Am Beispiel meines Bruders

von Uwe Timm

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.08.2003

Rezension aus FALTER 37/2003

Uwe Timm begibt sich auf Familienrecherche und will wissen, warum sein Bruder freiwillig Mitglied der Totenkopf-SS wurde.

Lange Jahre hat Uwe Timm gezögert, über seinen älteren Bruder Karl-Heinz zu schreiben, den er doch kaum kannte. Drei Jahre war er alt, als der Bruder, neunzehnjährig, in einem Lazarett in der Ukraine starb, nachdem ihm zuvor beide Beine amputiert worden waren. Der Bruder hatte sich freiwillig zur Totenkopf-SS gemeldet. Das Tagebuch, das er auf dem Russlandfeldzug führte, gehört zu seinen spärlichen Hinterlassenschaften. Seine Stichworte lassen nur erahnen, was er dort tat: "Feb. 27. Gelände wird durchkämmt. Viel Beute! Dann geht es wieder weiter vor. Feb. 28. 1 Tag Ruhe, große Läusejagd, weiter nach Onelda. März 21. Donez. Brückenkopf über den Donez. 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG."

An dieser Stelle brach Uwe Timm die Lektüre früher immer wieder ab. Er schloss das Heft weg, als könne er damit die Dinge ungeschehen machen, so wie er als Kind der Mutter verbot, das Märchen von Blaubart zu Ende zu erzählen. Er wollte nichts davon hören, wie Blaubarts Frau in das verschlossene und verbotene Zimmer vordringt, in dem knöcheltief das Blut steht und die Leichen an den Wänden hängen. Doch dieses Märchen grundiert nun Uwe Timms Recherche. Seine Bereitschaft, nach dem Tod der Eltern und der älteren Schwester, unbelastet von Rücksichtnahmen, sich aufs Erinnern einzulassen, öffnet die Türen zu den verbotenen Kammern der Familiengeschichte.

Stets sind es sinnliche Details, die bei Timm die Erinnerungen auslösen und Geschichten in Gang setzen. Timm ist ein Erzähler aus Leidenschaft. Dieses Talent hat dem Autor von "Rennschwein Rudi Rüssel" oder der Novelle "Die Entdeckung der Currywurst" einiges Misstrauen eingebracht. Wer seine Leser zu fesseln und zu unterhalten versteht, wer spannend, witzig und pointensicher erzählen kann, wird verdächtigt, womöglich bloß ein Unterhaltungsschriftsteller zu sein. Doch Unterhaltung ist bei Timm noch nie im Gegensatz zu politisch ambitioniertem Schreiben gestanden. In seinem Debütroman "Heißer Sommer" von 1974 setzte er sich mit der Studentenbewegung auseinander und gilt seither als "68er". In seinem vor zwei Jahren erschienen Roman "Rot" kehrte er zu den Überresten der alten Ideale zurück und untersuchte, was von '68 geblieben ist.

In seinem jüngsten Buch gräbt Timm tiefer und stellt die eigene Biografie in Beziehung zu der des Bruders. Ist es nur das Alter, das sie beide trennte und so unterschiedliche Wege gehen ließ? Die deutsche Geschichte ist kein Abstraktum, zu dem sich der Nachgeborene irgendwie als Vergangenheitsbewältiger und Verantwortungsträger an Holocaustgedenktagen zu verhalten hätte. Vielmehr steht er mitten drin in der konkreten Geschichte, die seine eigene Familiengeschichte ist: "Sich ihnen schreibend anzunähern, ist der Versuch, das bloß Behaltene in Erinnerung aufzulösen, sich neu zu finden."

So schreibt Uwe Timm unter dem Titel "Am Beispiel meines Bruders" eigentlich vor allem über sich selbst und darüber, wie Erinnerung überhaupt erst entsteht. Denn über den Bruder gibt es nicht viel zu erfahren. Von ihm blieb außer Notizbuch und ein paar Briefen nur ein Kamm, eine Tube Zahnpasta, ein Päckchen Tabak und das Eiserne Kreuz. Sein Tagebuch bricht schließlich wenige Wochen vor seinem Tod mit dem Hinweis ab, es sei sinnlos, über so grausame Dinge Buch zu führen. Der Rest ist Spekulation, ist Teil der Familienlegende oder Trauminhalt. Auch Timms Träume, in denen der Bruder auftritt, werden zum Gegenstand der Untersuchung.

In den Mittelpunkt der Recherche aber rückt der Vater, der den Ersten Weltkrieg miterlebt, von soldatischem Denken geprägt bleibt und nach dem Zweiten Weltkrieg sein Glück als Kürschner versucht, weil er in den Trümmern Hamburgs eine Nähmaschine gefunden hat. Er, der gerne den großen Mann spielt und in der Zeit des Schwarzmarkts seine größten Erfolge feiert, scheitert als Kleinunternehmer und stirbt früh. Ihn zu verstehen und sich ihm anzunähern ist die eigentliche Anstrengung, der sich Timm unterzieht.

Damit wird die schlichte 68er-Haltung, die Vätergeneration für Krieg und Faschismus verantwortlich zu machen und Erklärungen zu verlangen, einer Revision unterzogen: Die Anklage wird nun durch das Bemühen um Verständnis ersetzt. Die Frage nach Schuld und Verantwortung muss deshalb nicht ausgeklammert werden. Aber die vorurteilslose Neugier ist Bedingung dafür, überhaupt erzählen zu können und nicht bloß zu dozieren. Am Ende wird Timms Familienrecherche zu einem Requiem. Eindrucksvoll beschreibt er das Sterben der Mutter und berichtet von den letzten Jahren der älteren Schwester, sodass man sein Buch auch als Vermächtnis lesen kann: Ein Familienalbum, in dem nicht nur die schönen Festtage festgehalten sind, sondern auch Blaubarts Zimmer geöffnet wird.

Jörg Magenau in FALTER 37/2003 vom 12.09.2003 (S. 61)


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