Lügen

von Elke Naters

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 40/1999

Sag ja zur Hauptsatzreihe

Nach der Lektüre von "Lügen", dem zweiten Roman von Elke Naters, werden komplizierte Dinge einfach. Wenn man erst das richtige Shampoo gefunden hat.

Literatur ist wie Kleidung. Ein bisschen. In beiden Bereichen gibt es zuerst einmal ein paar große Namen, die man auf der ganzen Welt kennt. Die bieten verlässlich: stilistische Innovationen, tolle Stoffe und eins a handwerkliche Qualität. Ein-, zweimal im Jahr überkommt es einen dann, und man kauft: den neuen Salman Rushdie oder Günter Grass, bzw. das Sakko von Helmut Lang oder die supercybermäßigen Schuhe von Prada. Und dann sitzt man da und müht sich durch die ersten hundert Seiten, hm, na ja, lese ich im nächsten Urlaub fertig, und das Sakko, das meditiert im Kleiderkasten vor sich hin. Das dunkelblaue T-Shirt von H&M (öS 79,90,-) hingegen ist vom wöchentlichen Kreislauf Oberkörper - Waschmaschine - Trockner völlig ausgelaugt, denn das passt und ist schön und macht sogar die Schultern ein bisschen breit.

Elke Naters' Romane sind das literarische Äquivalent eines H&M-T-Shirts: Nah dran an der Kompliziertheit des Lebens und somit an einem selbst, dabei aber einfach und unprätentiös, was die sprachliche Hülle betrifft. Naters sagt ja zur Hauptsatzreihe, und das ist gut so, denn das Leben und somit auch die Protagonistinnen ihrer Romane sind chaotisch genug.

Wie schon in Naters Debüt "Königinnen" sind es auch in "Lügen" zwei Freundinnen, die im Mittelpunkt des Romans stehen. A. (Augusta) und Be (Barbara) sind, wie die Namensgebung unschwer vermuten lässt, zwei antipodische Charaktere. Icherzählerin A., die Introvertierte, liebt Serranoschinken und Hagebuttentee, lebt alleine, weiß alles über die wirklichen Knackpunkte einer Beziehung ("Es braucht Jahre, bis man einen gemeinsamen Kühlschrank aufgebaut hat. Mit manchen geht das nie"), hätte aber trotzdem gern eine. Ganz anders Be. Nach zwei Kindern und einer unüberschaubar gewordenen Anzahl von Ex-Freunden stürzt sich die, "die ihr ganzes Leben lang nur hinter Schwänzen her war" (O-Ton A.), plötzlich in eine Beziehung mit einer Frau. A. ist außer sich.

Wunderbar, mit welchen Ally-McBeal-haften Neurosen Naters ihre Icherzählerin ausgestattet hat, witzig auch, wie sie diese nach all ihrer mühsamen Reflexionsarbeit am Ende des Romans auflaufen lässt: A. sieht im Fernsehen einen Werbespot. Ausgerechnet ein Slogan einer Kosmetikfirma - "act, don't react"- ist es, der ihre hart erarbeitete Lebensphilosophie auf den Punkt bringt. Etwas konsterniert stellt sie fest: "Das, was ich aus siebenundzwanzig Jahren als Erkenntnis für mein Leben herausgefiltert habe, läuft als Werbeslogan für ein Shampoo. - Das war das letzte Mal, dass ich gedacht habe."

Also: Hört die Signale - Sloterdijk, Assheuer, Habermas! Schluss mit den Scheingefechten in den Feuilletons und ab in die Werbebranche! Da werden noch Menschen erreicht! Und was Elke Naters neuen Roman betrifft, so bleibt zusammenfassend eigentlich nur noch eines zu sagen: Echt GUHL.

Stefan Ender in FALTER 40/1999 vom 08.10.1999 (S. 67)


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