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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Mit "Geschichten zum Anfassen" hat die schreibfreudige Berlinerin Julia Franck ihre diesjährige Neuerscheinung untertitelt; "Geschichten vom Anschauen" hätte es eigentlich besser getroffen. Immer wieder sucht die 30-Jährige die Nahaufnahme, zoomt ganz dicht heran an die Objekte ihres Interesses, wobei ihr manchmal auch intime, berührende Momente gelingen. Dass das Buch insgesamt eher den Eindruck einer gewissen Glätte und Belanglosigkeit hinterlässt, ist unter anderem auf Francks Sprache zurückzuführen: Die erinnert schon so ein wenig an Schöner Wohnen auf literarisch. Gewählt, reduziert, aber trotzdem um Eleganz bemüht, stellt Franck da etwa ein paar besonders edle Konjunktive in die belletristische Schauvitrine und platziert dazwischen ein selten benutztes Substantiv: "Mir ist, als zwinge er mich damit, weiter in der Zeitung zu lesen. Täte ich es nicht, so würde er mein Lesen als Scheingebaren deuten. Beides gefiele mir nicht." Und ein bemüht schlicht gehaltenes poetisches Bild darf in der geschmackvollen Sprach-Einrichtung natürlich auch nicht fehlen: "Ich sehe, dass der Himmel die Wiese berührt." Wir halten kurz inne.
Aber auch inhaltlich überwältigt "Bauchlandung" nicht wirklich: Da sind die immer gleichen ruhigen, etwas eigenen Protagonistinnen, die mal eine nervende Zugfahrt schildern, von voyeuristischen Erlebnissen berichten oder dem todkranken Großvater das letzte Abendmahl bereiten. Franck schwächelt zudem etwas im Dialogischen, und auch Schlusspointen sind ihre Sache nicht.Benjamin von Stuckrad-Barre, das "schräge Literaturwunder, von Kritikern gehasst, wie ein Rockstar verehrt" (News, die Speerspitze der Literaturkritik), der Mann, bei dessen Lesungen unüberschaubare Heerscharen weiblicher Literaturgroupies "mit den Nabelringen klimpern, um die Türsteher zu überlisten" (Spiegel-Reporter) hat diesen Herbst die Welt mit seinem nun schon vierten Paperback beglückt: "Blackbox" vereint - schick designt - Protokolle, Erzählungen, Märchen und Weiteres; gemeinsam soll allen Texten "die Konfrontation eines sicher geglaubten Ordnungssystems mit plötzlich auftretenden Störungen" sein. Jaja.
Was liest man nun aber wirklich in "Blackbox"? Stuckrad-Barre schildert zu Anfang des Buches eine Party/Drogen/Sex-Nacht fast ausschließlich mit Begriffen aus der Schönen Neuen EDV-Welt, so ein bisschen a la Rainald Goetz auf massentauglich, von der Grundidee aber nicht ohne Reiz sowie auf handwerklich tadellose Art und Weise umgesetzt. Zu den weiteren gelungenen Textbeiträgen zählen dann eine vielleicht etwas überlange, insgesamt aber glänzend gelungene Medien-Satire sowie ein fiktives Protokoll aus der Gedankenwelt eines mittelalten weiblichen Fernsehstars (ich tippe auf Uschi Glas). Und es ist schon sehr gekonnt, wie Stuckrad-Barre in diesem Fall diese prototypische Mischung von politisch korrekten, lebensnahen, aber doch auch so sensiblen und ganz persönlichen Ein- und Ansichten persifliert. Der große Rest ist dann aber leider eher Ramsch; wenn es ums Erzählen geht, ist von Stuckrad-Barre halt nach wie vor zu eitel und geschwätzig, als dass da je etwas entstünde, das einen nachhaltig berühren könnte.Mit einer starken ersten Hälfte fesselt "Alles, was zählt", der neue Roman des Münchner Schriftstellers und Juristen Georg M. Oswald. Knochentrocken und in sarkastisch-desillusioniertem Ton lässt er hier den Protagonisten Thomas Schwarz von seinem Leben erzählen, welches bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich auf seine berufliche Karriere ausgerichtet ist: ja, fast ein bisschen so wie "German Psycho Extralight" oder Martin Suters "Business Class"-Kolumne in der Weltwoche, auf Romanlänge gestreckt.
Doch die anfängliche Stringenz des Romans geht im zweiten Teil völlig verloren: Nach Schwarz' Entlassung verliert sich Oswald enttäuschenderweise in einer drittklassigen Gaunergeschichte, anstatt von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, die aufgestauten Negativenergien des Protagonisten einem packenden Ende zuzuführen.Die Sängerin und Schriftstellerin Silvia Szymanski hat einen - finden wir den Mut, diese so selten benützten Worte zu verwenden - wunderbar klugen, unterhaltsamen und berührenden Roman verfasst, der noch dazu einen Titel trägt, der ihr ewige Verehrung eintragen sollte: "Agnes Sobierajski".
Schon bei ihrem vor zwei Jahren erschienenen Debütroman, "Chemische Reinigung", hatte Szymanski Talent bei der Titelwahl bewiesen und durch ihre knappe, ruppige Erzählweise erfrischt, leider aber völlig auf ein tragendes dramaturgisches Konzept vergessen. Nicht so bei "Agnes Sobierajski": Wie an einem Gummiband wird der Leser hier von der magisch-tragischen Liebesgeschichte der Romanheldin durch die 240 Seiten gezogen, gebannt durch den naiv-offenen Erzählton der 42-Jährigen.
Und wenn Szymanski die babysittende Protagonistin ihrer Arbeit nachgehen lässt, gelingen ihr so en passent auch noch Myriaden von treffenden Milieuskizzen - einfühlsam, direkt, nie von oben herab, so wie es sein soll.
Sicherlich, man könnte der Autorin vorwerfen, dass sie der liebessehnsüchtigen Frau Sobierajski manchmal ein Übermaß an emotionaler Selbstentäußerung zumutet; aber gerade dieser Mut zur Peinlichkeit, zum stilistischen und inhaltlichen Risiko ist es ja, der Szymanskis Erzählwelt so viel interessanter, echter macht als etwa die lebensversicherte, manikürte Prosa von Julia Franck.

Stefan Ender in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 7)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Alles was zählt (Georg M. Oswald)
Agnes Sobierajski (Silvia Szymanski)
Bauchlandung (Julia Franck)

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