Königs Kinder
Roman

von Kathrin Schmidt

€ 23,60
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.09.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Mit altmeisterlicher Sorgfalt nähert sich Kathrin Schmidt in ihrem dichten Roman "Koenigs Kinder" dem Entwurf einer Kindheit jenseits von Psychologie und Realismus.

Kathrin Schmidt ist eine Epikerin von Gottes Gnaden. Unter den Autoren ihrer Generation, also der Forty-Somethings, verfügen nur wenige über vergleichbare Sprachmacht, und stünde ihnen die zu Gebote, fehlte ihnen der bisweilen geradezu gravitätische Ernst, der Schmidts literarische Welten durchweht. Komik gibt es hier nur als Tragikomik. Es soll Rezensenten gegeben haben, die "Die Gunnar-Leneffsen-Expedition" von 1998 komisch fanden - ein fatales Missverständnis. An ihren Figuren arbeitet Kathrin Schmidt mit geradezu altmeisterlicher Sorgfalt, es sind meistens so genannte kleine Leute, deren biografische und psychische Vielschichtigkeit sich nur geduldiger Beobachtung erschließt. Und trotzdem ist dieser Autorin jeder Realismus fremd, sie denkt sich Handlungen von labyrinthischer Kompliziertheit aus, vor deren Nacherzählung die meisten Rezensenten kapitulieren dürften.

Dass solche Romane keinen politischen oder moralischen Standpunkt einnehmen (können), dürfte nach diesen Präliminarien klar sein: Wovon Schmidts Romane die Leserschaft allenfalls überzeugen könnten, ist ein zutiefst tragisches Lebens- und Weltgefühl. Aber wem das nicht vertraut ist, der wird diese Bücher vermutlich gar nicht in die Hand nehmen.

"Koenigs Kinder" heißt Kathrin Schmidts neuester Roman, und er spielt im ehemaligen Ostberlin, dort, wo die Stadt noch immer arm und krank ist. Ein Mädchen namens Janina verschwindet für wenige Tage, und der ganze Kiez macht sich Sorgen: der schwule Rechtsanwalt Marl, der sich so sehr ein Kind wünscht, auch Frau Koenig, die leicht debile Putzfrau, die bei der ebenso alarmierten Lehrerin Lioba geheimnisvolle Kassiber deponiert. Aber wie schon angedeutet: Wer wissen will, was mit Janina nun wirklich passiert ist, muss selber lesen. Und wird in einem kunstvoll angelegten Handlungsgeflecht eine ganz eigenartige Erfahrung machen: Die Figuren bleiben erzählerisch auf großer Distanz, sie sprechen kaum, aber sie rücken nahe, bisweilen erdrückend nahe.

Janinas Verschwinden ruft bei allen, die sie kennen, intensive Erinnerungen an die eigene Kindheit hervor, an eine Kindheit unter den Russlanddeutschen in Kasachstan, an Kindheiten in Deutschland, an unverstandene Gefühle, rätselhafte Bilder, Gerüche und Geräusche. Und die vermischen sich mit der Gegenwart der Erwachsenen, denen ihre eigene Welt, erst recht unter dem Eindruck des Verschwindens Janinas, nicht weniger unheimlich vorkommt als in ihren Kinderjahren. Vielleicht geht die Faszination dieses Romans davon aus, dass er so etwas wie den zeitlosen Kern seiner Figuren beschwört. Das ist etwas anderes als das zum Allerweltswissen herabgesunkene psychoanalytische Wissen von den kindlichen Prägungen, die man sein Leben lang nicht los wird. Hier geht es um die fiktional vorgetragene Hypothese eines biografischen Nullpunkts, an dem Zeit und Raum einer Biografie zusammenfallen. Dass es einen solchen Punkt geben könnte, liegt außerhalb des Vorstellungsvermögens jeder psychologischen Wissenschaft, die ihren Namen verdient hat. Aber was muss sich die Literatur um die Psychologie scheren?

Ein solches Erzählen, das auf die ganze Existenz zielt, ist anachronistisch. Und weil niemand, der Kathrin Schmidts Bücher liest, vergessen kann, wie heutzutage sonst geschrieben und erzählt wird, riskiert diese bedeutungsschwere Prosa bisweilen den Vorwurf des Manierismus. Man wird ihn an einigen Stellen vermutlich belegen können, aber er wiegt doch gering angesichts einer unbeirrbaren Eigenwilligkeit, die jeden Widerspruch als kleinkariert zurückweist. Zudem verlangt die Autorin ihrer Leserschaft nicht nur einiges ab, sondern verwöhnt sie auch mit einem Sprachreichtum und einer Sinnlichkeit, wie man sie selten findet. Eine Einzelgängerin, ganz bestimmt, und die Vorstellung, der größere Teil unserer Gegenwartsliteratur käme so gewichtig daher, ist nicht gerade verlockend. Aber Bücher wie die von Kathrin Schmidt sind es, die daran erinnern, dass Literatur erst dort interessant wird, wo sie etwas riskiert. Und von der Hoffnung auf solche Bücher lebt am Ende jede Literatur.

Tobias Heyl in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 7)


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