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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 49/1999

Demut ist das Stichwort

Der 24-jährige Autor Benjamin von Stuckrad-Barre wird als Popstar gehandelt, ist von der "FAZ" bis zur Talkshow omnipräsent und möchte doch nur einen unschuldigen Blick auf die Mediengesellschaft werfen. Sagt er.

Ein begnadeter Schreiber" - urteilte die Welt mit der Einschränkung: "solange er weiß, worüber und nicht sein eigener Held sein muss". Der Spiegel bezeichnete ihn mal als "Meinungsmissionar" von "wortreicher Sprachlosigkeit"; hielt ihm dann wieder zugute, "auf sehr direkte Weise aus dem Leben gegenwärtiger junger Menschen zu erzählen". Der Tagesspiegel attestierte ihm "nervenden Geschmacksterrorismus", und in Leserbriefen wurde er auch schon als "Pubertätspoet und Blender" beschimpft.

Der umstrittene 24-jährige Autodidakt Benjamin von Stuckrad-Barre, der für das Gros der Kritiker vor allem eines ist: "Pop-Autor", hat sein Germanistikstudium nach wenigen Wochen abgebrochen, schrieb für den Rolling Stone, den Stern, die taz, die Woche und das "Jetzt-Magazin" der Süddeutschen Zeitung; und war Gagschreiber für Harald Schmidt, bevor er 1998 seinen ersten Roman "Soloalbum" veröffentlichte. Stuckrad-Barre hält den ganzen Rummel, der um ihn und die neue deutsche junge Literatur gemacht wird, für blödsinnig: "Dieses ganze Gebrabbel: ,Popliteratur', ,Neue deutsche Dichter' und so weiter - unheimlich viel Mist erscheint da unter dem Rubrum ,nur jung'. In einem Jahr redet niemand mehr davon. Aber ich werde immer noch meine Arbeit machen. Mir geht es einfach um Text."

Und um die Inszenierung seiner Person in der Öffentlichkeit: Das Ressentiment des Literaturbetriebes verfolgt ihn auch wegen seiner Strategie, sich und seine Bücher öffentlich zur Schau zu stellen - wie man zu Beginn seiner vierwöchigen Lese-Tour durch Deutschland in der ausverkauften Halle eines Kulturzentrums beobachten konnte: Auf der Bühne in blau-gelbes Licht getaucht ein Tisch mit CD-Player und Mikrofon; Trauben von Mädchen, die tuschelnd am Boden sitzen; daneben Mittzwanziger in dunklen Hosen und modischen Turnschuhen. Gespannte Erwartung einer Lesung, die wie der Auftritt eines Star-DJs in Szene gesetzt ist. Zu Robbie Williams "Let Me Entertain You" betritt Stuckrad-Barre in silbergrauem Anzug und Krawatte die Bühne.

Als Journalist und Autor beobachtet Stuckrad-Barre nicht nur Lifestyle-Fallen im Alltag und in den Medien, sondern ist auch der Eigenlogik des Erfolgs von (TV-)Prominenz auf der Spur: Er inszeniert seine eigene Person im Fernsehen und handelt sich mit Talkshowauftritten den Vorwurf ein, bei einem Spiel mitzuspielen, das er zugleich beschreiben möchte. Der Autor freilich betrachtet solche Auftritte als "unbezahlbare Recherche": "Ich hab im ,Liveslbum' einen Text über Talkshows geschrieben, den hätte ich nicht schreiben können, wenn ich nicht mal selbst dort gewesen wäre. Die Gefahr des Scheiterns gehört dazu; das heißt: unzynisch arbeiten. Und wenn ich merke, man muss sich im Fernsehen betrinken und peinlich sein, dann werd ichs halt nicht mehr machen."

Angesichts drohender Selbstveräußerung gehe es eben darum, sich zu schützen, "indem man so künstlich ist, dass man die anderen eben nicht reingucken läßt in Schwächen". Was ebenso schwierig wie reizvoll sei: "Es gilt da nur, auch heile rauszukommen."

Als er sich mit Freund und Autorenkollege Christian Kracht für einen Werbeprospekt des Bekleidungshauses Peek & Cloppenburg ablichten ließ, witterten Kritiker Verrat: "Die Ich-Maschinen sind einfach gerne dabei", schrieb die taz, und der Spiegel sah das "alte Liebesverhältnis zwischen Poeten und Werbewirtschaft" erneuert. Und Stuckrad-Barre erkannte eine große PR-Chance: "Als ich hörte, der Spiegel macht sich lustig über uns, haben wir gesagt, jetzt reagieren wir schnell und schreiben einen Aufsatz. Das war einfach cool: Am Sonntag stand in der Welt, dass wir Werbung machen, um endlich auf die Witzseite im Spiegel zu kommen, und am Montag erschien der dann. Da dachte ich einfach: ,Yeah!' Oder: In der Zeit war plötzlich eine Seite Interview mit uns drin. Überschrift: ,Wir tragen Größe 56.' Tut mir leid, das ist Punk-Rock, echt großartig.

Vor kurzem begann er als Berlin-Redakteur bei der FAZ, jetzt unterstellt ihm die deutsche Presse, er habe auch seine persönliche Integrität aufs Spiel gesetzt - und verloren: Für die taz ist es ein Skandalon, "dass da jemand zugibt, seinen Arsch und seine Seele an die Medien verkauft zu haben. Bei der FAZ leistet man sich einen Hofrebell mit adeligem Namen. (...) Wer unterwandert wen? Entweder ist es Wahnsinn oder Methode."

Stuckrad-Barre kann den Vorwurf nicht akzeptieren: "Die nehmen gar nicht zur Kenntnis, was ich mache, denken nur: ,Das erzkonservative Blatt und die junge Pop-Sau. Komisch, wer will da jetzt was von wem?' Und ich mache da ja nun mitnichten ,Bennies lustige Pop-Ecke'; sondern schreibe ernsthaft Texte, habe auch Spitzenkandidaten im Wahlkampf porträtiert; oder habe Helge Schneider das Brandenburger Tor zeichnen lassen - als Aufmacher der FAZ. Für mich ist es subversiver, da zu schreiben als in der taz und für die WG-Küchen, wo eh alle einer Meinung sind." Für ihn gehe es zunehmend darum, Meinungen nicht schon zu haben, "sondern sich als Unwissender irgendwo hineinzubegeben und zu gucken: Wie siehts hier aus, wie wird hier gesprochen, wie sind die Regeln?

Tatsächlich sind seine Texte am überzeugendsten, wenn er das Beobachtete so auf den Punkt bringt, dass die Komik der Sache für sich spricht - wie zum Beispiel im "Livealbum", dem Erlebnis-Bericht eines Autors auf Lese-Tour, in dem Stuckrad-Barre seine Erfahrungen im Medienbetrieb literarisch zuspitzt; und der deutschen Schauspielerin Katja Riemann den Satz in den Mund legt: "New York ist eine unglaublich faszinierende Stadt voller Gegensätze und dabei weit mehr als die Summe seiner Teile."

Mit seinem Anspruch, unvoreingenommen die Welt zu betrachten, möchte sich Stuckrad-Barre von einem Journalismus abgrenzen, der immer schon alles durchschaut hat und zur Zeit besonders in der Hauptstadt zu beobachten sei: "Irgendwie muss man sich wieder selbst kleiner machen - Demut ist das Stichwort. Nach Berlin kommen jetzt lauter Journalisten, die alles verstehen. Die sind drei Tage da, gehen nur in Promi-Lokale, haben keinen Durchblick und schreiben, was Berlin beachten muss. Wie der Spiegel - das ironischste Organ Deutschlands: Die können auch immer alles erklären: Deutschland, die Literatur, Berlin, das Fernsehen, Gerhard Schröder und selbst Verona Feldbusch; und alles in so einer Halbironie. Ich kann das nicht. Verona Feldbusch ist mir persönlich ein vollkommenes Rätsel."

Kristina V. Klot in FALTER 49/1999 vom 10.12.1999 (S. 26)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Remix (Benjamin von Stuckrad-Barre)

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