Das Wunder von Castel di Sangro
Ein italienisches Fußballmärchen

von Joe McGinniss, Harald Hellmann

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 27/2000

Noch unglaublicher als Italiens überraschende Performance bei der Europameisterschaft ist das wahre Fußballmärchen, das sich vor ein paar Jahren in dem kleinen Dorf Castel di Sangro zugetragen hat.
Haben Sie sich auch schon immer gefragt, was eigentlich passiert, wenn man sein Handy im Flugzeug nicht ausschaltet? Ein junger italienischer Fußballspieler namens Luca Albieri hat es ausprobiert und beim Landeanflug auf Rom eine Nummer in sein Mobiltelefon getippt. Die Folgen waren beachtlich: Das Flugzeug schwenkte unmittelbar vor dem Aufsetzen scharf nach links und prallte zweimal von der Piste zurück, ehe es doch noch sicher landete. Dennoch konnte der Steward anschließend nur mit Mühe davon abgehalten werden, Albieri am Flughafen der Polizei zu übergeben.
Die lehrreiche Anekdote bestätigt einmal mehr, dass Fußballer auf der ganzen Welt große Kinder sind. Genau deshalb träumt vermutlich jeder Fan insgeheim davon, einmal das Leben eines Fußballers zu führen - was in den meisten Fällen allerdings schon an mangelndem Talent scheitert. Auch dem amerikanischen Fußballfan und Sachbuch-Bestsellerautor Joe McGinniss war es nicht gegeben, ein Fußballerleben zu führen - aber er war verdammt nah dran: Eine ganze Saison lang verbrachte McGinniss mit den Fußballern eines kleinen italienischen Vereins, der 1996 etwas geschafft hatte, was als "Wunder von Castel di Sangro" in die nationale Fußballgeschichte einging: den Aufstieg in die zweite italienische Liga, die "Seria B".
Dass ein 5000-Seelen-Kaff wie Castel di Sangro in der zweiten Liga spielt, wäre in Österreich, wo es Neusiedl oder Lustenau sogar bis in die erste Liga geschafft haben, nicht der Rede wert. In Italien war es eine Sensation. Als Joe McGinniss von dem "Wunder" hörte, witterte er eine gute Geschichte - und er beschloss, die Seria-B-Saison 96/97 mit Castel di Sangro zu verbringen. Würde es den Underdogs aus den Abruzzen gelingen, in einer Liga mit so prominenten Vereinen wie dem FC Genua oder dem AC Torino den Klassenerhalt zu schaffen? Würde am Ende einer stagione lungo e dura, einer langen und harten Saison, la salvezza, die Rettung, winken?
Wie der Kampf gegen den Abstieg ausgeht, soll nicht verraten werden; für den Unterhaltungswert des Buches spielt das Spiel selbst aber ohnedies nur eine untergeordnete Rolle. Was sich in Castel di Sangro nämlich rund um den Fußball abspielt, ist teilweise so unglaublich, dass es nur wahr sein kann: Ein Spieler fällt für einige Wochen aus, weil er wegen Kokainschmuggels verhaftet wird - auch der Klubmanager ist vermutlich in die Affäre verwickelt, er bleibt aber unbehelligt. Signor Rezza, der reiche Dorfpatron und Besitzer des Vereins, residiert in einer Villa in den Bergen, obwohl er den Anblick von Felsen nicht ertragen kann und deshalb jeden größeren Stein, den er von seinem Haus aus sehen konnte, ausgraben und abtransportieren ließ. Unnötig zu erwähnen, dass der schweigsame Greis sein Vermögen nicht unbedingt auf legalem Weg erworben hat.
Das Buch bietet die einmalige Gelegenheit, einen Blick in das Innere des italienischen Fußballs zu werfen - das kleine und von der Außenwelt ziemlich abgeschlossene Castel di Sangro bietet dafür ideale Voraussetzungen. Wir lernen nicht nur die fußballerischen Stärken und Schwächen der Spieler, sondern auch deren charakterliche Eigenheiten und privaten Probleme kennen; wir gehen mit ihnen in Marcellas Pizzeria essen, besuchen sie auf dem Trainingsplatz und fahren im Mannschaftsbus zu den Auswärtsspielen. "Es gibt keine Langeweile in der Seria B, außer in den neunzig Minuten eines Spiels", bemerkt ein Spieler einmal treffend. Und trotz der geradezu naiven Emphase, mit der der spätberufene McGinniss - er entdeckte erst anlässlich der WM 1994 in den USA seine Leidenschaft für Soccer - die Spiele "seiner" Mannschaft verfolgt, ist seinen Berichten gleichwohl zu entnehmen, dass Castel di Sangro bestimmt nicht das zu bieten hat, was man in der Fußballersprache die "feine Klinge" nennt.
Verantwortlich für den denkbar unattraktiven Stil der Mannschaft ist Trainer Osvaldo Jaconi, der sich "Bulldozer" nennt. Als zwei Spieler bei einem Autounfall tödlich verunglückt sind und die Mannschaft entsprechend niedergeschlagen ist, schreibt er in der Kabine vier Worte auf die Tafel: "SHOW MUST GO ONE". Jaconi, ein auf nicht unsympathische Weise mürrischer Mann um die 50, hat mit der Mannschaft den Aufstieg geschafft und denkt nicht daran, von seinem sturen Defensivkonzept, seinen fragwürdigen Verhaltensmaßregeln (Rauchen ist kein Problem, Knoblauch streng verboten) und anderen zweifelhaften Grundsätzen abzurücken: Ein Engagement des ghanesischen Nationalspielers Joseph Addo scheitert im letzten Moment an der Überzeugung des Trainers, dass Ausländer nicht über die nötige Charakterstärke für die harte Seria B verfügten.
Als wenige Wochen später überraschenderweise doch noch ein Ausländer - der nigerianische Stürmer Robert Ponnick von Leicester City - engagiert wird, kommt es zu einem Eklat. Bei der Pressekonferenz prahlt Ponnick nicht nur mit seinen fußballerischen Fähigkeiten und kündigt an, alle attraktiven Frauen von Castel di Sangro "durchficken" zu wollen: "Mir ist egal, wessen Tochter das ist, mir ist egal, wessen Ehefrau das ist. Um Tore zu schießen zu können, brauche ich meine Portion Fickfleisch." Am nächsten Tag wird der neue Star im Rahmen eines Trainingsspiels gegen einen unterklassigen Gegner dem Publikum vorgestellt. Das Match ist ein einziges Fiasko: Ponnick kann offensichtlich nicht kicken, fällt ausschließlich durch grobe Unsportlichkeiten auf, bespuckt die eigenen Mitspieler und wird schließlich ausgeschlossen. Noch fassungsloser reagieren Zuschauer wie Leser, als sich herausstellt, dass alles nur ein bizarrer Scherz war: Der vermeintliche Wunderstürmer ist in Wirklichkeit ein Schauspieler, seinen grotesken Auftritt hielt der windige Vereinsmanager für einen gelungenen PR-Gag.
PS: Wunder dauern etwas länger, aber auch nicht ewig. Castel di Sangro ist in die dritte Liga (Seria C1) abgestiegen und belegte dort in der abgelaufenen Spielzeit den 10. Rang.

Wolfgang Kralicek in FALTER 27/2000 vom 07.07.2000 (S. 61)


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