Lise Meitner
Ein Leben für die Physik

von Ruth Lewin Sime, Doris Gerstner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Insel
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Dem Leben und Werk der aus Österreich gebürtigen Physikerin Lise Meitner und Albert Einsteins Formel E=mc2 sind zwei neue Biografien gewidmet.Doch zeigen beide Bücher, wie spannend scheinbar trockene Wissenschaft sein kann.

Das vergangene "kurze Jahrhundert" (Eric Hobsbawm) ist durch nichts mehr gekennzeichnet als durch den atemberaubenden Aufstieg der Naturwissenschaften. Egal, ob das nun die Entdeckung und theoretische Deutung der Kernspaltung (und die Bombe) war, die Entwicklung des Transistors (bis hin zum programmierbaren Computer) oder die Entdeckung der DNA durch James Watson und Francis Crick (und die Gentechnik) - wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre Anwendungen prägten den Weltlauf des 20. Jahrhunderts und bestimmen am Beginn des 21. mehr denn je unser tägliches Leben.

Die Schicksale gerade der hervorragendsten Wissenschaftler des vergangenen Jahrhunderts waren dabei oft eng mit dramatischen politischen Ereignissen verknüpft - so auch die Lebenswege und die wissenschaftlichen Leistungen von Lise Meitner und Albert Einstein, die als Juden Nazideutschland verlassen mussten. Diesen beiden Ikonen der Physik sind zwei neue, aus dem Englischen übersetzte Bücher gewidmet: Ruth Lewin Simes Biografie von Lise Meitner und "Bis Einstein kam" über David Bodanis.

Bodanis, der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften studierte und am St. Anthony's College in Oxford lehrte, schlägt in seiner Darstellung einen außerordentlich spannenden Weg ein, um dem Leser das Labyrinth der Verschränkung von Erkenntnisproduktion und ihrer Anwendung verständlich zu machen: Er hat eine Biografie der berühmten Gleichung E=mc2 geschrieben, die in ihrer mathematischen Einfachheit (drei Buchstaben, ein Quadrat, ein Ist-gleich-Zeichen) fast jeder kennt und doch kaum einer versteht. Durch diesen Zugang gelingt es dem Autor auf fast spielerische Weise, uns in die verzweigten historischen Entwicklungen einzuführen, die Einstein den Weg zu dieser Gleichung wiesen.

Bodanis' ideengeschichtliche Darstellung von Einsteins Formel bzw. der Begriffe Energie (E), Masse (m) und Lichtgeschwindigkeit (c) wird dabei zum Thriller - schließlich geht die Atombombe auf diese Gleichung aller Gleichungen zurück. Wissenschaftler, Regierungen und Geheimdienste lieferten sich ein Wettrennen um die technische Anwendung der Äquivalenz (das Ist-gleich-Zeichen) von Energie und Masse - bis zu dem Tag, als über Hiroshima die erste Atombombe ("Big Joe") gezündet wurde.

Die Wissenschaftler des "Manhattan Projects", allen voran Robert J. Oppenheimer, hatten sich der Illusion hingegeben, in den Gang der Geschichte eingreifen zu können - und mussten erfahren, dass das Militär Waffen bauen lässt, um sie auch anzuwenden. Diese Lektion begleitet seither die Wissenschaft, und der Diskurs über den Stellenwert der Ethik in der Forschung ist seitdem nicht weniger aktuell geworden. Es gehört zu den tragischen Seiten des Lebens des Pazifisten Einstein, von den politischen Ereignissen und den militärischen Implikationen seiner Formel eingeholt worden zu sein. Bodanis zeigt anschaulich, wie die Einsichten der Vorläufer Einsteins zu einer neuen Weltsicht verwoben werden, die den Mikrokosmos und den Makrokosmos, Atom und Weltall einer wissenschaftlichen Beschreibung zugänglich machen.

Der Autor bringt dabei jene Leichtigkeit in der Darstellung schwieriger wissenschaftlicher Zusammenhänge mit, die populäre angelsächsische Wissenschaftssachbücher auszeichnet - ohne je unseriös oder unnötig moralisierend zu werden. Der Verlag hat sich offensichtlich Mühe gegeben, nicht hinter die Qualität des Originals zurückzufallen. So wird das außerordentliche Lesevergnügen durch einen ausführlichen Anmerkungsteil und Kommentare zur weiterführenden Literatur abgerundet.Die Kernphysikerin Lise Meitner, 1878 im 2. Wiener Bezirk geboren, ist eine der großen Frauen der Physik des 20. Jahrhunderts. Doch: "Frau und Jüdin - das ist zu viel", wie ein Professor der Physik sich gegenüber Marietta Blau ausdrückte, einer jüngeren Fachkollegin Meitners, als Blaus Habilitation anstand. Die Matura muss Lise Meitner am Akademischen Gymnasium in Wien noch als Externistin ablegen, da Frauen der reguläre Zugang zu den höheren Schulen damals verschlossen war. Als eine der ersten Frauen studiert sie Physik bei Ludwig Boltzmann und wird an seinem Institut mit dem neu entdeckten Phänomen der Radioaktivität bekannt, dem sie ihr Leben als Forscherin widmen wird.

Nach dem Selbstmord Boltzmanns 1906 geht sie nach Berlin und trifft dort auf eine einzigartige Konstellation hervorragender Gelehrter, unter ihnen Max Planck, der Begründer der Quantentheorie, und Albert Einstein, der Fräulein Meitner einmal als "unsere Madame Curie" bezeichnete. Dort beginnt sie ihre Zusammenarbeit mit dem Chemiker Otto Hahn, bis sie nach langen Jahren geduldigen Wartens im Schatten des männlichen Kollegen endlich selbst eine Professur am renommierten "Kaiser-Wilhelm-Institut" erhält: Die männerdominierte Forscherwelt tat sich schwer mit einer Frau in ihrer Mitte.

Die US-amerikanische Chemikerin und Wissenschaftshistorikerin Ruth Lewin Sime legt mit "Lise Meitner. Ein Leben für die Physik" ein Werk vor, das endlich Meitners wissenschaftlichen Leistungen den ihnen gebührenden Platz zuweist. Denn allzu lange wurde ihr Wirken als Hilfestellung für den Chemiker Otto Hahn abgetan - allzu gerne wurde behauptet, dass sie ja nur die Assistentin des Entdeckers der Kernspaltung und späteren (1946) Nobelpreisträgers gewesen sei.

Aus prononciert feministischer Perspektive geschrieben, stellt die Autorin den ganzen bewegten Lebensweg dieser Frau dar - von den Wiener Anfängen, den drei Jahrzehnten in Berlin, über ihre Flucht 1938 aus Deutschland (da ihr österreichischer Pass keinen Schutz mehr bot vor den judenfeindlichen Maßnahmen der Nazis) bis zu den Jahren des Exils in Schweden und ihrem Lebensabend im Hause ihres Neffen Otto R. Frisch in England.

Im Vergleich zu den bisher erschienenen Darstellungen von Meitners Leben und Werk erfüllt Simes Buch die Ansprüche an eine umfassende wissenschaftliche Biografie, die sich auf die Auswertung aller zugänglichen schriftlichen Quellen stützt. So entsteht ein Porträt nicht nur der Physikerin Meitner, sondern ein breites Epochengemälde vom damaligen Ringen um ein besseres Verständnis des Aufbaus der Materie. Und doch schreibt Sime kein Physik-und-Chemie-Buch für Spezialisten. Die Autorin versteht es immer wieder, den persönlichen Schicksalen nachzugehen, die sozialen und politischen Hintergründe jener Generation von Wissenschaftlern mit deren Forschungen zu verknüpfen. Wie auch Bodanis, so vermittelt auch Sime, wie spannend scheinbar trockene Wissenschaft sein kann.

Die Autorin ist bei ihrem Porträt Lise Meitners engagiert bis hin an jene Grenze, die auch heute noch die Welt ihrer männlichen Fachkollegen herauszufordern vermag. Während ihr Buch in den USA Preise einheimste, war die Reaktion in Deutschland auf das Erscheinen der US-amerikanischen Ausgabe ambivalent bis ablehnend. Sime hatte in ihrer Darstellung des Verhältnisses von Hahn und Meitner zu sehr deutsche Empfindlichkeiten getroffen - die Auseinandersetzung darüber wird seither in einschlägigen Journalen fortgeführt. Umso gespannter darf man den Reaktionen auf die nun vorliegende deutsche Ausgabe entgegensehen.

Lise Meitners wissenschaftliches Werk hat inzwischen jene Anerkennung gefunden, die ihren Leistungen zusteht - und die Ewigkeitscharakter beansprucht: Das Element 109 wurde 1993 offiziell "Meitnerium" benannt.

Wolfgang L. Reiter in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 32)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Bis Einstein kam (David Bodanis, Michael Zillgitt)

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