Der Tanz des Lebens

von Ketil Bjørnstad, Lothar Schneider

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Insel
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 35/2002

Tom Coraghessan Boyle loben heißt Eulen nach Athen respektive Brot zum Bäcker respektive Japaner in eine Louis-Vuitton-Filiale tragen, muss also als eine den Allgemeinkonsens strapazierende Eh-schon-wissen-Angelegenheit bezeichnet werden. Der neue Boyle ist ein Erzählband, heißt auf Deutsch "Schluss mit cool", und es wäre nicht Boyle, wenn das thematische Terrain nicht ähnlich weit gefasst wäre wie das Herz Barbara Stöckls: In den 16 Geschichten gehts unter anderem um Fitnessfixierung, Kindesweglegung und Männerauktionen, um Liebe, Tod und Internet-Sex, um Abtreibung, Umweltkatastrophen, Literaturstars und Alkoholismus.

Die gern verwendete Masche: Boyle lässt ein Idyll lustvoll wahlweise ins Tragische, Apokalyptische oder Absurde kippen. Die verhärmte, depressive Lehrerin metzelt plötzlich den stiernackigen Randalierer nieder, der nette Surfshopbesitzer vergiftet ungewollt seine Freundin. Die Gesellschaft als Freak-Revue, Boyles Protagonisten als "Menschen-wie-du-und-ich"-Pandämonium der US-amerikanischen Mittelklasse.

Die inhaltliche Düsternis seiner Geschichten konterkariert Boyle dankenswerterweise mit einer üppigen, süffigen, bunten, frechen, prallen, poetischen, lebendigen und unkonventionell anschaulichen Schreibe: "Das da oben war der Himmel, heiß und mit dem Spiegelei der Sonne mittendrin, und das hier unten war der Boden, hart und mit einer Schicht aus versengtem Gras."

"Rost", eine der eindrücklichsten Geschichten des Bandes, beginnt mit diesem Satz: Walt, ein pensionierter Sportlehrer, ist im Garten über irgendetwas gestolpert und kommt nicht mehr hoch. Er liegt in der prallen Sonne, flucht und erinnert sich an früher, ab und an switcht Boyle zu Walts Frau Eunice, die im Haus vermittels Wodka-Soda und TV-Soaps durch Tag und Restleben deliriert.

Sie konnte mal rauchen wie Ava Gardner, er hatte mal Muskeln aus Stahl; jetzt ist da nur noch Resignation, Verwahrlosung und Dünnpfiff. Endlich kommt Eunice in den Garten, um Walt zu suchen, und fällt - es ist schon dunkel - über ihn drüber. Sie liegen dann also beide da, es ist Nacht, keiner kann sich rühren, und die Geschichte und wohl auch das Leben der beiden ist aus. Ist je ein ergreifenderes, lakonischeres Bild vom Stillstand des Lebens gefunden worden? Ist es nicht.Enorm rückblicksfreudig hat Ketil Bjoernstad seinen irgendwasundzwanzigsten Roman angelegt, an eine Zeile Handlung kann der 1952 geborene Norweger locker zwei Seiten Erinnerungen dranhängen. Anfangs hat man damit Mühe, doch irgendwann ist man eingelullt davon, schwimmt mit im ruhig-trägen, dann und wann mit kleinen Wirbeln versehenen Erzählfluss und wird Zeuge der "langsamen Havarie" des Protagonistenlebens.

Nein, viel klappt wirklich nicht mehr im Leben Ludvig Hassels. Nach seiner Nichtberücksichtigung für den Direktorsposten der Osloer Nationalgalerie hat der kauzige Kunsthistoriker karrieretechnisch keine großen Sprünge mehr zu erwarten, und auch privat läuft die Sache nicht wirklich rund: Die Exfrau will, wenns gut geht, nur Geld, die Kinder dümpeln ohne Ambition durchs Leben. Der zur Lebensabschnittsgefährtin mutierte Scheidungsgrund müht sich zwar, sich als "kettenrauchende, rustikale, vulgäre und sinnliche Ausgabe der amerikanischen Filmschauspielerin Kim Basinger" zu inszenieren, ist aber letztlich auch nur in zeitlich limitierten Dosen zu ertragen.

Gesamtatmosphärisch muss "Der Tanz des Lebens" als eine stimmige Mischung aus einem Woody-Allen-Film (der Sarkasmus und die leichte Sex-Fixierung der Hauptfigur) und einem Thomas-Bernhard-Roman (Hassels Welt- & Lebensekel, die sich in erinnerungsgetränkten Schleifen voranmühende Handlung) beschrieben werden; Bjoernstad finalisiert etwas unglücklich, aber was solls: Das Buch liest sich wie eine Eins, wenn man viel Zeit hat, und wenn es regnet.

Stefan Ender in FALTER 35/2002 vom 30.08.2002 (S. 52)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Schluß mit cool (T.C. Boyle, Werner Richter)

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