Ludwigs Zimmer
Roman

von Alois Hotschnig

€ 16,00
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.08.2000

Rezension aus FALTER 37/2000

Wenn sich einer von Vera trennt und nach Villach geht, heißt das meistens nichts Gutes. Im Nachhinein weiß das auch Kurt Weber, Ich-Erzähler von "Ludwigs Zimmer", dem jüngsten Roman des Tirolers Alois Hotschnig: "Ich hätte nicht einziehen dürfen und Landskron und Villach und Kärnten überhaupt meiden müssen von Anfang an."
Weber hat das Haus seiner Tante geerbt, und dass dieses samt dem dazugehörigen Grund nicht gerade mit good vibes gesegnet ist, das ist zumindest dem Leser klar - von Anfang an. Von den Umgangsformen dreister bis seltsamer Nachbarn einmal ganz abgesehen, scheint das ererbte Anwesen am See im Zentrum einer mysteriösen Todeszone zu liegen: "Der Tod schleicht ums Haus herum", wird der Erbe informiert, der seinerseits wieder einer ausgesprochen todesseligen Sippe entstammt: "In meiner Verwandtschaft hat man sich immer schon umgebracht."
Von Anfang an inszeniert der Roman einen Fatalismus, der sich im ererbten Boden ebenso festgesetzt zu haben scheint wie im Blut, das die finsteren Familienbande stiftet. Schicksalsschwer orgelt es aus allen Figuren hervor, die kaum eigenständige Konturen gewinnen, sondern allesamt Träger derselben düster-manierierten Rhetorik sind, deren Wurzeln wohl bis tief ins Salzburgische und Oberösterreichische (Ohlsdorf!) reichen: Die bitteren Bonmots Bernhard'scher Personagen gehen hier - über jeden Humorverdacht erhaben - in Serienproduktion, und die beiden Grundmodule, nämlich existenziell getönte Pauschalurteile auf der einen ("Es ist alles ein Irrtum") und heftiger Dativ-Gebrauch auf der anderen Seite ("Heimat ist mir das nicht"; "Käfig, der ich mir bin" usw., usf.), können auch miteinander kombiniert werden: "Jedes Gespräch ist mir eine Verschmutzung."
Wäre das alles, man könnte "Ludwigs Zimmer" als eine bis an die Grenzen unfreiwilliger Selbstparodie gehende Fortschreibung jener so genannten negativen Heimatliteratur begreifen, deren Tradition wie ein Alb auf den Gehirnen der lebenden Dichter lastet und diesseits von Elfriede Jelinek (deren "Kinder der Toten" ohne Hans Leberts grandiose "Wolfshaut" nicht denkbar wäre) eher als Hypothek denn als Inspirationsquelle gelten muss.
Aber dann - so um Seite 130 und damit schon im letzten Viertel des Romans - passiert etwas: Die Wirklichkeit bricht herein. Auf einmal werden die Figuren mit einer Lebensgeschichte ausgestattet; die vielbeschworenen Schuldgefühle bekommen eine konkrete Ursache; die Todeslandschaft hat plötzlich eine reale Topographie. Die Rede ist natürlich von der Nazi-Vergangenheit, die Freund- und Verwandtschaften überschattet und zerrüttet hat, ohne dass die Fronten klar zwischen Opfern und Tätern verlaufen würden. Ludwig hatte sich im Widerstand betätigt, seine Brüder und Freunde waren "auf der anderen Seite" - mehr aus Unwissen denn aus Überzeugung. Er wird in dem titelgebenden Zimmer versteckt, von einem Gestapo-Spitzel entdeckt, der in Ludwigs Freundeskreis verkehrte, ohne dass dieser über dessen wahre Identität Bescheid wusste. Ludwig überlebt Mauthausen, ist aber verschollen.
Im Zuge seiner nicht gerade mit großer Verve vorangetriebenen Recherchen stößt der Ich-Erzähler auch noch auf ein dunkles Kapitel Kärntens: die Errichtung des Loibl-Tunnels durch Zwangsarbeiter aus Mauthausen, die auf diese Weise systematisch zu Tode gebracht wurden. Eine Geschichte, die bis heute offenbar einzig auf der slowenischen Seite dokumentiert wird, wohingegen sich die Spuren des Arbeitslagers diesseits der Landesgrenze in einem "Forstlichen Sperrgebiet" verlieren.
Was macht der Roman mit diesem historischen "Hintergrund"? Er macht im Wesentlichen weiter wie bisher. Des Ich-Erzählers Einsicht, dass er hier "in einer Geschichte war, die nicht meine war", ist zwar nicht zu bestreiten und im besten Fall als Scheu davor zu interpretieren, das reale Leiden anderer auszuschlachten. Dem Roman selbst aber muss man den Vorwurf machen, dass er zwei Ansätze gewählt hat, deren Unvereinbarkeit a priori feststeht. Durch das Schlussviertel wird die verquaste Rhetorik des Buchs noch fragwürdiger - insbesondere dort, wo sie fortwuchert, als wäre nichts geschehen. "Jeder Ort ist der Ort eines Verbrechens", sagt ein Freund Ludwigs, der dessen Unglück aus nächster Nähe erlebt hat und der es eigentlich besser wissen müsste. Wo alles Tod und Verbrechen ist, da ist es auch unmöglich, für das Leben und die Gerechtigkeit zu optieren.

Klaus Nüchtern in FALTER 37/2000 vom 15.09.2000 (S. 61)


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