Crazy
Roman

von Benjamin Lebert

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.02.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Out of Rosenheim

Benjamin Leberts Romandebüt "Crazy" verursachte in Deutschland einiges Aufsehen. Warum? Lebert ist 17. Und sein Buch ist tatsächlich beachtlich.
Vor dem Erscheinen des Buches herrschte helle Aufregung im deutschen Feuilleton. Ein Siebzehnjähriger hatte einen Roman geschrieben! Einen gerüchteweise ziemlich guten noch dazu! Der Spiegel brachte die erste Rezension: "Hinreißend, zärtlich, uneitel, ganz und gar erstaunlich und wunderbar" fand Elke Heidenreich das Buch. Kurz darauf meldete sich die FAZ zu Wort und sprach - oh je - von "eher langweiligen Erlebnissen eines Siebzehnjährigen in einem bayrischen Internat". Woraufhin die Süddeutsche Zeitung einige Tage später Auszüge aus "Crazy" samt einem Interview mit Benjamin Lebert brachte und dabei klipp und klar feststellte: "Das ist das Buch des Jahres." Ja, und nun?
Nun zuerst einmal zwei Sätze zum Inhalt. Buchautor Benjamin Lebert schildert in diesem stark autobiografischen Roman das knappe halbe Jahr, das der schwache Mittelschüler Benjamin Lebert in einem bayrischen Internat bei Rosenheim verbringt. Negative Erlebnisse überwiegen: Die Schwierigkeiten mit seiner Behinderung - Lebert ist Halbseitenspastiker -, die Verzweiflung wegen der Trennung von seinen Eltern und die Überforderung im Schulbetrieb vergißt er nur kurz bei verbotenen Unternehmungen, denen er gemeinsam mit einer verschworenen Gruppe von Freunden nachgeht und deren Beschreibung beweist: Der Mann hat Talent.
Leberts Sprache ist präzise, klar und schnorkellos, er versteht es, Unwichtiges wegzulassen und emotionale Befindlichkeiten in wenigen kurzen Hauptsätzen auf den Punkt zu bringen, sodaß ihm etliche fesselnde Passagen gelingen. Zudem ist der Roman übersichtlich aufgebaut, mit stringenten Spannungsbogen zu den beiden Hohepunkten in der Mitte und am Ende des Buches hin. Auch wenn Lebert aus einer Journalisten- und Schriftstellerfamilie kommt und ihm, wie er selbst zugibt, von mehreren Seiten Unterstützung zuteil wurde: Hut ab vor jemandem, der mit 17 Jahren das erforderliche Maß an Übersicht, Konzentration und Disziplin aufbringt, um so ein 175-Seiten-Ding abzuliefern.
Bewunderung zollen muß man dem Autor aber auch für seinen Mut, mit dem er offen und ungeschminkt über die eigene Behinderung, die Ohnmachtsgefühle im Schulalltag, Obsessionen ("Ich frage mich manchmal, was ich mehr will: Sex oder Sex oder, ja, Sex?" - Lebert in einem Interview), ängste und intimste Erlebnisse schreibt.
Natürlich hat das Buch auch Schwächen. Kurze Passagen erinnern entfernt an "Hanni-und-Nanni-" oder "5-Freunde"-Szenerien, und die eine oder andere pseudophilosophische Diskussion zwischen Fünfzehnjährigen hätte dem Leser auch ohne weiteres erspart werden konnen. Dabei sollte man freilich nicht vergessen, daß Lebert immerhin noch einmal rund ein Jahrzehnt jünger ist als andere junge deutsche Nachwuchsschriftsteller wie etwa Judith Hermann, Christian Kracht oder Benjamin von Stuckrad-Barre.
Auch wenn man "Crazy" nicht unbedingt zum Buch des Jahres ernennen mochte - das beeindruckende Debüt eines Siebzehnjährigen ist es allemal. Und wie läßt Lebert eine seiner Figuren am Ende des Romans sagen: "Laß uns einfach lesen. Aus Freude am Lesen. Und aus Freude am Verstehen. Und laß uns nicht darüber nachdenken, ob es Literatur ist oder nicht. Das konnen andere tun. Wenn es tatsächlich Literatur ist, dann umso besser. Wenn nicht, dann ist es auch scheißegal."

Stefan Ender in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 11)


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