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Verlag: Insel
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Antonia S.Byatt führt die Lebensgeschichte der Geschwister Potter in einem üppigen und pastosen "Stilleben" fort.
Sollen sie nun stolz sein, die Schwestern Frederica und Stephanie Potter? Schon zum zweiten Mal sind sie Heldinnen dicker Bücher. 1200 Seiten Potter. Was für ein Denkmal. Antonia S. Byatt liebts üppig. "Stilleben" nennt sie den Roman, der die pottersche Familienchronik aus der "Jungfrau im Garten" wortreich weiterführt.
England, Mitte der Fünfzigerjahre. Stephanie Potter hat einen Geistlichen geheiratet. Bücher und wissenschaftlich-literarische Ambitionen verschwinden hinter Kochtöpfen und gehäkelten Teewärmern. Zwei Kleinkinder, ein braver Ehemann, eine zänkische Schwiegermutter und der psychisch angeschlagene Bruder, Marcus Potter. Alle unter einem Dach. Dazu die Sozialarbeit in der Kirchengemeinde, Weihnachtskekse und Kidney-Pie. Stephanies Auslauf wird immer kleiner. Frederica Potter hats besser. Sie verlässt das Elternhaus, um in Cambridge Glück und Karriere zu suchen. Die Jugend in der Provinz? Weit weg. Der Mief der Fünfzigerjahre? Nicht loszuwerden. "Cambridge war der Hintergrund für Kakao, Gebäck, Teegesellschaften. Frederica wollte Wein, Dispute, Sex."
Antonia S. Byatts Roman, 1985 auf Englisch erschienen und nun von Susanne Röckel und Melanie Walz stimmig ins Deutsche übersetzt, kriecht durch die Welt von Nylons, Nescafe, Taftkleidern und empfängnisverhütenden Cremes. Er kommt nicht voran. Endlos die Geschichten von Fredericas Affären, das Küchen- und Kirchenlatein von Stephanie, die Versuche von Marcus Potter, seine sexuellen Vorlieben zu orten. Dazwischen schlaue Kommentare einer fiktiven Erzählerin und Zitate aus den Briefen und Schriften Vincent van Goghs, dessen Biografie und Ästhetik einen seltsam abstrakten, künstlichen Hintergrund für einen Roman bildet, der diverse Lebensmodelle durchspielt.
Antonia S. Byatt ist keine naive Autorin. Viel zu gern führt sie vor, was sie weiß und kann. Natürlich überblickt sie die englische Literaturgeschichte von Beda Venerabilis bis hin zu Beckett, natürlich weiß sie Bescheid über Magritte und van Gogh, über die Wirkung von Metaphern, Symbolen und literarischen Methoden. Und alles muss rein in den Roman. Das "Stilleben" wird zum Kolossalgemälde: detailreich, überzeichnet, allzu pastos. Und vor allem sehr konstruiert.
Nur zuletzt gehts Schlag auf Schlag: Stephanie stirbt an einem Stromschlag, weil ihr Kühlschrank nicht geerdet ist, Frederica zweifelt an ihrer Zukunft: Gutsbesitzersgattin oder Journalistin? Geht beides? Marcus Potter schließlich, das Sorgenkind, findet Erfüllung bei der botanischen Bestimmung zwittriger Blüten und deren Vorkehrungen gegen die Selbstbestäubung.
Wie viele Bücher dauert es noch, bis S. Byatt mit den Potters in den Achtzigerjahren angekommen ist? Eigentlich hat man sie allesamt längst satt, die Statisten und Akteure aus der "Jungfrau im Garten" und dem "Stilleben". Die Neugier auf Frederica und ihre Freunde, denen man zu Beginn des Buches als älteren Herrschaften begegnet, hält sich sehr in Grenzen. Also machs gut, Frederica. Und bye-bye.

Susanne Schaber in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 12)


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