Schlachtplan

von Jimmy Boyle, Antje Kaiser

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

"Schlachtplan", der Debütroman des ehemaligen Schwerverbrechers Jimmy Boyle, glänzt mit Insiderwissen über postmortale Flatulenz und zeigt, dass es im Gefängnis nicht leiwand ist. Am Anfang gehts ja noch. Der Icherzähler berichtet dem interessierten Leser von seinem Aufenthalt in einer Haftanstalt für psychisch abnorme Schwerverbrecher. Da gibt es eine skrupellose Anstaltsleiterin, die ihre Häftlinge gnadenlos ruhig spritzt, da gibt es fette alte Krankenpfleger, die Nacht für Nacht die wehrlosen Zwangssedierten niedervögeln. Hero, unser Berichterstatter, schafft es, den ganzen Terror schlappe elf Jahre lang zu überstehen, und wird dann auf Bewährung freigelassen.
Er bekommt eine Anstellung in einem Schlachthof, muss aber fast seinen ganzen Lohn an den gemeinen Immobilienhai Rafferty abgeben. Weil Hero die Arbeit im Schlachthof zur Zufriedenheit seines Sklavenhalters erledigt, verschafft dieser dem Ex-Knacki einen neuen Job: Hero wird Leichenwäscher. (Zwischenbemerkung: Wer an Details über das in weiten Kreisen noch unbekannte Phänomen des Leichenfurzes interessiert ist, sollte das Buch doch lesen.) Weiter. Hero macht seine Arbeit gut und verliebt sich in die Hafenprostituierte Black Widow. Diese lässt sich zwar von Hunden vögeln, hat aber ansonsten - yes, Sir - ein gutes Herz. Zusammen mit Heros zwergwüchsigem Freund Bonecrusher berauben die drei den fiesen alten Rafferty, sacken über hunderttausend Pfund ein und ziehen in trauter Gemeinsamkeit auf einen Bauernhof am Land.
Die Sache endet dann damit, dass auf dem Bauernhof zufällig Fat Head auftaucht, einer der vergewaltigenden Krankenpfleger aus der Haftanstalt. Bonecrusher und Hero schäumen, wollen Fat Head niedermetzeln, besinnen sich aber im allerletzten Moment und lassen ihren Peiniger laufen. Denn, so der Schlusssatz des Werks: "Die ultimative Rache ist, sich für das Gute zu entscheiden."
Der Autor Jimmy Boyle, Jahrgang 1944, ist ein literarisch Spätberufener. Boyle war zu Beginn seiner Adoleszenz bekannt als "der gewalttätigste Mann Schottlands", mit 23 Jahren wurde er zu lebenslanger Haft für einen Mord verurteilt, "den begangen zu haben er bis heute abstreitet" (beides Klappentext). 1982 wurde der Schotte aus dem Gefängnis entlassen und legte eine sensationelle Resozialisierungskarriere hin: Boyle schrieb eine Autobiografie, die als Fernsehserie verfilmt wurde, veröffentlichte dann seine Gefängnistagebücher, die als Theaterstück adaptiert wurden, betätigte sich zudem noch erfolgreich bildhauerisch und lebt nun mit Frau Sarah und Kindern in einem stattlichen "Zwölf-Zimmer-Anwesen" samt BMW und Rolls-Royce als Fuhrpark; Villa in Südfrankreich gibts auch noch (Stern-Leser wissen mehr).
Schön für Boyle, weniger schön für den Leser. Denn wenn etwa elf Jahre Haft mit dem Satz resümiert werden, dass das Alleinsein in einer Einzelzelle "beängstigend, gelegentlich aufregend, oft aber frustrierend ist", so eröffnet diese Schilderung nicht wirklich neue Perspektiven in die emotionale Befindlichkeitslage eines Haftinsassen. Die comichafte Zeichnung der Figuren, die unangenehm einfallslose, verstaubte Sprache und das kleinbürgerlich-moralisierende Ende der Geschichte tragen das Ihre dazu bei, dass man nach dem wirklich zum Nachdenken anregenden Schlusssatz über die Rache und das Gute (der die Berufswahl von Johannes Paul II. oder Mutter Theresa in ein völlig neues Licht stellt) das Buch zuklappt und denkt: Hätte nicht unbedingt sein müssen.

Stefan Ender in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 14)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb