Deutsches Theater

von Benjamin von Stuckrad-Barre

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 9/2002

Der als "Popliterat" gehandelte Benjamin von Stuckrad-Barre schreibt hochkarätige Reportagen, vermarktet diese brillant und erfreut Österreich mit einer Erstbelesung.

Soloalbum", "Livealbum", "Remix", "Live Recordings", "Blackbox", "Bootleg", "Transkript", "Voice Recorder", "Deutsches Theater". Stern, taz, jetzt, Rolling Stone, Die Woche, Welt am Sonntag, SZ, FAZ, Spiegel, Zeit. Heidelberg, Stuttgart, Friedrichshafen, Bern, Zürich, Freiburg, München, Nürnberg, Halle, Erfurt, Bremen, Göttingen, Hannover, Bochum, Düsseldorf, Darmstadt, Würzburg, Dresden, Hamburg, Lübeck, Berlin, Wien, Salzburg, Graz, Köln, Bonn, Heidelberg (Zusatztermin), Offenbach, Mühlheim, Kleve. Dann noch: 480.000. Und: 27.

Es ist evident: Benjamin von Stuckrad-Barre ist ein äußerst umtriebiges Kerlchen. Der seit dem 27. Jänner dieses Jahres 27 Lenze zählende Autor kann schon auf eine stattliche Anzahl von Veröffentlichungen (sechs Bücher und drei CDs) zurückblicken, und mit seinem jüngsten Werk, der Reportagesammlung "Deutsches Theater", dürfte die Gesamtauflage des gebürtigen Bremers die Halb-Millionen-Marke mit Eleganz überspringen.

Doch auch in seinem angestammten Metier, dem Journalismus, ist Stuckrad-Barre Rührigkeit kaum abzusprechen. Bei ausführlicher Beobachtung der deutschen Medienlandschaft kann man sich da schon an die Geschichte vom Hasen und vom Igel erinnert fühlen: Welche Zeitung, welches Magazin man auch aufschlägt, ein Text des fashionablen Lars-Ricken-Lookalikes ist mit Sicherheit schon da. Wähnte man den Jungautor noch als FAZ-Redakteur bei deren "Berliner Seiten", so hoppelte er im nächsten Augenblick schon wieder als Stern-Kolumnist durch die vielfarbige Printprärie, um kurz darauf wiederum im Spiegel respektable Kabinettstückchen über Walter Kempowski darzubieten.

Dass Stuckrad-Barres Texte allerorten gern gedruckt werden, kommt nicht von ungefähr. Der ehemalige Autor für die Harald-Schmidt-Show ist ein exzellenter Beobachter, pflegt einen frischen, quicken Schreibstil, Witz, Ironie und Respektlosigkeit behend amalgamierend, und das alles bei einem Hang zu meist boulevard- und medienaffiner Themenwahl. An guten Tagen läuft Benjamin von Stuckrad-Barre locker zum Willi Winkler der jüngsten Journalistengeneration auf. Was will ein Chefredakteur mehr?

Nur wenig; doch den ehemaligen MTV-Show-Moderator ("Lesezirkel") gelüstete es ganz eindeutig nach Beständigerem als der Welt der Tages- und Wochenaktualität. Zum Buche, in seinem speziellen Fall zum Taschenbuche hin drängte es Stuckrad-Barre über alles, mit dem "in seiner Jugend Maienzeit" (Harald Schmidt) verfassten Roman "Soloalbum" debütierte er 23-jährig auf dem literarischen Parkett. Der Spiegel, dem jungen Autor noch nicht so hold wie in den jüngsten Tagen, sprach damals von "Geschnodder und Geschwelge ohne jedes Gespür für Satzbau und Melodie", und der Terminus "Pop-Literatur" waberte fortan unausrottbar durch die Welten der hochglänzenden Gazetten (Credo: hui!) und feingeistigen Feuilletons (pfui!). Benjamin von Stuckrad-Barre ward als deren smartester und talentiertester Protagonist erkoren und fand sich (und findet sich bis heute) bei seinen "Lesereisen" umringt von meist jüngeren und eher weiblichen Stucki-Groupies.

Überhaupt, die Lesereisen. Zwei seiner Bücher, "Livealbum" und "Transkript", haben diese zum Thema; man kommt nicht umhin, Stuckrad-Barre hier fast pathologische Tendenzen zur Nabelschau zu attestieren. In seinem Fall wären die Reisen eigentlich als "Tourneen" zu bezeichnen: Umfasste die 99er-Tour respektable 23 Auftritte, so wuchs die Zahl der bereisten Städte in diesem Jahr auf dreißig an; Österreich wird heuer erstbelesen. Was man hierbei erwarten kann? Die Schweizer Weltwoche berichtete jüngst von einer "rötlichen Discobeleuchtung", zu welcher der Autor "mit klangvoller Stimme" seine Texte liest, angetan mit weißem Anzug, schwarzem Hemd und weißen Schuhen. Dazwischen gibt es auch noch Dias und Musik, und beim Publikum bedankt sich der Vorleser mit: "Schön, dass ihr alle da seid."

Stefan Ender in FALTER 9/2002 vom 01.03.2002 (S. 68)


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