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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 43/1999

Wirt und Wurm

Der schottische Autor Irvine Welsh präsentiert den Lesern seines zweiten Romans "Drecksau" eine der wohl unsympathischsten Figuren der Literaturgeschichte - und ihren Bandwurm.

Bruce Robertson ist ein Arschloch. Oder eben eine "Drecksau" (das Original trägt den Titel "Filth" - neben der Kennzeichnung von Robertsons Lebensumständen auch eine umgangssprachliche Bezeichnung für "Polizisten"). Sein Leben als Detective Sergeant mit Aussicht auf Beförderung zum Detective Inspector dreht sich - wie bei Welsh üblich - um Drogen, Alkohol, Sex und Gewalt. Bei den Freimaurern wird tüchtig getrunken, der junge Kollege Ray Lennox ist für das Aufstellen des Kokains zuständig, Frauen sind entweder "fickbar" oder "Lesben" - und dran glauben müssen sie sowieso alle. Kein Wunder, dass Robertsons Frau Carole mitsamt der gemeinsamen Tochter gerade mal wieder aus Edinburgh verschwunden ist.

Die Handlung von Welshs zweitem Roman nach dem Sensationserfolg "Trainspotting" (1993) setzt mit dem brutalen Mord an einem Schwarzen ein. An der Aufklärung des Verbrechens zeigt der Protagonist und Icherzähler jedoch von Beginn an kein großes Interesse. Auf dem Revier lässt er sich selten blicken, und dann meist nur, um sich auf dem Klo genüsslich einen runterzuholen und anschließend - zwecks Verleumdung der Konkurrenten um die Beförderung - fiese Sprüche auf die Lokustür zu kritzeln. Verständlich, dass er bei so viel Anstrengung nicht auf seinen Winterurlaub verzichten möchte: "Ich soll meinen verdammten Urlaub für so ne tote Wurstlippe sausen lassen. (...) Die Fotzen wissen alle, dass ich im Sommer drei Wochen in Thailand bin und im Winter ne Woche in Amsterdam. Keine von den Tintenpisserfotzen wird daran was ändern. Nicht mit mir, meine Herren, wenn wir den zehnten dieses Monats schreiben, ficke ich für Schottland."

Welsh hat sich also alle Mühe gegeben, seine Hauptfigur, die frappant an Harvey Keitel als "Bad Lieutenant" erinnert, möglichst unsympathisch zu gestalten. Bald jedoch erhebt sich auch eine Stimme im Inneren von Bruce Robertson: die eines Bandwurms. Zunächst beschwert er sich lediglich über die sporadische und qualitativ mangelhafte Ernährung seines Wirts. Mit Fortschreiten der Handlung und Bruces drogenbedingtem Verfall entwickelt sich der Wurm jedoch zu einer Mischung aus Robertsons Gewissen und Sympathiewerber in dessen Sache.

Der Wurm erzählt, wie sein Wirt zur "Drecksau" geworden ist: Bruce Robertson ist das Produkt einer Vergewaltigung und wird von seinem Vater, einem Köhler, nicht akzeptiert: Die ganze Liebe erhält der Bruder, Bruce hingegen muss immer wieder Kohle fressen. Seine Jugendliebe wird - in einer herrlich überzeichneten Szene - vom Blitz erschlagen. Als die Polizei eines Tages gegen die streikenden Kohlearbeiter vorgeht, weiß Bruce, auf welche Seite er sich zu stellen hat. War er bis dahin immer unten gewesen, will ab sofort er Macht ausüben. Und so kämpft Bruce mit allen Mitteln - Verleumdung, Intrige, Ehebruch - um die Ernennung zum Detective Inspector. Der Erfolg bleibt ihm letztlich ob seines totalen Zusammenbruchs verwehrt. Wie Bruces Ende, der Seitensprung seiner Frau - die sich sporadisch als dritte Erzählerin in den Text einschaltet - und der Mordfall miteinander zusammenhängen und zu welchem Ende die Geschichte kommt, sei jedoch nicht verraten.

Das Erscheinen von "Filth" war in England ein echtes Ereignis; noch im letzten Bahnhofskiosk war das Buch in drei Versionen - mit verschiedenen Coverleuchtfarben - erhältlich. Die Werbemaßnahmen und die unglaubliche Präsenz des Buchs dürften ihren Teil dazu beigetragen haben, dass innerhalb weniger Monate 250.000 Exemplare über die Ladentische gingen - von "Trainspotting" wurden im ersten Jahr "nur" 150.000 Stück abgesetzt. Mit Jahreseinnahmen von gut einer Million Pfund rangiert Welsh in der Rangliste der bestverdienenden schottischen Autoren mittlerweile auf Platz zwei - hinter Rosamunde Pilcher. Auch sein deutscher Verleger Kiepenheuer & Witsch erwartet sich ein gutes Geschäft und bringt eine Startauflage von 50.000 Stück auf den Markt.

Für Lesefaule wird in England übrigens bereits an der Verfilmung des Romans (gibt es überhaupt einen Prosatext von Welsh, der noch nicht verfilmt worden ist?) gebastelt. Aus dem Kreislauf Buch-Film würde der Autor wohl nur durch die Wahl eines gänzlich anderen Sujets herauskommen. Einige englische Rezensenten warfen Welsh anlässlich von "Filth" vor, er würde sich nicht weiterentwickeln und lediglich eine einmal gefundene Erfolgsformel variieren. Man mag ihnen zustimmen oder nicht, doch ist ihm einmal mehr ein überaus unterhaltsamer Text gelungen, der vom Wechsel zwischen den In-your-face-Beschreibungen des Icherzählers und der leisen Stimme der Moral im Inneren des Polizisten lebt.

Zur Zeit schreibt Welsh an einem Drehbuch mit dem Titel "Some Weird Sin" - basierend auf der Geschichte "A Smart Cunt" aus "The Acid House". Folgende Zukunftsprognose erscheint also wahrscheinlich: Welsh bleibt bei seinem Themenkreis und Edinburgh als Handlungsort, ein Großteil der Kritiker schreit "Ideenlosigkeit!" oder "Masche!", die Bücher gehen weg wie warme Semmeln, und der Autor gibt ab und zu eines seiner begehrten Interviews. Und so ähnlich funktionierte das ja schon bei Thomas Bernhard ausgezeichnet.

Sebastian Fasthuber in FALTER 43/1999 vom 29.10.1999 (S. 65)


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