Hampels Fluchten
Roman

von Michael Kumpfmüller

€ 20,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 496 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.08.2000

Rezension aus FALTER 36/2000

Michael Kumpfmüllers Romandebüt beginnt leise, aber stark: "An einem Dienstag im März ging Heinrich bei Herleshausen-Wartha über die Grenze." Ähnlich harmlos-bedrohlich beginnt auch Büchners Lenz, aber stark wirkt dieser Beginn, weil Heinrich über die innerdeutsche Grenze geht, und zwar von West nach Ost. Grenzüberschreiter von Ost nach West gab es in der Literatur (und im richtigen Leben) schon häufig, über diese andere Richtung aber, die eigentlich interessantere, erfuhr man nur selten etwas.
Ein deutsch-deutscher Roman also, und obwohl man diesem Genre nur noch eine kurze Restlaufzeit zugetraut hätte, hat er beim deutschen Publikum offenbar einen Nerv getroffen: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung reservierte ihm eine ganze Seite für Pro- und Kontrarezension. Der Vorabdruck im gleichen Blatt begann Anfang Juli und wird sich wohl über vier Monate hinziehen. Sogar das neu besetzte "Literarische Quartett", nunmehr der höflichen Zurückhaltung verpflichtet, gönnte sich zumindest bei diesem Buch einige Emotionen.
1931 geboren, war Hampel seiner Eltern Sorgenkind, schon in seiner Kindheit in Jena, und kaum hatte er den nötigen Hormonpegel erreicht, interessierte er sich hauptsächlich für Frauen. Sogar in der UdSSR, wohin er mit Eltern und Geschwistern nach dem Krieg zwangsumgesiedelt wurde, weil der Vater dort beim Aufbau der optischen Industrie helfen sollte, fand er seine Ljusja. Zurück in der DDR, hält er es dort nur kurz aus und lässt sich von einem Fluchthelfer in die Bundesrepublik bringen, wo nach und nach auch seine Eltern und Geschwister eintreffen. In Regensburg kommt er im Bettenhandel unter, einer Branche, die ihm sozusagen auf den Leib geschrieben ist, denn offenbar entscheiden vor allem Frauen beim Bettenkauf, und die macht er beim Probeliegen in großer Zahl glücklich. Die Umsätze steigen sprunghaft, bald lockt die Selbstständigkeit. Doch der ist er nicht gewachsen: Mittlerweile mit der duldsamen Rosa verheiratet, lernt er im Freibad die schöne Bella kennen, der er zwar kein Bett verkauft, die er aber so mit Geschenken überhäuft, dass seine Firma in Konkurs geht. Die Rückkehr nach Jena und der Neuanfang in der DDR erfolgt also nicht aus irgendwelchen politischen Gründen, sondern erscheint ihm als einziger Ausweg aus seinen erotischen und finanziellen Bedrängnissen.
Dass dieser Neuanfang nicht glücken will, liegt nicht nur am Arbeiter- und Bauernstaat. Noch im Übergangslager überbringt ihm die Stasi die Nachricht, dass auch Rosa und Tochter Eva in der DDR angekommen seien - worüber sich Hampel nicht gerade erfreut zeigt. Die Familie findet Unterkunft in Jena, Heinrich Arbeit als Fahrer und inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Die Mangelwirtschaft verführt ihn zu illegalen Geschäften, er landet im Gefängnis, und immer schneller geht es immer weiter bergab mit ihm. Alkohol, Diabetes, eine Rosa, die seine erotischen Eskapaden und seine Gaunereien nicht mehr länger erträgt und wieder in die Bundesrepublik übersiedelt, von der Stasi verlassen, die sich für die Berichte eines Alkoholikers nicht interessiert: Nach zwei weiteren Gefängnisaufenthalten stirbt Hampel, zum menschlichen Wrack heruntergekommen, mit nur 57 Jahren, genau ein Jahr vor dem Fall der Mauer.
Sehr viel kürzer lässt sich Hampels Geschichte, die sich übrigens ähnlich in Kumpfmüllers Verwandtschaft zugetragen haben soll, nicht zusammenfassen. Der Roman holt noch weiter aus, erzählt in Rückblenden die Geschichte von Hampels Eltern und entwickelt so eine deutsche Familiensaga von der Weimarer Republik bis zum letzten Jahr des Kalten Krieges. Es ist also nicht besonders erstaunlich, wenn einige Rezensenten hier (endlich!) den großen Roman zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert gefunden zu haben glauben - diese provozieren aber gerade dadurch heftigen Widerspruch.
Bevor man sich über diese Frage allzu sehr echauffiert, sollte man vielleicht ganz nüchtern festhalten, dass der Roman an keiner Stelle irgendeinen höheren politischen oder historischen Anspruch anmeldet. Ihm geht es nur darum, ein unerhörtes Leben zu erzählen; und darüber, dass Kumpfmüller hervorragend, manchmal sogar gefährlich hervorragend erzählen kann, sind sich eigentlich alle einig. Allerdings ist von der Verfolgung der Juden tatsächlich nur am Rande und von ihrer Ermordung überhaupt nicht die Rede; die grausame Anlage der innerdeutschen Grenze kommt eher beiläufig ins Bild; die Stasi erscheint als mal grotesker, mal gemütlicher Haufen, nur die Schilderung der Verhältnisse in den Gefängnissen der DDR jagt einigen Schauer über den Rücken. Verharmlost Kumpfmüller deshalb die wahrlich nicht strahlende Geschichte der Deutschen im 20. Jahrhundert?
Wer so argumentiert, übersieht, dass Kumpfmüller aus der Perspektive seiner Figuren erzählt, die eben nur gehört haben, dass irgendwo im Viertel Juden abtransportiert wurden, aber eben nichts Genaueres wissen oder wissen wollten. Das ist literarisch legitim und historisch - leider - nicht falsch. Zu diesem Nichtwissen gesellt sich die Neigung zur Anpassung, die in den autoritären Regimes des Nationalsozialismus und der DDR logischerweise weiter verbreitet war als in der Bundesrepublik. Und aus dieser Figurenperspektive erzählt Kumpfmüller absolut glaubhaft.
Wenn nun aber Florian Illies (in der FAZ) in Hampels Geschichte die Geschichte der Deutschen schlechthin findet, dann bestätigt er alle, die der von ihm entdeckten "Generation Golf" Politikferne und Gedächtnisschwäche unterstellen. Hampel als Geschichtsbuch für die Berliner Republik? Natürlich nicht. Und doch ist es ein Buch, wie man es sich zuzeiten der Bonner Republik nicht hätte vorstellen können: Eine solche Distanz zu allen großen Weltentwürfen und Utopien, eine solche Immunität gegen alles Schwere und Tragische, ein derart entspanntes Verhältnis zu deutscher Provinz und deutschem Kleinbürgertum ist tatsächlich neu. Dafür braucht es einen unverstellten Blick, und den kann man vielleicht erst jetzt einnehmen, nachdem die großen intellektuellen und politischen Kontroversen des Kalten Krieges immer weiter in die Vergangenheit rücken. Und sicher braucht es dazu auch ein Lebensgefühl, das eine tragfähige Balance zwischen politischem Engagement und politischer Distanzierung gefunden hat. Manches spricht dafür, dass sich bestimmte Milieus in der Bundesrepublik momentan in diese Richtung bewegen. Dann wäre "Hampels Fluchten" nicht nur ein höchst lesenswerter Roman, sondern tatsächlich der literarische Reflex auf einen Neuanfang.

Tobias Heyl in FALTER 36/2000 vom 08.09.2000 (S. 51)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb