Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters

von Manfred Furhmann

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Verlag: Insel
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Manfred Fuhrmann – emeritierter Professor für Latinistik und für die "FAZ" der letzte deutsche Humanist – hat eine Geschichte des bürgerlichen Bildungskanons geschrieben.

Videoläden und Imbissstuben, Straßencafés, Fitness-Studios und Chinarestaurants. Stahl-Glas-Bauten, dazwischen ein paar abgewohnte Gründerzeithäuser, ein Einkaufszentrum mit polierter Granitfassade. Aber was ist das dort am Ende der Straße, hinter den Parkbäumen? Ein Gebäude mit Grandezza, ein wenig heruntergekommen, aber gealtert in Schönheit. Die letzte Restaurierung ist schon länger her; die Karyatiden am Portal bröckeln. Die kunstvollen Reliefs im Fries über den dorischen Säulen sind nur mehr Bruchstücke; und wären sie vollständig, kaum einer verstünde noch die Geschichten, die sie erzählen. Wenn man um die Ecke geht, sieht man, dass eigentlich nur mehr die Fassade steht; gestützt und gepölzt, hat hier nur die Schauseite eines alten Palastes überdauert.
Dieses Bild eines verfallenden alten Gebäudes in fremder Umgebung hat der deutsche Altphilologe Manfred Fuhrmann in seinem Vortrag beim diesjährigen Philosophicum in Lech verwendet, um zu zeigen, was die Erlebnisgesellschaft vom Kanon der klassischen Bildung, wie er seit dem späten 18. Jahrhundert von den humanistischen Gymnasien vermittelt wurde, übrig gelassen hat. Damit sei aber auch gleich klargestellt, wovon Manfred Fuhrmanns Buch nicht handelt, nämlich von all dem, was außerhalb liegt.
Sein Thema ist also von vornherein ein eurozentristisches: Europa war es, das sich mit der Aufklärung für den humanistischen Kanon entschlossen hat. Das Thema ist darüber hinaus ein spezifisch bürgerliches, da gleichzeitig das Bürgertum den Fürstenhof als Träger der kulturellen Entwicklung ablöste, und es ist ein historisches: Es geht um ein Phänomen, das vom ausgehenden 18. bis zum Beginn unseres Jahrhunderts die intellektuelle Formation der männlichen bürgerlichen Elite bestimmte. Gegenkulturen, Randgruppen und außereuropäische Zivilisationen kommen, um Missverständnissen vorzubeugen, nicht vor.
Das humanistische Gymnasium war bis um 1900 in ganz Europa inklusive Russland der einzige Zugang zum Universitätsstudium. Es bildete zusammen mit der sprachlichen, literarischen, künstlerischen und musikalischen Kultur, die über das Elternhaus vermittelt wurde, eine Art gesamteuropäische Basisbildung auf hohem Niveau – ähnlich jenen universalisierten kulturellen Archiven in Form von Bibliotheken und Museen, die sich gerade in unserer Zeit immer mehr von den einzelnen nationalen Kulturen als gemeinsamer Fundus absondern.
Manfred Fuhrmann untersucht zunächst die Voraussetzungen, die zur Enstehung des Kanons geführt haben. Die tiefgreifende Veränderung der intellektuellen Landschaft Europas, die mit der Kompromittierung des Christentums durch die Glaubenskriege eingeleitet wurde, mündete in eine Gesellschaftsordnung, die nicht länger vom Ordo christianus, sondern vom Ideal der vernunftbestimmten autonomen Persönlichkeit beherrscht wurde. Hand in Hand mit der Aufklärung ging die Entsakralisierung der Wissenschaften und Künste; was eben noch im Dienst von Kult und Kirche gestanden hatte, wurde zur ästhetischen Bereicherung der bürgerlichen Existenz.
Nach der Untersuchung jener Institutionen, die für die Entstehung des Bildungskanons richtungsweisend waren – Gymnasium einerseits und absolutistischer Fürstenhof als Träger der Musik- und Theaterkultur andererseits –, konzentriert sich Fuhrmann auf dessen Teilbereiche: die Literatur, die Enzyklopädie (deren Anspruch es zur Zeit von Diderot und d'Alembert war, künftigem Wissen die Richtung zu weisen), die Philosophie und die Geschichte. Nach langen Querelen über den Stellenwert der Naturwissenschaften in einer immer mehr vom technischen Fortschritt geprägten Welt wurden diese erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts endgültig im Lehrplan verankert – der von Fuhrmann geschilderte Weg dorthin zählt zu den interessantesten Kapiteln des Buches.

Höchst unterhaltsam war seine Schilderung der Bewohner des Hauses der klassischen Bildung, die er in Lech vortrug: "Das Erlebnismuster der Hochkultur", hieß es dort, "enthält alles, was im Lauf der Zeit Aufnahme in den Kanon der bürgerlichen Bildung gefunden hat – und was davon noch übrig geblieben ist. Es wird durch Definitionsagenturen weitergegeben und ständig erneuert: durch Schulen und Universitäten, Museen und Reiseführer (...). Man liest die Frankfurter Allgemeine oder die Zeit. Als Prototypen fungieren Ärzte, Juristen, Lehrer, Professoren, man gehört oft dem örtlichen Lions-Club an und bevorzugt unter den Sportarten Tennis und Golf. Die Sprache ist distinguiert, man pflegt sein Äußeres und befleißigt sich guter Umgangsformen. Die Kleidung zeichnet sich durch zurückhaltende Eleganz aus, und man besucht gern nicht eben billige Restaurants mit gehobener Atmosphäre. Die Schemata des Trivialen und der Spannung sind verpönt."
Dagegen ließ und lässt sichs gut aufbegehren. Aber Manfred Fuhrmanns Buch ist wichtig – gerade weil es ein historisches Phänomen in all seiner elitären Ausschließlichkeit erläutert. Der Kanon definiert Grenzen, und diese Grenzen umschließen nicht nur Inhalte, sie definieren auch das, was außerhalb liegt – ebenso, wie es die Mauern des Hauses der Bildung tun. Die Impulse zur Erneuerung aber sind immer wieder von draußen gekommen, aus dem profanen Raum außerhalb des kanonisierten kulturellen Fundus, der lange Zeit ein exklusiv europäischer, aus Antike und Christentum gespeister war. Vor langer Zeit stand das Gebäude des bürgerlichen Bildungskanons allein auf weiter Flur. Mittlerweile wurden dort neue Häuser hochgezogen, sind neue Straßen entstanden. Und dort liegt auch das Reservoir der neuen Ideen.

Inge Podbrecky in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 31)


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