Wiener Passion
Roman

von Lilian Faschinger

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

In ihrer "Wiener Passion" hat Lilian Faschinger einen bizarren historischen Roman in eine moderne Rahmenhandlung gestellt und zwei Frauenschicksale routiniert verknüpft.

Rosa T. kann sich kaum mehr auf den Beinen halten. Ihre Lymphknoten sind geschwollen, am Körper offene, entzündete Pusteln. Syphilis, so die Diagnose der Kurpfuscherin, in deren Hände sie sich begibt. Die Behandlung sei einfach, erfährt Rosa: Zuerst einmal müsse sie sich genau an ihre Medizin halten, eine Mixtur aus zu Asche gebranntem Schweinekot und einigen Haaren eines unberührten Mädchens. Und dann solle sie sich nach einem Henker umsehen und diesen zum Beischlaf überreden. Und dann, ja dann, sei sie ihren Schanker los. Rosa Havelka, geb. Tichy, staunt – und gehorcht. Sie heuert den Scharfrichter Josef Lang an, der in einem Bootsschuppen an der Donau über sie herfällt. Geheilt? Sieht so aus. Rosa springt dem Tod von der Klinge und landet letztlich doch unterm Rad. Eine wie Rosa, ein naives Mädel aus der Provinz, kann in einer liederlichen, bigotten Stadt wie Wien nicht überleben. Im Jahr 1900 wird sie als Gattenmörderin hingerichtet. Von eben jenem Josef Lang, der ihr dereinst die Syphilis vom Leib geschlafen hat.
Was ist das bloß für eine seltsame Geschichte, die uns Lilian Faschinger in ihrem neuen Roman, "Wiener Passion", auftischt? Seltsam, skurril und rührend. Eine Passion aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Gekreuzigt wird eine junge Tschechin, die innerhalb weniger Jahre alle Stationen der gesellschaftlichen Achterbahn durchrast. Als Dienstmädchen wird sie ausgebeutet und verjagt, als Prostituierte und Straßenmusikerin festgenommen, als Mätresse des Kronprinzen Rudolf der Beihilfe zu dessen Selbstmord bezichtigt, als Geliebte eines neurotischen Psychiaters und Freud-Gegenspielers geschwängert und abgeschoben. Und selbst die Ehe mit einem honorigen k.u.k. Hofkutscher endet im Desaster. Ihr Gatte ist der unnahbaren Kaiserin Sisi verfallen und verliert sich in seiner Obsession. Des Nachts verlässt er, in ein Tigerfell gewickelt, das eheliche Bett, um all jenen Frauen nachzujagen, die der Kaiserin ähnlich sehen. Doch Rosa lauert ihm auf: Als sie beobachtet, wie er ein junges Mädchen vergewaltigen will, bringt sie ihn um. Sie selbst kommt dafür aufs Schafott.

Bizarr? Soll sein. Ist aber noch nicht alles, denn Lilian Faschinger ist natürlich keine Minna Kautsky oder Gabriele Reuter und ihr Roman keine "Therese" à la Arthur Schnitzler. Dazu trägt der moderne Rahmen bei, den die Autorin ihrer Passionsgeschichte der Rosa T. verpasst. Magnolia Brown, Tochter einer aus Österreich stammenden Politologin und eines schwarzen Amerikaners, reist nach Wien, um Gesangsstunden zu nehmen und sich in der Welt Sigmund Freuds umzutun. Sie soll in ihrer Heimat in einem Musical durchstarten und darin die Anna Freud darstellen. Magnolia schlüpft bei ihrer Großtante Pia unter, einem kleinkarierten Kuchldragoner, der sie mit Schweinsfuß, Kuttelfleck und gerösteten Nierndln zu mästen trachtet. Wenn ihre bedauernswerte Großnichte denn schon farbig sei, droht Pia, dann müsse sie wenigstens was auf die Rippen kriegen.
Und auch der Gesangslehrer Horvath, der in Schuberts Sterbehaus lebt, entpuppt sich als zweifelhaftes Wiener Original: ein hypochondrischer, verklemmter junger Mann, der seine verstorbene Mutter wie eine Ikone verehrt. Er, immerhin, lässt sich zu den Freuden des Lebens bekehren. Und so ist Magnolia an zwei Schauplätzen zugange. Zum einen vergreift sie sich an Tante Pias Truhen und bringt die Lebensgeschichte der Rosa T. ans Licht. Zum anderen – ihre eigene "Wiener Passion" – schält sie Herrn Horvath aus Lodenmantel und Wollunterhosen und holt ihn ins Bett. Erlöst!
Nach 560 Seiten ist alles entschlüsselt: Rosa erhängt, das Geheimnis der mysteriösen Verbindung zwischen Magnolia und der Gattenmörderin gelüftet, Herr Horvath ein glücklich Liebender, Magnolia schwanger, das Aufgebot bestellt. War ziemlich klar, wohin der Roman laufen würde. Zu klar.

Lilian Faschinger ist routiniert am Werk. Binnen- und Rahmenhandlung sind wendig ineinander montiert, die Handlungsstränge flott durchgezogen, der historische Hintergrund gründlich ausgeleuchtet. Dass die drei Figuren, aus deren Perspektive die Geschehnisse aufgerollt werden, allesamt fast dieselbe Sprache sprechen, befremdet. Auch die Sozialkritik bleibt oberflächlich: Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, fehlende Dienstbotenrechte, Diktatur von Klerus, Adel und Großbürgertum, Frömmelei – alles da. Aber alles nur angespielt, aufgelistet wie in einer flüssig abgefassten, aber braven Seminararbeit mit satirischen Zügen. Fußnoten fehlen.
Lilian Faschinger könnte mehr. Das weiß man nicht zuletzt aus ihren eigenwilligen und listigen Erzählungen "Frau mit drei Flugzeugen". Umso mehr staunt man über dieses jüngste Buch, das bei aller Kunstfertigkeit glatt und leblos wirkt. Wäre da nicht seine verhaltene Komik. Die erlaubt es zumindest, den Roman auch als Parodie auf jene Hefte zu lesen, die dereinst durch die Hände der Rosas, Berthas und Finis gegangen sind: "Die eiserne Jungfrau", "Liebesglut und Feuersflammen" oder "Die Unschuld unterm Henkersbeil".
Und diese "Wiener Passion"? Herz, Schmerz und ein grelles Lachen.

Susanne Schaber in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 12)


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