Cosmopolis
Roman

von Don DeLillo

€ 17,40
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Übersetzung: Frank Heibert
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.08.2003

Rezension aus FALTER 35/2003

New York vor dem Terror: In "Cosmopolis" lässt Don DeLillo einen Spekulanten seinen persönlichen 11. September erleben. Die Bildschirme zeigten Geldbewegungen. Zahlen glitten horizontal vorbei, und Säulendiagramme pumpten rauf und runter. Er wusste, es gab da etwas, das noch niemand entdeckt hatte, ein latent in der Natur verborgenes Muster, einen Sprung in der Bildsprache, der über die Standardmodelle technischer Analyse hinausging und selbst die geheimnisvolle Diagrammsprache seiner eigenen Jünger auf diesem Gebiet ins Aus prophezeien konnte."

Zahlenflüsse, die bisweilen bis ins Erotische gehende Faszination für Datenströme und nicht zuletzt die seit dem mythenumrankten Autoren-U-Boot Thomas Pynchon gern manisch betriebene Suche nach einem dahinter verborgenen Muster: Man könnte meinen, Don DeLillo mache in seinem neuen Roman "Cosmopolis" auch nach dem 11. September 2001 so weiter wie bisher, hat sich der Autor doch in den letzten zwanzig Jahren mit Würfen wie der Umweltkatastrophenschilderung "White Noise" (1985), der minutiösen JFK-Rekonstruktion "Libra" (1988), der Terrorismusmeditation "Mao II" (1991) und nicht zuletzt mit "Unterwelt" (1997), seiner voluminösen Chronik des Kalten Kriegs, den Ruf als umfassendster Deuter des amerikanischen Alltags zwischen Dauergeflimmer und Highwaykillern erworben.

So verwundert es wenig, dass es bereits im Vorfeld von "Cosmopolis" unter US-Kritikern und verschworenen Interpreten-Zirkeln im Internet rege Diskussionen darüber gab, ob der kultisch verehrte Romancier nun die erste große Analyse seiner Nation nach den Terroranschlägen vorlegen oder aber gar nicht auf diese eingehen würde. Denn: Durch die reale Katastrophe wurde DeLillo, der in seinen Büchern immer wieder ähnliche Szenarien entwarf, fast schon die Arbeitsgrundlage entzogen.

Der Autor hat sich der Aufgabe denn auch mit einem simplen, aber genialen Trick entwunden. Er wandelt die alte Fußballweisheit "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel" in "Nach 9/11 ist vor 9/11" um und konfrontiert im April 2000 einen durch Yenkredite und Börsenspekulationen zum Big Player avancierten, aalglatten Endzwanziger namens Eric Packer mit seinem persönlichen Schicksalstag. Dieser soll dem Helden neben mehr Geld zunächst nur einen Haarschnitt bescheren, endet jedoch - nach Irrfahrten durch ein auch schon zu diesem Zeitpunkt enorm düster anmutendes, virtuelles New York - mit seiner Ermordung.

Überhaupt herrscht Ausnahmezustand: Der Präsident ist in der Stadt, und es liegt eine Morddrohung gegen ihn vor; Gleiches gilt übrigens auch für den Protagonisten. Entsprechend wird der Verkehr ständig umgeleitet und lässt unseren Spekulanten, der sich in seiner Limousine ein Hightechbüro einrichten ließ und dort seine Berater wie auch den täglich die Prostata prüfenden Hausarzt empfängt, immer mehr vom Weg zum Haarschneider abkommen. Als dann noch ein Trauerzug für einen verstorbenen Rapstar die Straßen blockiert, im Fernsehen der Direktor des Internationalen Währungsfonds ermordet wird und der Protagonist grundlos seinen Leibwächter erschießt, steigert sich die Düsternis immer mehr ins Surreale.

In den USA musste der von der Kritik bislang gehätschelte Romancier für solch drastische Szenarien Prügel einstecken: "Hoffnungslos klischeebeladen" etwa fand die New York Times nicht nur den ein wenig an Bret Easton Ellis' viel diskutiertes Monster aus "American Psycho" angelehnten Helden, sondern plötzlich auch DeLillos ganze Schreibe. Angesichts der keineswegs nur in den Staaten vorherrschenden Auffassung, dass der mit Autoren wie Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides im großen Stil zurückgekehrte Realismus die neue literarische Avantgarde sei, ist das nur konsequent.

Der zweite große Vorwurf an DeLillo lässt sich unschwer erahnen: "Cosmopolis" sei schlicht "überholt". Zwar lässt sich von dem Roman schwerlich sagen, sein Autor habe sich dafür neu erfunden. Auch mag das Aufgreifen der im Jahr 2000 sicher zeitgemäßeren Thematik um Börsenspekulationen nicht unbedingt sein größter Coup sein - die Idee, nach dem Motto "Geld stinkt doch", Ratten zu Währungseinheiten zu machen, schon eher -, doch stimmt er, angesichts des auf die Höhe seiner Dichtung aufschließenden Weltgeschehens, die Basiskoordinaten durchaus stimmig neu ab.

So gehören etwa die Schilderungen von Erics Verschmelzen mit dem Maschinenpark in seiner Limousine zu den stärksten Passagen des Romans. Ging es DeLillo schon immer um den Umgang des Individuums mit einem immer mehr Zeit und Raum in Anspruch nehmenden medialen Dauerrauschen, so treibt er dies hier auf die Spitze: Etwa wenn Eric in gespenstischen Momenten immer wieder das auf dem Monitor beobachten kann, was erst ein paar Sekunden später eintreten wird: "Er wusste, dass die SpyCam ohne Zeitverschiebung arbeitete oder das jedenfalls tun sollte. Wie konnte er sich dann mit geschlossenen Augen sehen? Keine Zeit, das zu analysieren. Er spürte, wie sein Körper zu dem unabhängigen Bild aufschloss."

Sprachlich wird das Buch von einem nüchternen Ton getragen, den DeLillo wohl als Kontrast zu den zugespitzten Inhalten für nötig hielt. Aus den langen Dialogpassagen blitzt dadurch oft eine finstere Komik auf, bei der dem Leser allerdings das Lächeln auf den Lippen gefriert. Trotz aller Drastik hat der Autor dabei seinen Blick für verblüffende kleine Weisheiten übrigens nicht verloren: "Wir sterben, Jane", lässt er Eric einmal sagen, "am Wochenende. Menschen. Das kommt vor. Wir sterben, weil Wochenende ist." Gibt es eine treffendere Umschreibung der Tragik eines Workaholic-Daseins?

Wobei: Die größten Börsenindizes werden ja längst rund um die Uhr und an sieben Tagen die Woche gehandelt. Und so macht es durchaus Sinn, dass schließlich ein entlassener Exmitarbeiter dem Protagonisten ausgerechnet an einem Wochentag dessen Endlichkeit demonstriert.

Sebastian Fasthuber in FALTER 35/2003 vom 29.08.2003 (S. 48)


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