Durst
Roman

von Michael Kumpfmüller

€ 17,40
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 207 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.2003


Rezension aus FALTER 37/2003

In "Durst" setzt Michael Kumpfmüller auf literarische Beschreibungskunst, um sich einem quälenden Thema anzunähern.

Vor drei Jahren machte Michael Kumpfmüllers tragikomisches Nachkriegsepos "Hampels Fluchten" gehörig Furore - was unter den damaligen Verhältnissen, als wöchentlich ein neuer "Stern" am Himmel der deutschen Literatur aufstieg, etwas heißen will. Die Diskussion drehte sich, vereinfacht gesagt, um die Frage, ob hier nur ein gewiefter Kunsthandwerker oder doch endlich der lange erwartete Hoffnungsträger aus der Generation der vierzigjährigen Romanciers an die Öffentlichkeit getreten sei. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die aufgrund der Warterei schon ziemlich nervös geworden war, konnte sich am Ende doch nicht entscheiden - und druckte zwei entgegengesetzte Rezensionen ab.

Kumpfmüllers zweiter Roman, "Durst", macht es beiden Parteien nicht leicht, sich in ihrem Urteil über den Erstling bestätigt oder widerlegt zu sehen: Denn er unterscheidet sich im Umfang, in der Thematik und im Duktus so stark vom Erstling, dass man glauben könnte, er sei von einem anderen Autor, wären da nicht die Präzision in der Beobachtung von Details und ein großes Talent fürs Atmosphärische, das beiden Büchern dann doch gemeinsam ist.

Eines gleich vorweg: Es ist eine Qual, dieses Buch zu lesen. Es erzählt von einer Frau, die sehr jung ist, aber schon drei Kinder hat, und die nun dreizehn Tage und über 200 Seiten lang, zwei dieser Kinder verdursten und ersticken lässt. Sie ist eine jener Frauen, deren Lebensgeschichten man aus der Zeitung zu kennen glaubt, eine jener Frauen, deren Biografie aus dem Gleis geraten ist, sei es aufgrund eines traumatischen Erlebnisses in der Kindheit, aufgrund von Drogenproblemen oder anderen Schwierigkeiten. Es ist natürlich ein Fortschritt, dass solche Frauen in der Öffentlichkeit nicht mehr dämonisiert werden, dass man versucht, ihre Handlungsmotive zu verstehen - aber die Kehrseite dieses Fortschritts ist, dass psychologische und sozialwissenschaftliche Erklärungen den Blick auf das im Kern Unverständliche solcher Taten verstellen. Man könnte sich auf die Position zurückziehen, die Gerichte hätten solchen Ungeheuerlichkeiten Rechnung zu tragen, aber die Tatsache, dass die Möglichkeit zum Kindesmord im Menschen überhaupt angelegt ist und Wirklichkeit werden kann, hat doch etwas Verstörendes.

Wie es zu dieser Tat kommt - das erzählt nun Kumpfmüller beklemmender als es je eine der vielen popularisierten Sozialisationstheorien erklären könnte. Aus der Vergangenheit der Täterin erfahren wir nichts, was darauf schließen ließe, dass sie zwangsläufig zur Kindsmörderin hätte werden müssen. Irgendwann sind ihr Würde, Achtung und Selbstachtung verloren gegangen, sonst würde sie es nicht mit einem Sexualmonster als Liebhaber aushalten, sonst hätte sie nicht, halb fahrlässig, halb gezielt, ihre Söhne umgebracht. Aber wann und wie das passiert ist - darauf gibt der Roman keine Antwort. Er arrangiert vielmehr eine Welt, die geprägt ist von sexuellem Begehren und Abhängigkeiten, von Kuscheltieren und billigen Parfums, die angesiedelt ist an der unwirtlichen Peripherie einer Großstadt, eine Welt also, die auch dem wissenschaftlichen Laien einige Erklärungen für das Verbrechen bietet.

Kumpfmüller aber verzichtet auf solche und lässt dieses sein Arrangement für sich als Albtraum wirken. Auch wenn es frivol klingt: Ein solchermaßen ästhetischer Blick auf das Verbrechen erschließt eine Wirklichkeit, die dem wissenschaftlichen Blick verborgen bleibt. Er illustriert Gefühlslagen, die sich in ihrer dramatischen Ambivalenz dem klaren Begriff entziehen und wohl nur in literarischen Bildern deutlich gemacht werden können.

Dabei ist der Autor so klug, sich als Erzähler mit diesen genuin literarischen Möglichkeiten zu begnügen. Sein Roman lässt sich als Anklage genauso wenig gebrauchen wie als Rechtfertigung. Und trotzdem kann man ihn als politische Intervention lesen: Denn er reklamiert nachdrücklich das Interesse für eine soziale Wirklichkeit, die über all den depressiven Selbstbespiegelungen einer wohlgenährten middle class in Vergessenheit zu geraten droht.

Tobias Heyl in FALTER 37/2003 vom 12.09.2003 (S. 62)


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