Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay
Roman

von Michael Chabon

€ 25,60
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Übersetzung: Andrea Fischer
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 816 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.08.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Michael Chabon erweist sich mit seinem panoramaartig angelegten Romanungetüm "Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay" als außergewöhnliches Erzähltalent.

"Auf der breiten Betonbrüstung des 86. Stocks balancierte wie eine helle, zackige, in die Wolken geschlagene Kerbe ein lächelnder Mann mit einer Maske und einem Anzug in Indigo und Gold. (...) Die breite Brust war umgürtet mit einem schmalen Band, das in Tausenden winziger Knoten unter den Achselhöhlen hindurchgeschlungen und dann ungefähr sieben Meter über der Promenade an der Stahlspitze des schmückenden Sonnenstrahls festgemacht war, der vom Dach des Aussichtsrestaurants in die Höhe ragte. Der Mann zog an dem geknoteten Band, und es ertönte ein tiefes Dis. Er gab ihnen eine Vorstellung, den Kindern und den Polizisten, die sich zu seinen Füßen versammelt hatten, die ihn bedrohten, umschmeichelten und anflehten, wieder herunterzuklettern. (...) ,Ihr werdet es sehen!' rief er. ,Der Mensch kann fliegen.'"

Als Michael Chabons Held Joe Kavalier am Ende einer immer absurder werdenden Sequenz in der Gestalt der von ihm erschaffenen Comicfigur "Der Eskapist" waghalsig in die Tiefe springt, nimmt er damit nicht nur bereits in den frühen Fünfzigerjahren die Freizeit-Auswüchse heutiger Eskapisten vorweg. Er treibt auch das an starken Momenten wahrlich nicht arme Romangeschehen von "Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay" nach weit über 600 Seiten zu einem Höhepunkt. Vom Ende ist der Leser dennoch um einiges entfernt. Schließlich stehen Joe Kavalier die wahren Schwierigkeiten immer erst bevor, wie dessen Lehrer Bernhard Kornblum in einem Kernsatz zu Beginn des Buchs formuliert: "Vergiss, wovor du geflohen bist. Spare dir deine Angst dafür, wohin du fliehst."

Kavalier war praktisch sein ganzes Leben auf der Flucht. 1920 in Prag geboren, gelingt es ihm als einzigem Mitglied seiner Familie, der Judenverfolgung durch die Nazis rechtzeitig zu entgehen und bei Verwandten in den USA unterzukommen. Eine Tatsache, für die sich Kavalier zeit seines Lebens schuldig fühlen wird. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten freundet er sich zunächst schnell mit seinem Cousin Sam Clay an. Die beiden eint ihre Liebe zum Zeichnen, die sie auf dem aufkeimenden Comicmarkt der späten Dreißigerjahre schnell berühmt machen wird.

Das Glück zerfällt aber schnell wieder, als Joes Plan, seinen Bruder in die USA zu holen, scheitert, weil das Schiff, auf dem sich dieser befindet, von einem deutschen U-Boot versenkt wird. Der nach Rache Sinnende meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst, darf jedoch nicht die bösen Fritzen töten, sondern strandet auf einer Militärbasis in der Antarktis. Da er nach Kriegsende nicht zurückkehrt, hält man ihn für tot. Seine Freundin und der homosexuelle Sam gehen eine Zweckpartnerschaft ein, um Joes kurz vor seinem Abgang gezeugtem Sohn Mutter und Vater zu sein. Bis der leibhaftige Eskapist plötzlich vom New Yorker Himmel wieder mitten in ihr Leben fällt.

Chabons Roman macht es dem Rezensenten schwer: Jede noch so kursorische Inhaltsangabe muss vor dem enormen Handlungsreichtum der "Unglaublichen Abenteuer" kapitulieren. Ähnlich verhält es sich mit der Fülle der behandelten Themen und einer etwaigen Charakterisierung des Buchs, das sich gleichzeitig als Abenteuergeschichte, als glaubwürdig erfundener historischer Roman aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren der USA, als Hommage an das Comiczeitalter, als New-York-Roman und als berührende Liebesgeschichte lesen lässt.

Der für den panoramaartig angelegten Roman im letzten Jahr mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Autor scheint seine Augen tatsächlich überall zu haben. Dazu recherchierte er zweifellos gründlich und bringt viel historisches Wissen über die Kultur eines vergangenen Amerikas voller aufmüpfiger junger Männer und druckfrische Zeitungen anpreisender Straßenjungen ein.

Überhaupt stimmt hier fast alles: Chabon ist enorm einfallsreich, hat eine gute Hand für Geschichten und weiß diese mittels einer über weite Strecken virtuos gehandhabten Sprache zu transportieren. Gemeinsam mit Autoren wie Jonathan Franzen ("Die Korrekturen") bildet er die Speerspitze einer Generation amerikanischer Romanciers, die zuletzt für die immer gelungenere Symbiose von Postmoderne à la Pynchon und DeLillo mit einem massentauglichen realistischen Erzählen sorgte. Selten befanden sich so viele gute Bücher auf den Bestsellerlisten wie heute.

Ein wenig getrübt wird das intelligente Lesevergnügen lediglich durch zwei Tatsachen: Zunächst verläuft die Handlung bisweilen ein wenig sprunghaft, und manche Wendung im Geschehen erscheint nur ungenügend motiviert, und dann lässt Chabon auch seiner sprachlichen Begabung allzu freien Lauf (Selbstbeherrschung dürfte generell keine seiner Stärken sein). Beispielsweise wartet er mit zahlreichen und teilweise reichlich kruden Beschreibungen des strahlend blauen Himmels auf (Höhepunkt: "Der Himmel war so blau wie die Rosette eines preisgekrönten Lamms"), dass im Laufe der Lektüre der Wunsch nach einem plötzlichen Wetterumschwung immer stärker wird. Man weiß schon, wie ein blauer Himmel aussieht. Trotzdem: eine erzählerische Großtat und ein Versprechen für die Zukunft.

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 19)


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