Jewgeni Onegin
Roman in Versen

von Alexander Puschkin

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Übersetzung: Rolf-Dietrich Keil
Vorwort: Rolf-Dietrich Keil
Verlag: Insel Verlag
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.05.1999

›Jewgeni Onegin‹ ist mehr als nur die unglückliche Liebesgeschichte zwischen dem großstädtischen Dandy Jewgeni Onegin und der Schönheit vom Lande Tatjana Larina: Es ist die erste umfassende Schilderung der russischen Gesellschaft und war Vorbild für Pjotr Tschaikowskis berühmte Oper. Alexander Sergejewitsch Puschkin wurde 1799 in Moskau als Sohn eines adligen Gardeoffiziers geboren und starb 1837 in Sankt Petersburg an den Folgen einer Schussverletzung nach einem Duell. Als Lyriker und Schriftsteller war er zeitlebens provokant, seine Werke unterlagen der Zensur. Er ist einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller, zu seinen bekanntesten Werken zählen u. a. Eugen Onegin, Boris Godunow und Die Hauptmannstochter.

Rezension aus FALTER 23/1999

Unser Puschkin

Am 6. Juni wäre Alexander Puschkin 200 Jahre alt geworden. "Unser ein und alles", wie der Dichter genannt wird, wurde von den unterschiedlichsten Menschen aus unterschiedlichsten Gründen geliebt. Geliebt aber wurde und wird er.

Erinnern Sie sich an die Szene aus "Kadotschnikow, der Spion"1: Unser Held spielt in einer nicht gerade echt aussehenden SS-Uniform einen Deutschen. Mit den widerlichen Fritzen, richtigen SSlern, feiert er Silvester, grölend wird auf den Sieg angestoßen. "Auf den Sieg!" stimmt unser Held ein, um mit einem Zwinkern zum Publikum bedeutungsvoll hinzuzufügen: "Auf UNSEREN Sieg!" Alles klar, welcher Sieg gemeint ist - unserer!

Genauso verhält es sich mit Puschkin. Obschon die Bezeichnung "unser ein und alles" längst eine leere Worthülse darstellt, wird sie von Zeit zu Zeit zu einem Gegenstand heftiger Diskussionen. In der Ära des totalen Staates fiel die Betonung logischerweise auf "ein und alles". Kaum waren aber in Staat und Gesellschaft die ersten Anzeichen von Vielfalt und kultureller Dezentralisierung erkennbar, lag der Akzent auf "unser". "Puschkin ist unser ein und alles", schreien die einen. "Nein, er gehört uns", wird ihnen entgegengeschleudert.

Mitunter wird er noch als "euer alles" bezeichnet. Aus dem Mund eines bekannten, auf Puschkin-Lesungen spezialisierten Schauspielers war kürzlich als Antwort auf eine Journalistenfrage nach dem Dichter zu hören: "Wie ihr mir mit eurem Puschkin auf die Eier geht!"

Das Phänomen namens "Puschkin", das nicht nur sein "schöpferisches Erbe" und die von ihm selbst nach allen Regeln der Kunst geschaffene eigene Biografie, sondern auch noch sein merkwürdiges Aussehen einschließt, wird immer Neugier erwecken. Bis heute ist zum Beispiel nicht klar, warum gerade er mit der Aufgabe betraut wurde, Puschkin zu sein. Etwas Neues über ihn zu sagen ist dabei praktisch unmöglich. Vorläufig war nur noch nicht zu lesen, daß er eigentlich eine Frau war oder - daß es ihn überhaupt nicht gab. Aber auch in diesen Dingen darf man nicht ganz sicher sein. Und dennoch will man etwas über ihn sagen - an ihn zu denken macht zum Beispiel immer fröhlich. Ohne ihn wäre es langweilig.

Vermutlich ist Puschkin heute das einzige Beispiel jener vielfach beschworenen, odiosen nationalen Versöhnung: Ihn lieben - oder achten zumindest, wenn sie ihn auch nicht lesen - alle. Dabei werden ihm die unterschiedlichsten, manchmal absolut entgegengesetzten Ansichten zugeschrieben. Die Dissidenten und Freidenker lieben ihn für sein Dissidententum und sein Freidenkertum; die Patrioten für seine Staatsräson und das gegen den polnischen Aufstand von 1831 verfaßte Gedicht "An die Verleumder Rußlands". Die Kosmopoliten für sein Europäertum, für seine fremdländische Herkunft und das "ein Teufel mit Talent und Geist muß es sich ausgedacht haben, daß gerade ich in Rußland zur Welt kam". Bei den Afrikanern ist es klar, wofür sie ihn lieben; anders bei den Juden, aber die lieben ihn schrecklich. Die Minimalisten lieben ihn für die Leerzeilen im "Onegin", die Postmodernen für Verse wie "der Leser erwartet nun den Reim auf Rose", für die "anderen" Themen und "anderen" Ausdrücke, vor allem für die Mutterflüche. Die Gottlosen lieben ihn für die "Gabrieliade" (in der Maria an einem Tag sowohl vom Herrgott, als auch vom Erzengel Gabriel und vom Teufel beglückt wird). Die Frauen lieben ihn für das "Ich habe sie geliebet" und die maßlose Don-Juan-Liste. Die Alkoholiker lieben ihn für "Alleine trinke ich", die Obdachlosen für "uns ist die ganze Welt nur Fremde", alle anderen - für alles andere.

Und dann ist da natürlich noch die Staatsmacht. Wie könnte man sie vergessen! Das "außerordentlichste Genie aller Zeiten und Völker", Stalin, suchte noch nach einer kulturgeschichtlichen Legitimation des eigenen Titels. Die Rolle des bloßen Usurpators wollte ihm doch nicht ganz gefallen. Puschkin hat in diesem Fall ganz genau gepaßt: Zu Lebzeiten war er schon als Genie bezeichnet worden, überdies jährte sich im unvergeßlichen Terrorjahr 1937 sein Todestag zum hundertsten Mal. Die bloß metaphorische Natur dieser Bezeichnung - im Geist der Romantik bezog sich Genie nur auf das Werk - hat dabei niemanden gestört.

Jetzt zu anderem - das im gegebenen Fall gar nicht so weit davon ist. Die neueste kommentierte Puschkin-Ausgabe erscheint mit einem Vorwort des Präsidenten (weltliche Macht) und dem Segen des Patriarchen (geistliche Macht). Was ist das anderes als die Weiterentwicklung der Traditionen Stalinscher "Literaturwissenschaft", die der Welt so unvergeßliche Einsichten geschenkt hat wie: "Das ist eine stärkere Sache als Goethes ,Faust'" (über eine läppische Erzählung von Gorkij). Die Machthaber aller Zeiten lieben ihn, weil auch er der Allergrößte ist. Sie leben schon allein deshalb ruhiger und selbstbewußter, weil es offenbar in ihren höchst fremdartigen Gefilden auch einen Generalissimus gibt, einen Präsidenten, Vorsitzende, Vorsteher und so fort. Und genau deshalb freuen sie sich auch über jede weitere Maßnahme zur Verewigung "ihres ein und alles".

Als gesunde Reaktion auf die staatlichen Puschkin-Veranstaltungen gab es allerdings immer wieder auch höchst bedeutende alternative "Puschkiniana". Die Befürchtung, daß der gute Mann in den schwülstigen Umarmungen der Mächtigen erstickt, hat in Rußland oftmals recht bedrohliche Ausmaße angenommen. Man denke nur an den Puschkin-Stalinschen Jubiläumssabbat in den dreißiger Jahren, auf den Daniil Charms mit seinem Bild des Nationaldichters geantwortet hat: "Puschkin war bekanntlicherweise ein Idiot (...)".

Puschkin wird in Stücke gerissen. Wobei er ganz leicht zerreißt. Und da er kein Monolith ist, verliert er dabei nichts an Vollkommenheit. Entgegen der klassischen Formulierung ist er nicht die Sonne der russischen Poesie, sondern eher deren Luft, ihre Atmosphäre. Er ist in das Blutsystem, ohne jegliche Injektion, eingegangen; er ist weder Doping noch Tranquilizer, am ehesten Vitamin, nützlich für die Gesundheit.

Was auf keinen Fall zu ihm paßt, ist das Wort "Lehrer". Und wenn er schon ein Lehrer sein soll, dann gehört er eher zu jener Kategorie des geschätzten Lehrers, in dessen Stunden man tratscht und Grimassen schneidet. Man lädt ihn zu Geburtstagsfeiern ein und zwingt ihn, Bruderschaft zu trinken; untereinander nennt man ihn Saschka, gar Affe oder Franzose, oder Hundsfott (wie er sich selbst einmal bezeichnet hat); auf jeden Fall erinnert man sich an ihn das ganze Leben lang und erkundigt sich nach seiner Gesundheit. Er ist einer von uns - klasse. Nicht im Sinne von Klassenlehrer, sondern von - Klasse. Sein didaktisches Credo besteht in der Formel "Lieb dies und jenes - mach nur, was du willst". Wie sollte man solchen Ratschlägen nicht folgen. Vielen Dank für diese Lehre, Alexander Sergejewitsch!

Das Jubiläum ist zweifelsohne eine Dummheit. Warum 200 Jahre und nicht etwa 201 oder 197. Gut - sei es also der Anlaß für einen überflüssigen Festtag. Und überdies gibt es überflüssige Feiertage gar nicht. Deshalb - setzen wir uns an den Tisch, schenken wir ein, stoßen wir an. Worauf trinken wir? Auf alles. Auf unseren ein und alles!

Lev Rubinstein in FALTER 23/1999 vom 11.06.1999 (S. 76)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der eherne Reiter (Alexander Puschkin)
Gedichte (Alexander Puschkin)
Puschkin (Rolf-Dietrich Keil)
Puschkins Hase (Andrej Bitow)
Erotische Gedichte (Alexander Puschkin)
Ausgewählte Werke in 3 Bänden (Alexander Puschkin)
Die Reise nach Arzrum während des Feldzugs des Jahres 1829 (Alexander S Puschkin, Peter Urban (Hg.))
Die Erzählungen (Alexander Puschkin, Peter Urban)

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