1979
Roman

von Christian Kracht

€ 18,40
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.09.2001

Rezension aus FALTER 42/2001

In seinem Roman "1979" fährt Christian Kracht die deutsche Popliteratur an die Wand.


"Ein Hauch von Genialität weht durch ihn."
Die "Bunte" über Christian Kracht


Er ist gebürtiger Schweizer, Erbe, manisch Reisender; er ist die enigmatisch schillernde Flying Lady, die blonde Eminenz, der kindliche Kaiser der literarischen Popmoderne, der "Impersonator der Late 20th Century German Décadence" (Simone Meier im Tagesanzeiger). Er ist Wirrkopf und Dandy, Poseur, Provokateur und Paria, "eine ausgekotzte kleine Seele im Weltmeer der definitiven Orientierungslosigkeit" (noch einmal Simone Meier). Christian Kracht also. Who's that boy?

Blenden wir zurück: Es war im Frühjahr 95, da lag ein Buch in einem schönen gestreiften Umschlag, mit einem einfachen, rätselhaften Titel in den Buchhandlungen: "Faserland". Man schlug die Seiten auf und wurde von einem namenlosen Icherzähler auf eine sanfte Irrfahrt durch ein dröges Bessergestellten-Bundesrepublikanien mitgenommen. "Also, es fängt damit an, dass ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke." Als der kindliche, traurige Held dann sehr, sehr viele Jever, Ilbesheimer Herrlich und Brandy Alexander später nächtens im Ruderboot über den Zürichsee setzte, fand der Fall des daueralkoholisierten reinen Prinzen ein vorläufiges Ende und die so-called "deutsche Popliteratur" ihren Anfang.

Ausgiebig ist Christian Kracht mit Bret Easton Ellis verglichen worden; mit dem Amerikaner teilt der 34-Jährige seine Manie für detaillierte Beschreibungen der schönen neuen Warenwelt - Ahnherr Gregor von Rezzori gratulierte schon bei Krachts Debüt klappentextlich zu dessen "Präzision der Wahrnehmung", dessen "Hellwachheit in der Leere". Im Gegensatz zu Bret Easton Ellis, dessen Figuren als Ausweg aus Reizüberflutung und Selbstekel fast ausschließlich die Gewalttat bleibt, flüchten sich Krachts Helden in eine extreme Regression. Sie sind weder gewalt- noch in irgendeiner anderen Weise tätig, sie denken nicht an Sex und sie haben auch keinen. Trotz permanenter Drogenexzesse ist ihre Aura - widergespiegelt in Krachts perfekt naivem Erzählton - die der kindlichen Reinheit. Im Finale von "Faserland" träumt der Protagonist davon, mit Isabella Rosselini und gemeinsamen Kindern "eine kleine Holzhütte, am Rande eines kalten Bergsees" zu bewohnen.

In "1979", seinem soeben erschienenen zweiten Roman, überzeichnet Kracht die charakterliche Deformation seines Helden bis ins Groteske. Der Icherzähler ist zum einen "rein ... wie der Kelch Christi", zum anderen zutiefst angeekelt von seiner eigenen "widerlichen Erbärmlichkeit". Brauchte sein "Faserland"-Kollege lediglich Deutschland von Nord nach Süd durchtaumeln, so muss der Protagonist von "1979" auf einer surrealen Odyssee diverse politische und religiöse Systeme dans tout le monde abschippern.



Kapitalismus, Kommunismus, Buddhismus, Islam: alles nur wechselnde und verwechselbare Systemformen, denen sich Krachts Königliche Hohlheit höflich-lächelnd unterwirft. Es sei sein Ziel gewesen, "eine deutsche Ich-Figur zu erschreiben, die es nicht gibt, die nicht nur ein moralisches und ein Intelligenzvakuum darstellt, sondern auch ein physisches", so Kracht in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wenn sein erzählender weißer Fleck nach etlichen Monaten des Zwangsaufenthalts in einem kommunistischen Arbeitslager über Glücksgefühle berichtet, weil es ihm gelungen wäre, "endlich seriously abzunehmen", kann man nur sagen, dass dieses Unterfangen als in jeder Hinsicht gelungen betrachtet werden muss.

"1979" ist eine grandios-absurde Phantasmagorie aus größtmöglicher Dekadenz und Askese, wobei das "Wir müssen alle Opfer bringen, damit Heilung kommt"-Bußgetue in Filzlatschen offenbar den Overkill von mit brombeerfarbener Seide bezogenen Empire-Chaiselongues kompensieren soll. Die bedrückende Leere, die Kracht auf den knapp zweihundert Seiten des Romans zu erzeugen vermag, schmerzt unsäglich und scheint in dieser Drastik nicht mehr steigerbar. Wenn "Faserland" wirklich die Initialzündung für die so genannte deutsche Popliteratur war, so ist "1979" ihr grotesk-fantastischer Schwanengesang.

Stefan Ender in FALTER 42/2001 vom 19.10.2001 (S. 60)


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