Der Schatten des Windes

von Carlos Ruiz Zafón, Peter Schaar

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Insel
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 48/2003

Mit "Der Schatten des Windes" löste Carlos Ruiz Zafón eine wahre "Zafómania" aus - indem er sich bei anderen bedient hat.

Erfolg ist planbar. In Spanien reicht offenbar ein einfaches Rezept: Man nehme die Werke der Bestsellerlisten der vergangenen Jahre und drehe sie durch den Fleischwolf. "Der Schatten des Windes" von Carlos Ruiz Zafón war der Renner des Jahres 2002, erlebte 15 Auflagen und entfachte eine wahre "Zafónmania" - kein Wunder, dass der 1964 geborene Autor ursprünglich in der Werbebranche arbeitete.

"La sombra del viento" weckt von allem Anfang an ein "Déjà-lu"-Gefühl: Vieles hat man schon einmal gelesen. Von Arturo Perez-Reverte ("Der Club Dumas") etwa hat sich Zafón abgeschaut, wie man die Literatur als solche in den Mittelpunkt einer Art Kriminalstory im "Mantel und Degen"-Stil stellen kann. Von Eduardo Mendoza ("Die Stadt der Wunder") hat er gelernt, wie man die katalanische Metropole Barcelona samt ihren mitunter exzentrischen Bewohnern im Stil eines modernen Schelmenromans durch den Kakao zieht. Der Romanbeginn wiederum erinnert frappant an "El expendiente del naufrago" ("Der Akt des Schiffbrüchigen") von Luis Mateo Diez, den niemals ins Deutsche übersetzte spanischen Sommerhit des Jahres 1992.

Nimmt die Geschichte bei Diez in einem obskuren Literaturarchiv ihren Lauf, steht bei Zafón am Anfang die labyrinthartige "Bibliothek der vergessenen Bücher", in die der zehnjährige Daniel im Jahr 1945 von seinem Vater, einem verwitweten Buchhändler, mitgenommen wird. Die Bibliothek wird von unverbesserlichen Bücherwürmern gespeist, die sie mit Werken füllen, die sonst ... Dort darf Daniel die Patenschaft übernehmen, über den Roman "Der Schatten des Windes", der in einem kleinen Verlag in Barcelona erschienen ist. Noch ahnt David nicht, dass er sich damit auf ein lebensgefährliches Verwirrspiel von Liebe, Verrat, Gewalt und Hass einlässt, das ihn viele Jahre beschäftigen wird. Offenbar hat Daniel das einzige noch vorhandene Exemplar in seinen Besitz genommen, alle anderen wurden von einem Unbekannten verbrannt. Zudem unternimmt ein geheimnisvoller Fremder mit entstelltem Gesicht den Versuch, Daniel auch diese letzte Ausgabe abzujagen. Geheimnisumwittert ist auch das Schicksal des Autors Julián Carax, der ein paar Jahre zuvor gestorben sein soll und in dessen Vita sich Daniel im Zuge seiner Nachforschungen immer mehr verstrickt.

All das schildert Ruiz Zafón in einer anheimelnden Sprache, deren banale Schwülstigkeit jedoch oft an die Grenze des Erträglichen geht. Immer wieder ist vom "Gift" die Rede, das sich in die Herzen schleicht. Diese schlagen prinzipiell "bis zum Hals", Blicke können nur "flehend" sein und Gesichter sind - soferne nicht völlig vernarbt - offenbar hauptsächlich zum Erröten da. Wobei dem Autor ein gewisses Geschick nicht abzusprechen ist. Der dynamische Plot reißt den Leser mit, sodass diesen bald - um in der Sprache des Buches zu bleiben - ein gieriges Verlangen befällt, der Lösung aller Rätsel auf die Spur zu kommen. Die Entwirrung des verknoteten Erzählfadens ist fein durchdacht und grundsolide, auch wenn der Roman eine wirkliche Überraschung dann doch nicht zu bieten hat.

Der Schatten des Windes" ist ein Großstadtroman und die Schilderung des Barcelona der Dreißiger- bis Fünfzigerjahre, in denen noch Straßenbahnen um die Ecken knirschten, der Regen das Kopfsteinpflaster spiegelglatt schmierte und in den herabgekommenen Altstadtviertel Charakterköpfe gediehen, hat schon ihre Reize. Bloß, dass die gelungensten Passagen oder Figuren frappant an solche von Eduardo Mendoza erinnern und der Epigone dem Meister auf Dauer nicht das Wasser reichen kann. Bleibt noch das Eintauchen in die bleiernen Jahre des Bürgerkriegs und die stickig-repressive Atmosphäre der ersten Phase des Franco-Regimes. All das ist hübsch aufbereitet und schwimmt im Bürgerkriegs- und Franco-Boom, den Autoren wie Antonio Muñoz Molina, Rafael Chirbes, Manuel Rivas, Juan Manuel de Prada oder zuletzt Javier Cercas der spanischen Literatur zuletzt bereitet haben. Auch auf dieser Welle weiß Ruiz Zafón also gewandt zu surfen.

Edgar Schütz in FALTER 48/2003 vom 28.11.2003 (S. 61)


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