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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 50/2002

Allen Befürchtungen zum Trotz erweisen sich die erstmals in Auszügen publizierten "Journals" des Nirvana-Sängers Kurt Cobain als essenzielle Lektüre, die einen Mythos korrigieren.

"I hope I die before I get old"
(The Who: My Generation, 1965)

"Hope I die before I turn into Pete Townshend"
(Kurt Cobain, circa 1993)

"Tagebücher" ist ein hochgradig irreführender Titel für Kurt Cobains im amerikanischen Original als "Journals" veröffentlichte Aufzeichnungen. Wer sich hier nämlich eine geordnete Chronologie erwartet, muss zwangsläufig enttäuscht werden. Der großzügig angelegte Band besteht vielmehr aus einer scheinbar konfusen Sammlung von Briefen, Notizen, Gedichten, Kurz- und Songtexten, Zeichnungen, Comics, Entwürfen für Bandinfos et cetera, die aus Cobains Nachlass stammen und von seiner Witwe, der Sängerin und Schauspielerin Courtney Love, sorgfältig ausgewählt wurden.

Durchwegs ohne Datumsangabe auf losen und auch in der deutschen Ausgabe meist zusätzlich als Faksimiles abgedruckten Zetteln notiert, zeichnet dieses vielstimmige Wirrwarr in seiner Gesamtheit aber ein vielschichtiges und nie unangenehm voyeuristisches oder pathetisches Bild des letzten großen Rockidols unserer Zeit.

Im Gegensatz zum weitverbreiteten Klischee des genialen, aber unnahbaren Künstlers, der im depressiven Körper eines Heroinjunkies gefangen war, vermittelt Cobain im Buch den Eindruck eines leidenschaftlichen und kompromisslosen Undergroundmusikers, der vor allem vor dem großen Durchbruch von Nirvana bei aller Sensibilität auch Humor, Selbstironie und eine positive Lebenseinstellung erkennen lässt. Glaubt man den "Tagebüchern", wurde Cobain später auch weniger vom gigantischen Erfolgsdruck, sondern vielmehr von einem mysteriösen und mit unerträglichen Schmerzen verbundenen Magenleiden gebrochen.

"Meine Texte sind ein riesiger Haufen von Widersprüchen", heißt es an einer Stelle des Buchs treffend. "Auf der einen Seite sehr aufrichtige Ansichten und Gefühle, die ich habe, und auf der anderen sarkastische und hoffentlich humorvolle Abrechnungen mit klischeehaften Boheme-Idealen, die seit Jahren überstrapaziert werden. Ich meine, ich bin ja gern leidenschaftlich und aufrichtig, aber ich hab genauso gern meinen Spaß und mache mich zum Affen. Trottel vereinigt euch."

Gerade in der permanenten Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Rockindustrie wird Cobains Zerrissenheit zwischen revolutionärem Gestus und Sarkasmus sichtbar. "Wir wollen mit abkassieren und den Bossen in den Arsch kriechen, in der Hoffnung, auch HIGH zu werden und zu FICKEN, HIGH WERDEN UND FICKEN. HIGH WERDEN und FICKEN", schreibt er etwa im semiironischen Begleitschreiben zu einer von Nirvanas ersten Demo-Kassetten.

In einem Brief an Tobi Vail, die Schlagzeugerin der Riot-Grrrl-Formation Bikini Kill, bezeichnet Cobain die offensive Nutzung der Medien- und Unterhaltungsindustrie dagegen in aufrechter Naivität als Möglichkeit zur Subversion: "Wir können in der Maske des Feindes die Mechanismen des Systems infiltrieren, um es von innen heraus zu zersetzen. Das Imperium sabotieren, indem wir so tun, als spielten wir ihr Spiel mit. Gerade genug Kompromisse machen, um sie bloßzustellen."

Kurt Cobain und Nirvana haben das internationale Popgeschäft zwar einen aufregenden Moment lang durcheinandergewirbelt; es "bloßzustellen" ist ihnen aber naturgemäß nicht wirklich geglückt. Acht Jahre nach Cobains Tod ist die Band - vor allem dank ihres zweiten Albums "Nevermind" - ein kanonisierter Fixbestandteil der Rockgeschichte, während ihre Einflüsse und Weggefährten längst wieder vergessen wurden. Kurt Cobain selbst trägt seit dem 8. April 1994 den ekelhaften Heiligenschein des tragischen Rock-Revolutionärs. Genau diesem Mythos halten die "Tagebücher" jedoch das bewusst lückenhafte und ambivalente Puzzle einer sehr realen Persönlichkeit entgegen.

Gerhard Stöger in FALTER 50/2002 vom 13.12.2002 (S. 71)


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