Der Vogel ist ein Rabe

von Benjamin Lebert

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 34/2003

Das lang erwartete zweite Buch von "Crazy"-Autor Benjamin Lebert ist da: eine sympathische Enttäuschung.

Hallo Leute. Ich heiße Benjamin Lebert, bin sechzehn Jahre alt, und ich bin ein Krüppel. Nur damit ihr es wisst. Ich dachte, es wäre von beiderseitigem Interesse." Mit diesen Worten stellte sich Benjamin Lebert seinen neuen Mitschülern in einem bayerischen Internat und später auch den Lesern seines autobiografischen Debütromans "Crazy" vor.

Das 1999 erschienene Buch, in dem er von seinem halben Jahr im Internat erzählt, war eine Sensation: Allein die deutsche Ausgabe erreichte bisher eine Auflage von einer Million; "Crazy" wurde in 33 Sprachen übersetzt, auch die hervorragende Verfilmung (Regie: Hans-Christian Schmid) war erfolgreich. Mit einem satten Vorschuss (angeblich zwei Millionen Mark) auf dem Konto übersiedelte der mit einer halbseitigen Lähmung und einer Lernschwäche gehandicapte Autor nach Berlin und machte sich an die undankbare Aufgabe, der von "Crazy" geschürten Erwartungshaltung mit dem Nachfolgewerk gerecht zu werden.

Vier Jahre später liegt nun das Ergebnis vor. Der neue Lebert trägt den poetischen Titel "Der Vogel ist ein Rabe" und ist für einen Roman eigentlich zu kurz ausgefallen: Die 100-Seiten-Marke wird nur dank großer Schrift und viel Zeilendurchschuss überschritten, die Lektüre dauert höchstens zwei Stunden, und konstruiert ist das schmale Buch recht simpel: Im Nachtzug von München nach Berlin teilt der Ich-Erzähler Paul sein Schlafwagenabteil mit Henry, der ihm von der seltsamen Dreiecksgeschichte erzählt, die er gerade hinter sich hat.

Im Mittelpunkt steht die magersüchtige Christine, in die sowohl der mit ihr weitschichtig verwandte Henry als auch der stark übergewichtige Jens, der sie in einer Klinik für Essgestörte kennen gelernt hat, verliebt sind. Das Verhältnis der drei geht über enge Freundschaft nicht hinaus, und als Christine mit einem der beiden eines Nachts dann doch einmal schläft (was übrigens schön beschrieben wird), rastet der andere aus.

Soweit die - denkbar unspektakuläre - Handlung. Wichtiger sind Lebert die Gedanken, die sich daraus ergeben. Das war schon in "Crazy" so, dessen leicht altkluge und etwas naive Lebensbetrachtungen den besonderen Charme des Buches ausmachten. Der Exoten-Bonus des frühbegabten Teenagers aber wirkt kein zweites Mal, weshalb einem manche Sentenz - die Liebe als "magisches Lebenselixier", die Zeit als "Dienerin, die nur sich selbst zu dienen scheint" und so weiter - im neuen Buch genauso banal vorkommt, wie sie ist.

Wirklich gut ist Lebert allerdings, wenn er über Frauen schreibt, und das tut er auch in diesem Buch ziemlich oft. Die drei jungen Männer - wie der Autor Anfang zwanzig - haben ein starkes Interesse für Mädchen gemeinsam, das jedoch weitgehend einseitig bleibt.

Wenn Henry ein Mädchen sieht, das ihm gefällt, wird er von dem "unfassbaren Bedürfnis" ergriffen, zu ihr hinzugehen und ihr zu sagen, dass er existiert - weil seine Welt besser wäre, wenn ein solches Mädchen wüsste, dass es ihn gibt. (Aber natürlich unternimmt er gar nichts.) Wenn Paul in der S-Bahn eine schlafende Frau bewundert, fährt er mit ihr bis zur Endstation, um sie schließlich zu wecken und zu fragen, was sie geträumt hat. (Und natürlich läuft sie dann panisch vor ihm davon.) Wenn Jens in den Zeitschriften und auf MTV all die perfekten Körper sieht, wird der sexuelle Drang bei ihm so stark, dass er das Gefühl hat, ihm müssten die Eier explodieren. "Und alle wollen brennen und ficken, ficken und brennen. Und ich auch, und ich auch." (Aber natürlich will mit dem dicken Jens niemand ficken.)

Insgesamt ist "Der Vogel ist ein Rabe", wie nicht anders zu erwarten war, eine Enttäuschung. Aber es ist auch ein so bescheidenes, melancholisches Buch, dass man es doch gern liest - nur die aufgesetzt-dramatische Pointe, mit der der Roman endet, vergisst man am besten gleich wieder. Benjamin Lebert ist aus Berlin inzwischen wieder nach Freiburg übersiedelt und hat endlich seinen Hauptschulabschluss gemacht. Dass er schreiben kann, hat er auch in seinem zweiten Buch bewiesen. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass er eigentlich lieber leben möchte.

Wolfgang Kralicek in FALTER 34/2003 vom 22.08.2003 (S. 48)


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