Philomena Ellenhub
Ein Salzburger Bauernroman

von Johannes Freumbichler, Thomas Bernhard

€ 14,40
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Verlag: Insel Verlag
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 588 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.01.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Die Oma von Thomas Bernhards Opa …

Ein "Salzburger Bauernroman" aus dem Jahr 1937, das klingt verdächtig nach Alpenkitsch oder Blut und Boden. Nun stammt das Buch aber von niemand anderem als Johannes Freumbichler, Thomas Bernhards Großvater, über den der berühmte Enkel schrieb: "Alle meine Kenntnisse sind zurückzuführen auf diesen für mich in allem lebens- und existenzentscheidenden Menschen." Man nähert sich dem Roman, der anlässlich von Bernhards 20. und Freumbichlers 60. Todestag bei Insel neu verlegt wurde, also mit allem gebotenen Respekt.
Die ersten Seiten wird man trotzdem eher durchleiden. Da liegen Felder und Wiesen wie buntbestickte Teppiche überm Land, gar fröhlich kräht die Kinderschar, die hochbuckelige Postkutsche rollt über das weiße Band der Reichsstraße in die weite, schöne Welt ... Und doch wäre es falsch, sich von der altertümelnden Sprache, an die man sich dann rasch gewöhnt, den Blick auf die Geschichte verstellen zu lassen, die einen dann langsam, aber sicher in ihren Bann zieht.

Sie spielt größtenteils im Vormärz. Selbst im vermeintlich stockkonservativen Salzburger Land sind die Menschen zwischen Kaisertreue und revolutionären Strömungen hin- und hergerissen, die Atmosphäre des Romans ist spürbar gewaltgeladen. So ungemütlich wie das politische Klima ist auch die Lebensgeschichte Philomenas: Die Eltern sterben früh, sie und ihre acht Geschwister müssen den elterlichen Hof verlassen und sich als Dienstboten verdingen, auf Gedeih und Verderb neuen "Pflegeeltern" ausgeliefert.
Es ist das ernüchternde Bild einer ziemlich harten alten Zeit, das Freumbichler in seinem Roman zeichnet. Bemerkenswert ist die Hauptfigur: Eine Frau, die zeit ihres Lebens unverheiratet bleibt, wechselnde Liebhaber hat, ein uneheliches Kind bekommt, sich unter oft widrigen Umständen nach oben arbeitet – und die schließlich zu hohem Ansehen im Dorf gelangt.
So manches Vorurteil gegenüber der vormodernen bäuerlichen Welt wird man beim Lesen der "Philomena" revidieren müssen, von der vermuteten Sittenstrenge etwa ist im Roman wenig zu bemerken. Die zwei Aktivitäten, die das Leben seiner Figuren dominieren, sind Arbeit und Sex. Partnerwechsel sind nicht unüblicher als in der Gegenwart, für uneheliche Kinder sorgt im Dorf die "Kinderkathl", deren gut laufender Betrieb heute als private Krabbelstube nicht viel anders aussähe.

Bei aller geschilderten Freizügigkeit – sogar eine dubiose Sex-Sekte gibt es – ist der Grundton der Geschichte reaktionär: Tüchtigkeit und Fleiß führen zum Glück, ein zu leichtes Schicksal ist schlecht für den Charakter, zu große körperliche Schönheit auch. Freumbichler, der eine so turbulente wie prekäre Existenz führte, hat wohl auch seine Sehnsucht nach klaren Verhältnissen in den Roman gepackt. Macht nichts – "Philomena Ellenhub" ist nämlich ein literarisches Denkmal für die Großmutter des Autors. Es dürfte sich um eine erstaunlich emanzipierte und interessante Dame gehandelt haben.

Georg Renöckl in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 22)


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