Ende gut

von Sibylle Berg

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.01.2004

Rezension aus FALTER 13/2004

In Sibylle Bergs neuem Roman watet die Heldin durch Angst, Anschläge und Seuchen, findet schlussendlich aber doch zu leisem Glück: "Ende gut."

Das Buch, alles in allem natürlich: die große Kotze. Der Zentralsatz des Romans, der eigentlich der Zentralsatz aller Werke von Sibylle Berg ist, kommt ziemlich bald, im zweiten Kapitel: "Die Menschheit ist immer schon Scheiße gewesen." Gute 300 Seiten geht's dann unmunter weiter in diesem Tonfall. Hoffnungsfrohes gibt's bei Sibylle Berg nur in Spurenelementen. Wenn man die als Leser zu sich nimmt, ist man erst perplex und dann völlig überwältigt. Aber nur ganz kurz, denn danach ist eh gleich alles wieder ganz, ganz furchtbar.

Inhalt: Eine Heldin jammert vor sich hin, in irgendeiner Wohnung, in irgendeiner Stadt in deutschen Landen. Alles in ihr und um sie herum: tot oder krank. Die Heldin, Alter: so um die vierzig, fühlt nichts bzw. gerade noch, dass sie nichts fühlt. Sie ist unglaublich einsam, seit Ewigkeiten schon. Dann und wann ist sie verzweifelt darüber, dass es so ist, meistens schafft sie noch nicht mal das. Sie hasst alles, insbesondere sich selbst. Zudem vergällen die nicht gerade unbeschwerten landes- und weltpolitischen Umstände unserer heiß hassenden Heldin die Existenz: Terroranschläge quasi an jeder Ecke (ja, islamische Extremisten), Schulen fliegen in die Luft, Tankstellen, alles.

Die Heldin flieht, nach Hamburg. Dort grassieren aber leider gerade Seuchen aller Art, die Leute husten und spucken Blut und sterben wie die Fliegen. Die Heldin wird in einem Isolierlager eingebunkert, bis ihr - auf der Suche nach Kaffee - mit fast beiläufiger Leichtigkeit die Flucht gelingt.

Berlin dann: wie ausgestorben. Und wieder entwischt die Heldin den Seuchenpatrouillen. Weiter nach Weimar, dort aber auch nur Chaos und tote Hose. Mit einem sympathischen Mann, der nicht reden kann, büxt die Heldin nach Finnland aus. Dort endlich: angenehme Menschen. Nett, ruhig, normal. Tagesprogramm: saufen, reden usw. Man will es kaum glauben: Die Heldin fühlt sich ein halbes Kapitel lang ziemlich wohl.

Ein letzter dramaturgischer Schlenker ins Düstere (ach, Frau Berg!) führt unsere Protagonistin dann noch auf eine Insel mit Friedensaktivisten, wo aber natürlich alles gleich wieder Kacke ist, weil öko und gleichberechigt und solche Sachen. Das kann's ja wohl nicht sein. Weg da und auf eine andere kleine finnische Insel, ins Haus eines freundlichen Zufallsbekannten. Und was soll man sagen: Da kommt es dann tatsächlich, das Glück. Der nette stumme Mann ist plötzlich wieder da, zudem Meer und Ruhe und innerer Frieden. Und ganz am Ende wird doch glatt auch noch ein Arm unter den Kopf der Heldin gelegt, und zwar der vom stummen Mann, und sie mag das. Bingo.

Die Tausenden gebärmutterkrebskranken Swingerclubbesucherfrauen, die in ihren Romanen wohnen, die leberzirrhotischen, fettsüchtigen, hüftleidenden Fistfucker-Fastfood-Junkies, die alten netten Frauen, die hinfallen, die alten bösen Frauen, die leider nicht hinfallen, die befehlsgeilen Soldaten, die arbeitslosen dumpffetten Frauen-schlag-Männer, die hässlichen Fußgängerzonen, die arroganten Politiker, die deutschen Deutschen, das Weltuntergangsgetue: Da muss man halt durch.

Außerdem: In den absatzkurzen Gefechtspausen von Frau Bergs Kampf gegen jeden und alles lässt sie dann auf einmal derart persönliche, zarte, intime Bekenntisse über die Verzweiflung, die Hoffnung und über - ja - die Liebe raus, das man hin und weg ist.

Und schreibt einer besser als Sibylle Berg? Da muss man schon lange nachdenken. Sie hat schon ein feines Gespür für Tempi, Bögen, Brüche, die behände Lenkung des mal flutenden, mal tröpfelnden Sprachflusses. Die O-Töne, die sie immer wieder dazwischenschmeißt, die "Infohaufen", die sie bei Bedarf hinklatscht. Die Sprache ruppig, fransig, trashig, Normalo-Sprech - und doch sehr genau. Und wie sie das Geschehen oft bruchlos ins Bizarre kippen lässt, ins Sur- oder Irreale, und dann aber eh gleich wieder zurück: ach.

Ja, Sibylle Berg. Die sexy Jammertrine. Die heilige Johanna der Depressiven und Einsamen. Die zähzarte Guerillera im Permanent-Kampf gegen das Falsche, Hässliche oder was auch immer ihr da gerade vor die Flinte kommt. Was soll man anderes sagen, außer: Sie kann es. Sie tut Not.

Wolfgang Kralicek in FALTER 13/2004 vom 26.03.2004 (S. 27)


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