009

Der Brenner heißt jetzt Herr Simon

Wolf Haas hat mit seinen Krimis um den Expolizisten und Privatdetektiv Simon Brenner das kreiert, was man einen "eigenen Sound" zu nennen pflegt. Das sogenannte "Haa­­­s­isch", ein zwischen kürzelhafter Lakonie und barocker Redelust changierendes, nur scheinbar dem Volksmund abgelauschtes, tatsächlich aber hochartifizielles Idiom, hat das Krimigenre der amerikanischen Hard-boiled-Schule in die österreichische Provinz verlegt und an die sprachexperimentelle Tradition der heimischen Literatur angekoppelt – ein Coup, mit dem sich der Autor die Wertschätzung sowohl der Kritiker als auch einer breiten Leserschaft sichern konnte.
Dann war es genug. Mit "Das ewige Leben" (2003) ließ Haas den sechsten und angekündigtermaßen finalen Brenner-Krimi vom Stapel. "Für mich war es einfach interessant, einen Roman schon im Vorhinein als den letzten einer Reihe zu definieren, was natürlich automatisch mit der Frage verbunden ist: Stirbt der Detektiv oder nicht? Und da war ich ganz stolz auf die Lösung, dass der Erzähler auf der letzten Seite erstmals in persona auftritt und im gleichen Absatz erschossen wird. Womit ich nicht gerechnet habe, war, dass dann in allen Zeitungen stand: ,Brenner ist tot.' Bei Lesungen sind Leute ganz schüchtern zu mir gekommen und haben gefragt: ,Ich hab das so verstanden, dass der Brenner gar nicht gestorben ist. Hab ich da was übersehen?'" Mitunter sind die "gewöhnlichen" Leser eben doch intelligenter als die Kritiker.

Noch Anfang des Jahres, anlässlich der Kinopremiere der jüngsten Brenner-Verfilmung "Der Knochenmann", hatte Haas eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, dass eine Auferstehung des untoten Helden nicht stattfinden würde – und es damals schon besser gewusst: "Der Brenner und der liebe Gott" lag nämlich längst als druckfertiges Manuskript vor.
"Wenn man bedenkt, wie viele katholische Anspielungen meine Bücher enthalten, ist eigentlich von vornherein klar, dass da eine Lücke klafft, wenn ein Zyklus bloß sechs Teile umfasst", weiß es der Autor heute besser und hat nun numerologisch mit den Todsünden und den "Harry Potter"-Büchern gleichgezogen. Entstanden war der neue Roman aber tatsächlich aus einer reinen Spielerei heraus, mit der sich Haas die Zeit vertrieb, als er mit der Vermarktung seines letzten Romans befasst war: "Während dieses ganzen Lesereisenmarathons zum ,Wetter vor 15 Jahren', meinem erfolgreichsten Buch, habe ich nebenher und wirklich absichtslos zur Erholung ein paar Brenner-Szenen geschrieben. Es war so leicht für mich! Wie Zeitunglesen."
Vonseiten des Verlags oder der Fangemeinde sei er keinerlei Erwartungsdruck ausgesetzt gewesen: "Im Gegenteil: Alle haben mir Respekt gezollt, dass ich so gscheit war und rechtzeitig aufgehört habe. Da habe ich natürlich sofort gedacht: Wenn man's so richtig und allen recht macht, war's vielleicht auch ein bisschen feig."

Haas bewies Mut zur Inkonsequenz und verzichtet auch auf den notorischen, seit dem "Knochenmann" diensttuenden Einstiegssatz ("Jetzt ist schon wieder was passiert"). Stattdessen hat er einen fulminanten Anschluss an das Ende des Vorgängers gefunden, als die Sprachmaschine der Brenner-Romane mit der 414-maligen Wiederholung des Wortes "ding" zum erliegen kam. "Meine Großmutter", heißt es nun, "hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen."
Das Maul hat den Erzähler offenbar überlebt und schwatzt furios weiter. Und passiert ist natürlich eine ganze Menge. Nicht nur der Erzähler ist – dem eigenen Urteil zufolge – die Ruhe in Person ("Hör zu, warum soll jedes Blutbad mein persönliches Bier sein?"), auch Simon Brenner hat – den Errungenschaften stimmungsaufhellender Pharmazie sei Dank – ein neues Level der Gelassenheit erklommen: "Ein schöner, sonniger Morgen war das, und mit dem besseren Herzschlag vom Espresso hat er die paar Schritte von der Shoptür zum Auto richtig mit einer Einstellung gemacht, wo man sagt, Leben vollkommen okay. Wenn man bedenkt, wie er noch vor einem Jahr beisammen gewesen ist, muss man ehrlich sagen, Hut ab vor den Tabletten."
Wesentlichen Anteil am Wohlbefinden vom Brenner hat auch der Berufswechsel, und genau diese beiden Aspekte – neuer Job, neue Hirnchemie – waren für die Genese des Romans entscheidend: "Das auslösende Moment war, dass ich den Beruf des Chauffeurs für den Brenner irrsinnig gut gefunden habe. Die andere Grundidee war, dass ich einen schockierenden Vorfall aus der Sicht von jemandem schildern wollte, der unter Tabletten steht und den Schrecken nicht wahrnimmt. Diese Abhängigkeit der Gefühle von dem Programm, das in uns läuft, grenzt an mein Hauptinteresse, das ich für den Zusammenhang von Sprache und Gefühl habe: Wie sehr sind Gefühle authentisch, wie sehr sind sie interpretiert, wie sehr erzählen wir unser Ich?"
Der Krimiplot gerät jedenfalls schlagartig in Gang, als die zweijährige Tochter von Brenners Chef entführt wird. Die Spuren weisen zunächst in Richtung einer Initiative zum Schutz ungeborenen Lebens, der die Abtreibungsklinik, welche die Frau des Bauunternehmers betreibt, naturgemäß ein großes Ärgernis ist. Aber wie in jedem "Tatort" kann auch hier der Erstverdächtige nicht der Täter sein.
Virtuos dirigiert Haas sein Figurenarsenal übers Spielfeld, knüpft – engmaschig und doch locker – ein Netz an Handlungsfäden und Motiven, zeichnet wie nebenher ein sarkastisches Sittenbild der Verfilzung von Politik und Wirtschaft (unter anderem tritt der jagdbegeisterte Direktor einer mächtigen schwarzen Bank auf) und bleibt der audiophilen Ausrichtung seiner Literatur dennoch treu: Alles wurzelt hier letztendlich im Klang der Sprache.

Selbst die Sexualität ist audioerotisch kodiert. Wie schon in "Das Wetter vor 15 Jahren", in dem es zwischen einem österreichischen Autor (namens Wolf Haas) und einer deutschen Journalistin vernehmlich zu knistern beginnt, gründet die Anziehungskraft zwischen Brenner und einer Südtirolerin nicht zuletzt in der nahen Exotik der sprachlichen Differenz. Wobei es dem Autor nicht so sehr die tirolerische Verschiebung alveolarer zu postalveolaren Frikativen angetan hat, sondern die Eigenart der Silbenbetonung: "Es war weniger das ­,ischt' als das ,Marlbóro'."
Und ausnahmsweise schimmert hier auch ein bisschen Autobiografie durch: "Wenn eine hübsche Frau einen unmöglichen Dialekt spricht, übt das einen unglaublichen Reiz aus. Eigentlich ist es mir aber egal, ob das Tirolerisch oder Berlinerisch ist. Eine Südtirolerin ist es in dem Roman nur geworden, weil ich keine Südtirolerin kenne. Alles, was für meine Ohren irgendwie abartig klingt, spricht mich sehr an. Ich muss aber zugeben, dass ich ein extremes Faible fürs Vorarlbergerische habe."
Man darf also gespannt sein, wohin es den Brenner, der diesmal immerhin bis Kitzbühel kommt, noch hinverschlägt.

Klaus Nüchtern in FALTER 35/2009 vom 28.08.2009 (S. 25)


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