City of God

von E. L. Doctorow, Angela Praesent

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Am Beispiel der Stadt New York zerbricht sich E. L. Doctorow den Kopf über unsere Zivilisation. Und plädiert für Skepsis.

Bekanntheit und Ansehen verdankt der amerikanische Autor E. L. Doctorow seinen vorzüglichen historischen Romanen, besonders "The Book of Daniel", "Ragtime", "Loon Lake" und "Billy Bathgate". In diesen Büchern gelingt Doctorow das seltene Kunststück, pralle Figuren und spannende Plots zu kreieren, ohne hinter die Entwicklungen des literarischen Materials in der Moderne zurückzufallen.

Wenn er der Verfallsgeschichte des amerikanischen Traums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachspürt, so wird, bei aller Reverenz ans realistische Erzählen, nie eine naiv unmittelbare Beziehung zum historischen Gegenstand vorgetäuscht: Doctorow weiß um die Macht der Bilder, die uns Reportagen, Filme, populäre Musik und Kriminalromane über diese Zeit eingebrannt haben, und bezieht sie in seine narrative Technik mit ein. Auf diese Weise wird die Zugänglichkeit der Vergangenheit selbst zum Thema, freilich ohne in forciert postmoderner Manier den Gewinn historischer Erkenntnis generell auszuschließen. "City of God" radikalisiert diese Perspektive in mehrfacher Hinsicht: Fokus ist nicht länger ein begrenzter Abschnitt der amerikanischen Historie, sondern die Zivilisationsgeschichte schlechthin. Nicht zufällig verweist der Titel des Romans auf Augustinus' "De civitate dei". Es ist wohl die seltsame Ambivalenz dieses letzten großen apologetischen Werks gegenüber dem Römischen Reich, die Doctorow fasziniert: Gleichzeitig einerseits dem idealen Staatsgebilde so nah wie nur möglich zu kommen und andererseits die Apokalypse einzuläuten – eine Zustandsbeschreibung, die sich auf gegenwärtige westliche Gesellschaften übertragen lässt?

Es geht um nichts Geringeres als die Möglichkeit ethischer Erkenntnis in unserer Welt. "New York", wo der Großteil des Romans spielt, ist nicht die Stadt Gottes, sondern eine Chiffre für diese Welt, "Gott" ein immer unzureichendes Bild für die Suche nach dem Richtigen in säkularen Zeiten. Jede traditionelle Romanform verbietet sich bei solchem Anspruch von vornherein. Doctorows Buch setzt ein mit der Urknalltheorie – in Gestalt einer Art Predigt. Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis darf später Einstein, die der philosophischen Wittgenstein darstellen. Die in Ritualen erstarrte Religion erledigt sich gleichsam von selbst. Viele Stimmen tauchen bei dieser Erkenntnissuche in überwiegend kurzen, scharf geschnittenen Passagen auf – Frank Sinatra etwa, der uns erwartungsgemäß auch nicht weiterhelfen mag:
"Ahnungslos war ich, ein ahnungsloser Junge, so isoliert in meinem erträumten Manhattan, während die Welt zerplatzte, Nazis im Stechschritt marschierten, Juden aus ihren Woh-nungen zerrten, Stalin in den Gulags Millionen zu Eis erstarren ließ, während die Japaner an chinesischen Kulis Enthauptungstechniken übten, ... die ganze verfluchte Welt ihre wahre Menschlichkeit offenbarte, ... und da steh ich und schmachte in Belcanto ..."
Die Sphäre des Entertainments prägt – wie unangemessen auch immer – das kollektive Bewusstsein: Virtuose Textimprovisationen über Standards der amerikanischen Unterhaltungsmusik wie "Me and My Shadow", "Dancing in the Dark" oder "Star Dust" oszillieren zwischen Idylle und desillusionierender Verfremdung, dem Medium Film wird reißerische Plattheit und moralische Eindimensionalität unterstellt.

Dass die traumatischen Gräuel des 20. Jahrhunderts – die Weltkriege, der Holocaust, Vietnam – als hartnäckigste Herausforderung für die Suche nach einem ethischen Fundament nicht fehlen dürfen, versteht sich von selbst. Die sehr traditionell erzählte Geschichte eines Waisenkindes im litauischen Ghetto zählt denn auch zum Eindrucksvollsten, was der Roman zu bieten hat.

So etwas wie eine Handlung, in der sich wiederum das zentrale Thema des Buches spiegelt, gibt es inmitten dieses vielstimmigen, sich immer wieder selbst in Frage stellenden Verfahrens auch: Tom Pemberton ist anglikanischer Pfarrer und in einer tiefen Glaubenskrise. Zudem wird aus seiner Kirche ein Kreuz geraubt, das sich wenig später auf dem Dach einer Synagoge findet. Die genaueren Umstände des Diebstahls bleiben ungeklärt, Pemberton lernt aber auf diesem Weg die Rabbinerin Sarah kennen, die er am Ende heiratet. Dazu kommt der Schriftsteller Everett, der Material für ein Buch (eben über Pemberton und Sarah) sammelt und gleichzeitig als Erzähler dieses Romans agiert – eine weitere etwas bemühte Schleife der Selbstrelativierung.
All das ist einerseits beeindruckend komplex, andererseits aber in gewisser Weise unnötig. Das Feuerwerk an formalen Ideen, in dem sich die Unlösbarkeit der zugrunde liegenden Fragestellung ausdrückt, läuft auf die wenig überraschende Konsequenz heraus, dass jenseits immerwährenden Zweifels und der stetigen Überprüfung vorläufiger Antworten nichts bleibt. Skepsis, gepaart mit einem nachgerade trotzigen Bedürfnis, Wissen und Handeln zu optimieren, statt in zynischer Gleichgültigkeit aufs Ende zu warten, beschreibt freilich nicht viel mehr als den Common Sense moderner Gesellschaften.
Die weltlich gewendete jüdisch-christliche Allianz im Sinne des zwar Unvollkommenen, aber immer noch Besten, das der zivilisatorische Fortschritt zu bieten hat, wird nicht allzu sehr strapaziert. Die Rabbinerin fasst religionskritisch zusammen: "Wenn unsere Verfassung nicht nur Kirche und Staat getrennt hat, sondern als Grundlage des Zivilrechts das Beste und Wesentliche des jüdisch-christlichen ethischen Systems übernommen hat, wurde denn damit nicht nur eine Trennung vollzogen, sondern vielmehr eine Aneignung, von der die leidenschaftlicheren unter unseren Predigern kaum Kenntnis nehmen?"

Wer Unsicherheit, Zweifel und nie an ihr Ende gelangende Reflexion zum Thema macht, kann aber auch eine solche Botschaft nicht absolut setzen. Am Ende des Buches steht folgerichtig ein Szenario für einen apokalyptischen Film Marke Hollywood über eine aus allen Fugen geratende Großstadt/ Welt, mit der die schwache Hoffnung in Gestalt des ökumenischen Paares konfrontiert wird: "Wenn der verarmte, mit Gott gesättigte Mob die Stadt überrennt, wird er niedergemacht. Das Militär putscht, (...) eine regierende Junta schließt sämtliche Fernseh- und Radiosender, private Computer werden für illegal erklärt, und rings um die belagerten Enklaven der Wohlhabenden werden hohe Mauern errichtet, die in regelmäßigen Abständen mit Wachtürmen gespickt sind. Es wird zum politischen Gemeinplatz, dem nicht einmal die Theoretiker der demokratischen Linken widersprechen, daß eine totalitäre Administration, Zwangssterilisierungen, Genehmigungen zur Elternschaft für die genetisch als geeignet Befundenen und ein Ethos der rationalen Selektion die einzige Zukunftshoffnung für die Zivilisation darstellen. An diesem Punkt werden uns der Held und die Heldin des Filmes vorgestellt, ein zutiefst religiöses Paar, das eine kleine, progressive Synagoge an der Upper West Side unterhält." Die weitere Handlung des Films bleibt uns – selbstverständlich – versagt.

Karl A. Duffek in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 10)


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