Liebe usw.
Roman

von Julian Barnes

€ 20,50
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Übersetzung: Gertraude Krueger
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.02.2002

Rezension aus FALTER 13/2002

Mit "Liebe usw." hat Julian Barnes eine mehr als gelungene Fortsetzung seines vielstimmigen Romans "Darüber reden" geschrieben.

Es verblüfft immer wieder, wie viele Möglichkeiten für Experimente die Gattung des Romans bietet. Ein solches - ebenso ungewöhnliches wie unterhaltsames - war die Form von Julian Barnes' 1991 erschienenem "Darüber reden": Erzählt wurde damals die Dreiecksgeschichte des Ehepaars Stuart und Gillian und ihres besten Freundes Oliver, der seinem Freund Stuart die Frau ausspannt. Barnes ließ die drei Hauptfiguren - und eine kleine Gruppe von Nebendarstellern - direkt zum Leser sprechen. Jede Figur argumentiert, stellt ihre Position dar und versucht mit mehr oder weniger Erfolg, den Leser auf ihre Seite zu ziehen. Keine Figur weiß, was die anderen erzählen, und dem Leser stellt sich die Frage, ob Gillian, Oliver und Stuart ihm gegenüber nicht genauso unehrlich sind wie untereinander. Am Ende dieser sich in verwirrender Widersprüchlichkeit vor ihm ausrollenden Geschichte von Freundschaft, Loyalität und Betrug verlässt Gillian ihren Mann wegen Oliver, und der Leser muss versuchen, das Geschehene zu beurteilen. Dass er es auch wirklich versucht, dass man sich noch lange danach mit der Frage beschäftigt, wer nun eigentlich Recht hat, liegt an der großen Kunst des Erzählers Julian Barnes.

Und nun, genau zehn Jahre später, die Fortsetzung: "Liebe usw." Wir treffen alle Haupt- und Nebenfiguren wieder, und auch sie wissen sehr genau um das Problematische einer Fortsetzung; der Leser muss sich gleich zu Beginn Entschuldigungen anhören und sich sagen lassen, dass auch er nicht gerade vorteilhaft gealtert sei. Vieles hat sich verändert: Der Versager Stuart ist zu einem reichen Besitzer einer Kette amerikanischer Bioläden geworden, der weltgewandte Oliver zu einem geschwätzigen Versager, der sich von seiner Frau Gillian aushalten lässt. Stuart kehrt aus Amerika zurück (und ermöglicht es Barnes, eines seiner Lieblingsthemen, die Kontraste von amerikanischer und britischer Lebensweise, ins Spiel zu bringen) und nähert sich von neuem, mit zunächst unklarer Absicht, Gillian und Oliver.

Wozu, fragt sich der skeptische Leser zunächst, macht Julian Barnes das noch einmal? Geht es nur darum, einen literarischen Erfolg zu wiederholen? Und kann er uns, die wir das Grundkonzept ja nun kennen, damit noch etwas Neues zeigen? Wer so denkt, ist Julian Barnes bereits in die Falle gegangen.

Denn spielte das frühere Buch mit den Loyalitäten der Figuren untereinander, so geht es diesmal direkt um die Loyalität des Lesers. Man würde zu viel verraten, wollte man im Detail erklären, wie raffiniert die Manipulationen sind, die Barnes mit der Sympathie des Lesers anstellt. "Sie müssen verstehen", erklärt Gillian, "Stuart will, dass Sie ihn mögen, er braucht es, dass Sie ihn mögen, während Oliver sich nicht recht vorstellen kann, dass Sie ihn nicht mögen könnten. Sie sehen mich so skeptisch an."

Das tut man, und man tut es immer wieder, während einem der Intellektuelle Oliver mit seiner pseudoliterarischen Gelehrsamkeit, seinem Kunstgeschwätz und seinen matten - von Gertraude Krueger vorzüglich übersetzten - Wortspielen auf die Nerven geht; schnell bevorzugt man den bescheidenen, klugen, erfolgreichen Stuart und merkt viel zu spät, dass man sich bloß einmal mehr auf die Seite des Starken gegen den Schwachen, des Hinterlistigen gegen den arglosen Angeber gestellt hat.

Nicht nur drängt Stuart sich geschickt ins Leben der Familie, macht sie finanziell von sich abhängig, treibt Oliver in die Depression, beschädigt dessen Ansehen bei seiner Frau und seinen Kindern, die Stuart schon bald als ihren "besseren" Vater ansehen; er schafft es auch, dass sogar der Leser all dies als pure Freundlichkeit, als Altruismus und gutmütige Fürsorge begreift und sich nur an den verzweifelten Versuchen des machtlosen Oliver stört, all dies mit einem Rest von Humor zu nehmen. Und wenn es zu spät ist und die Handlung ihre Wendung in die Katastrophe, ja ins Tragische genommen hat und man sich fragt, wieso jedermann auf Stuart hereingefallen ist, muss man sich eingestehen, dass es auch einem selbst nicht anders ergangen ist, obwohl man, anders als die Figuren, von Anfang über alle Informationen verfügte.



Julian Barnes ist dem älteren Roman nicht nur gerecht geworden; er hat ihn, wie es die Aufgabe guter Fortsetzungen ist, weit hinter sich gelassen. "Liebe usw." ist ein über weite Strecken lustiges und scheinbar harmloses Buch, das sich gegen Ende auf eine Weise ins Existenzielle wendet, die einen verstört, verblüfft und mit der Erkenntnis, dass wohl manches zwar lustig, aber keineswegs harmlos war, zurücklässt. Man würde gerne noch ein paar Fragen stellen, aber Julian Barnes' Figuren schweigen. Zweihundertfünfzig Seiten haben sie auf einen eingeredet, nun vermisst man plötzlich ihre Stimmen. Wirklich kein kleines Kompliment für einen Schriftsteller.

Daniel Kehlmann in FALTER 13/2002 vom 29.03.2002 (S. 58)


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