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Verlag: Insel
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 20/1999

Hochzeit des Uhrmachers

Vor 200 Jahren starb Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais -ein Spion, Revolutionär und Taktiker am Hof, vor allem aber der Autor von Stücken, die den Pöbel erheiterten und den Adel im Mark trafen.

Der Mann setzte auf den Geist. In die Wiege gelegt war es Pierre-Augustin Caron freilich nicht, daß er dadurch die Mitwelt bewegen und die Nachwelt bezaubern würde. Während sich Voltaire und Friedrich II. von Preußen über die Grundsätze der Aufklärung stritten, machte sich der knapp Zwanzigjährige zu Anfang der 1750er Jahre noch daran, in der Pariser Werkstatt seines Vaters einen neuen Hebemechanismus für Uhren zu erfinden. Noch kein Gedanke daran, daß sich der junge Caron später einmal de Beaumarchais nennen sollte, seine Stücke den Pariser Pöbel erheitern und den französischen Adel im Mark, d.h. an der Ehre treffen würden.

Wie aber wird man Mitte des 18. Jahrhunderts vom kleinen Uhrmacher zum Adeligen? Man verschafft sich Zugang zum Hof Ludwigs XV. Dort unterrichtet man die Töchter des Königs im Harfespiel, legt sich einen klingenden Namen zu, beginnt ein Verhältnis mit der jungen Frau eines ebenso reichen wie alten Geschäftsmannes, übernimmt infolge Todesfalls dessen Geschäfte und heiratet schließlich die immer noch junge und nun reiche Witwe. So ausgestattet, kauft man sich den Adelstitel - bei Beaumarchais war es 1761 soweit (die junge Frau war da schon wieder dahingeschieden). Der einstige Uhrmacherlehrling war nun reich, adelig und frei - und er nutzte es.

Beaumarchais wurde als französischer Spion nach Spanien geschickt. Zu dieser Zeit begann er haßerfüllt und spottgeschwängert gegen alles zu schreiben, was feudalistisch und antirepublikanisch war. Doch erst Anfang der siebziger Jahre war seine erste große Komödie fertig: der "Barbier von Sevilla", ein spritziges Lustspiel, später von Rossini vertont. Darin wird die überlegene Geisteskraft der kleinen Leute vorgeführt und die Erbärmlichkeit des französischen Adels nachgezeichnet - amüsant bis heute. Selbstverständlich wurde das Stück sofort verboten, gespielt wurde es in den kleinen Pariser Hinterhofbühnen dennoch - und 1775 dann auch offiziell aufgeführt.

Das Leben des überzeugten Republikaners mit Adelstitel blieb bunt und bewegt. Er heiratete wieder eine junge Frau, versuchte durch Waffenlieferungen an die Aufständischen in Amerika Geschäfte zu machen (und ging damit fast pleite), gründete eine Gesellschaft der Theaterautoren - und mußte es sich gefallen lassen, daß auch seine zweite große Komödie, "Die Hochzeit des Figaro", vom König zunächst verboten wurde. Erst 1784 stimmte Ludwig XVI. der Aufführung zu - während Joseph II. in Österreich noch 1785 ein Memorandum verfaßte und das Stück untersagte. Auf Mozart hat das wohl entsprechenden Eindruck gemacht: Er beauftragte da Ponte mit der Herstellung eines Librettos, und kurz darauf gab es, um einige kritische Passagen der Vorlage erleichtert, die Oper "Le Nozze di Figaro".

Beaumarchais ist durch seine Stücke berühmt geworden; er war aber auch Vor- und Mitkämpfer der Französischen Revolution. Zahllose Affären begleiteten seine öffentlichen Auftritte, er wurde zum homme de societe, umtriebig an allen Orten und politisch aktiv. Weder Vorsicht noch Rücksicht waren seine Stärke: Schon 1792 wurde er verhaftet, dann wieder freigelassen und mußte nach Holland und Hamburg auswandern. Seine Frau, seine Tochter und die Schwestern wurden zum Tode verurteilt, aber begnadigt. Beaumarchais selbst konnte erst 1796 wieder zurück nach Frankreich - wo er frustriert vom Lauf der Dinge und wenig bedankt am 18. Mai 1799 starb.

Bis heute steht Beaumarchais für Witz und Intellektualität. Er selbst und sein Werk sind nicht frei von den Ambivalenzen der heraufziehenden Bürgergesellschaft: Freiheit und Wohlstand werden darin emphatisch begrüßt. Aber während der Geist die Freiheit postulierte, machte sich der Ungeist ans Verdienen. So ist es nicht nur eine Frage des Kalenders, daß zwei Tage nach dem Tode Beaumarchais' der Buchhalter und leidenschaftslose Chronist der Bourgeoisie das Licht der Welt erblickte: Honore de Balzac trat an die Stelle von Beaumarchais, nüchterne Illusionslosigkeit ersetzte freiheitsfordernden Wortwitz.

Alfred J. Noll in FALTER 20/1999 vom 21.05.1999 (S. 69)


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