Die Barbaren

Über die Mutation der Kultur
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Stehen wir vor einem epochalen Umbruch ähnlich dem der Aufklärung, jetzt, da die Computerisierung und Kommerzialisierung nahezu aller Lebensbereiche unsere kulturellen Errungenschaften nach und nach verschlingen? Ja, lautet Alessandro Bariccos – wertfreie – Antwort. Die weitgreifende Popularisierung von Kulturphänomenen nimmt er zum Anlass, so unvoreingenommen wie originell darüber nachzudenken, wie sich unser aller Art, die Welt zu erfahren, durch moderne Technologien und unsere ständige Vernetzung via Internet grundlegend verändert. Geistreich, mit einer gehörigen Prise Humor und stets unterhaltsam entfaltet Alessandro Baricco eine bestechend hellsichtige Analyse unserer Epoche, die ihrerseits zum Denken anstiftet.

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FALTER-Rezension

Räuberbanden in den Horten der Hochkultur?

Kulturtheorie: Alessandro Baricco verortet in „Die Barbaren“ einen Kulturverfall, lehnt diesen aber trotzdem nicht ab

Der mediale Tausendsassa Alessandro Baricco – er ist Romanautor, Essayist, Musikkritiker, Literaturerklärer, Fernsehmoderator, Drehbuchautor – diagnostiziert in seinem neuen, als Artikelserie bereits 2006 in der Tageszeitung La Repubblica erschienenen Buch einen dramatischen kulturellen Wandel.

Baricco versucht zu fassen, was viele in einem klassischen geistigen Umfeld aufgewachsene Menschen als Apokalypse begreifen: dass die Orte der Kultur von „Räuberbanden“ überrannt werden und danach nicht mehr viel von der einstigen bildungsbürgerlichen Herrlichkeit übrigbleibt. Zunächst beschreibt Baricco einige der kulturellen Felder, auf denen die „Barbaren“ – also die anderen, die Fremden – gewütet und die sie geplündert haben: Wein, Fußball und natürlich die Buchbranche.

Der Mikrokosmos des Weins scheint gut geeignet zu sein, diesen Wandel zu illustrieren: Über einen langen Zeitraum hinweg hatte sich vor allem in Frankreich und Italien eine önologische Könner- und Kennerschaft herausgebildet. Der Reichtum, die Tiefe und Komplexität des Weins führten zu einer Verfeinerung des Geschmacks und des Beschreibungsinstrumentariums.

Dann kamen die Amerikaner und warfen ihre, so Baricco, „Hollywood-Weine“ auf den Markt. Bildung und Tradition spielten fortan keine Rolle mehr. Es ging stattdessen um Verflachung und Massentauglichkeit, und die Bewertung eines Weins wurde in Form von Schulnoten vorgenommen. Einen Verlust der Seele nennt Baricco diese Entwicklung. Die Symptome, an denen die Barbaren sichtbar werden: „intensive Kommerzialisierung, moderne Sprache, Anpassung ans amerikanische Vorbild, Entscheidung für Spektakularität, technologische Neuerung, Kampf zwischen der alten und der neuen Macht“.

Das intellektuelle Zentrum des Umbruchs macht er bei Google aus, jener Suchmaschine, die unsere seit der Romantik erlernte Form der Aneignung von Wissen, Kunst und Welt radikal umkehrt. Google sei das Feldlager, die Hauptstadt der Barbaren, hier komme man dem Prinzip der neuen Ordnung nahe: Bei Google gehe es um Verlinkung, um eine Sprache, die von den meisten Menschen verstanden werde.

Wichtig sei das, was am häufigsten erwähnt werde und am weiträumigsten vernetzt sei. Wahrheit werde gegen eine Kommunikationsquote eingetauscht. Wissen, so die Parole der Barbarei, muss in Bewegung sein, man soll leicht zwischen den Orten hin und her surfen können. Wo einmal Vertiefung, Anstrengung, Vervollkommnung als Ideal vorgegeben waren, stehen nun Sequenzen und Verkettungen.

Vielleicht, so räumt Baricco ein, bewahre gerade dieses oberflächliche Surfen und die stetige Bewegung vor Absolutheit und Ideologie. Ein tiefes Misstrauen gegenüber all dem, was tief verwurzelt ist und sich deshalb dem Mythos annähere, finde in der neuen Weltwahrnehmung ihren Ausdruck.

Das Verblüffende an Bariccos Standpunkt im Vergleich mit anderen kulturkritisch aufgeladenen Gegenwartsbeobachtungen, die der Buchmarkt aufgrund der verstärkten Unsicherheitsgefühle in gesellschaftlichen Umbruchszeiten derzeit geballt hervorbringt, besteht darin, dass er diese Mutation gar nicht ablehnt oder fürchtet, sondern als etwas für kulturelle Evolution Charakteristisches betrachtet.

Baricco möchte auf der Seite des Fortschritts stehen. Umkehren ließe sich die Entwicklung ohnehin nicht, meint der Turiner, der heuer seinen 60. Geburtstag gefeiert hat. Umso wichtiger sei es, die zukünftigen Wahrnehmungs- und Umgangsformen mitzugestalten. Noch scheint es also denkbar, liebgewonnene Überbleibsel der alten in die neue Kultur hinüberzuretten.

„Jeder von uns ist dort, wo alle sind, am einzigen Ort, den es gibt, mitten im Strom der Mutation, wo wir das, was wir kennen, Kultur nennen, und das, was noch keinen Namen hat, Barbarei. Im Unterschied zu anderen denke ich, dass es ein wunderbarer Ort ist.“

Man kann sich fragen, ob es wirklich ein wunderbarer Ort ist. Und ob der Wandel formbar ist angesichts der Konzerne, die ihn betreiben. Die Pointe von Bariccos Buch ist deshalb durchaus überraschend: Nach der trüben Diagnose der verschiedenen Felder, auf denen die Barbaren toben, hätte man kaum eine so affirmative Haltung erwartet. Ist das Pragmatismus? Die Einsicht, dass der Lauf der Dinge sich nicht aufhalten lässt? Oder wirklich die Erkenntnis, dass ein Kulturwandel immer die Anmutung einer zerstörerischen Unkultur hat, letztlich aber nur etwas Neues darstellt, einen Aufbruch?

Die Zwischenzeit als glücklicher, höchst dynamischer Zustand: Jedenfalls ist Bariccos auf den Spuren Walter Benjamins wandelnde Gegenwartsanalyse nicht ohne Widersprüche und Reibungspunkte. Darin aber höchst inspirierend.

Ulrich Rüdenauer in Falter 41/2018 vom 12.10.2018 (S. 34)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783455405804
Erscheinungsdatum 14.08.2018
Umfang 224 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Hoffmann und Campe
Übersetzung Annette Kopetzki
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