Der Weg nach Xanadu

von Wilfried Steiner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Insel
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

"Der Weg nach Xanadu" führt Wilfried Steiner in die Untiefen der englischen Romantik.

Vielen ist das Wort Xanadu allenfalls aufgrund des Discostücks von Olivia Newton-John ein Begriff. Immerhin geht aus dem Titelsong zum gleichnamigen Musicalfilm von 1980 schon hervor, dass es sich dabei um einen mythenumrankten Ort von sagenhafter Schönheit handeln muss ("Open your eyes and see, what we have made is real; we are in Xanadu"). Der als künstlerischer Leiter des Kulturzentrums Posthof in Linz lebende Autor Wilfried Steiner führt in seiner Geschichte einer sehr persönlichen literarischen Spurensuche nun näher an das vor allem auf Dichter inspirierend wirkende Xanadu heran.
Nachdem bereits Marco Polo von einem paradiesischen Ort dieses Namens zu berichten wusste, las Ende des 18. Jahrhunderts der als genialer Lyriker und Freund von William Wordsworth in die Literaturgeschichte eingegangene englische Romantiker Samuel Taylor Coleridge nach Opiumgenuss in einem Sagenbuch die ersten Verse einer Dichtung über den orientalischen Herrscher Kublai Khan und sein Fabelland samt prunkvollem Palast – Xanadu. Coleridge schlief ein und träumte, wie er später behaupten sollte, ein mehrere Hundert Zeilen langes Poem, bei dessen Niederschrift er jedoch gestört wurde.
Das kurze Fragment "Kubla Khan" (1797) gilt aufgrund seiner visionären Sprache nichtsdestotrotz als eines der bedeutendsten Gedichte der englischen Sprache. Und es markiert den Beginn des magischen Jahres, in dem Coleridge seine wichtigsten Werke verfassen sollte. Zuvor: solides Handwerk. Danach: Durchschnitt. Schließlich: totales Verstummen, denn nach Ablauf seiner befristeten Hochblüte wurde der Dichter Tag und Nacht von furchtbaren Träumen heimgesucht und verfiel schließlich ganz dem Opium. Ist Coleridge für ein Jahr in Xanadu einen Pakt mit dem Leibhaftigen eingegangen?
Hier nun setzt der zwischen Wien und England angesiedelte zeitgenössische Strang des Romans ein. Alexander Markowitsch ist Mitte vierzig und zieht seine Genüsse höchstens noch aus den Küchen der Restaurants, die er zum eigenen Vergnügen testet. Ansonsten hat er es sich als Uniprofessor für englische Literatur bequem gemacht. Bis ihn eines Tages ein Student anfleht, bei ihm seine Dissertation über Coleridge schreiben zu dürfen. Alexander willigt nur deshalb ein, weil ihn die Freundin des eifrigen Nachwuchsphilologen schon beim ersten Anblick elektrisiert. Er verfällt der rätselhaften Schönen, die zu seinem Erstaunen auch an ihm Gefallen findet, sich letztlich aber doch entzieht und ihn auf die Suche nach jenem sonderbaren Zimmer schickt, das Alexander seit ihrer ersten Begegnung im Traum verfolgt – und in dem wohl Coleridge seine genialen Gedichte zu Papier brachte. Der Schreibtischtäter bricht auf nach Xanadu.

Wilfried Steiner ist mit seiner ersten Veröffentlichung im renommierten Insel-Verlag ein literarischer Coup gelungen: Sorgfältig verknüpft er die 200 Jahre voneinander entfernten Handlungsstränge zu einem immer dichteren Gewebe, dem sich weder die längst nicht mehr kühl kalkulierende Hauptfigur noch der Leser entziehen kann. Einerseits wird man von der passagenweise ausgesprochen düsteren Spannung des Romans überwältigt, andererseits sorgt der überwuzelte Alexander mit seinem Sprachwitz immer wieder für überraschende Pointen. Bei aller Unterhaltung verliert der Autor jedoch nie sein großes Thema aus dem Blickfeld – die Magie der Dichtung und ihre nicht zu leugnende Wirkung auf das Leben.

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 10)


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