Arthur & George
Roman

von Julian Barnes

€ 23,60
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Übersetzung: Gertraude Krueger
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Historische Romane, Erzählungen
Umfang: 528 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.02.2007

Rezension aus FALTER 12/2007

Was ein Mann tun soll

In Julian Barnes' "Arthur & George" spielt der Erfinder Sherlock Holmes' selbst Detektiv.

Schlägt man "Arthur & George" auf, denkt man vielleicht: "aha!" In schneller Folge wechseln mit "Arthur" und "George" überschriebene Kapitel, und Barnes-Leser werden mutmaßen, der Autor hätte sein bereits in Romanen wie "Darüber reden" und "Liebe usw." angewandtes Konzept des mehrstimmigen Erzählens wieder aufgegriffen. Man wird bei fortschreitender Lektüre freilich sehr bald merken, dass die Sache hier anders liegt: Erzählt wird in der dritten Person und im Stile eines auktorialen Erzählers, der auch durchaus interpretierend eingreift – und sei es durch sanften Sarkasmus, wenn zum Beispiel davon die Rede ist, dass dem Schulunterricht "durch emphatische Prügel" Nachdruck verliehen wird.
Wie in einem doppelten Entwicklungsroman werden auf diese Weise zwei Biografien von ihrem Beginn her entrollt: Hier der von Schottland nach England in die jesuitische Obhut verschickte Arthur mit seiner resoluten, den Sohn zur Ritterlichkeit erziehenden Mutter und dem im Irrenhaus endenden trunksüchtigen Vater; dort George, Sohn eines indischen, zum Christentum konvertierten Parsen und einer Schottin, dessen Familie den ganz offensichtlich rassistisch motivierten "Späßen" eines anonymen Tunichtguts ausgesetzt ist.
Auf Seite 111 dann – Arthur hat seine schwer lungenkranke erste Frau mittlerweile in die Schweiz begleitet und dort als erster Engländer mit Skiern einen Alpenpass überquert; George arbeitet als Anwalt in einer Kanzlei in Birmingham und hat ein Brevier über die Rechte von Eisenbahnfahrgästen verfasst – ist ein Kapitel erstmals mit "George & Arthur" überschrieben, ohne dass sich die beiden darin tatsächlich begegnen würden: Wir ahnen allerdings, dass der Mann, der sich da nächtens still und heimlich an ein Pferd heranmacht, nichts Gutes im Schilde führt, und dass dieses Ereignis die beiden Titelhelden wohl endgültig zusammenführen wird.
Bis dahin dauert es aber ziemlich genau noch weitere 200 Seiten, auf denen George der Tierverstümmelung bezichtigt, verhaftet, schuldig gesprochen und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wird; auf denen der zum Starautor avancierte Arthur in den Burenkrieg zieht, seine Frau pflegt und eine sexuell (vorerst) nicht vollzogene Liebschaft zu Jean unterhält, verwitwet und von Trauer und Schuld bedrückt wird. Keine Frage: Arthur Conan Doyle, Erfinder des Sherlock Holmes, leidet unter einer veritablen Identitätskrise. Und diese ist wohl mit dafür verantwortlich, dass er – immer wieder mit seiner berühmten Figur verwechselt und um detektivischen Beistand gebeten – nun erstmals einen Fall annehmen wird – eben den von George Edjali: "Wenn ein Mann nicht weiß, was er tun will, dann muss er herausfinden, was er tun sollte. Wenn das Verlangen zu kompliziert geworden ist, dann hält man sich an die Pflicht."

Julian Barnes hat sich dieses realen Justizfalls angenommen (siehe dazu das Interview mit dem Autor in Falter 10/07). Herausgekommen ist weder ein Krimi noch ein Gerichtssaaldrama – dazu ist "Arthur & George" viel zu langsam, umschweifig und mitunter fast betulich erzählt –, sondern etwas, was bei eitleren Autoren großspurig als Epochenporträt und geistesgeschichtliches Panorama daherkäme. Dazu ist Barnes freilich zu diskret. So wie die Protagonisten einander sehr spät treffen, so scheinen auch die Themen, Handlungsstränge und Motive des Romans erst nach und nach zueinanderzufinden. Und Arthur Conan Doyle, diese Verkörperung von Englishness, erweist sich als seltsam zerrissener Charakter. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – hier nimmt sie buchstäblich Gestalt an. Am Ende wohnt George einer bombastisch inszenierten Séance bei, und erneut gerät das Bemühen um Gewissheit, das fast alle Figuren des Romans umtreibt, in die Bredouille: "Er weiß nicht, ob er Wahrheit oder Lüge gesehen hat oder eine Mischung von beidem. Er weiß nicht, ob die offenkundige, überraschende, unenglische Inbrunst der Menschen um ihn herum an diesem Abend ein Beweis für Scharlatanerie oder für Gläubigkeit ist. Und wenn sie Gläubigkeit beweist, ob es ein wahrer oder ein falscher Glaube ist."
Wo im Film "The End" über die Leinwand flimmert, steht bei Barnes die Mehrzahl: "Enden" nennt sich das letzte Kapitel. Manche davon bleiben offen.

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2007 vom 23.03.2007 (S. 14)


Rezension aus FALTER 10/2007

"Wir sind Masochisten"

In seinem jüngsten Roman "Arthur & George" hat sich Julian Barnes eines realen Falles aus dem Leben von Sherlock-Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle angenommen. Mit dem "Falter" sprach er über seine Recherchen, über die Beine von David Beckham und das traurige Vermächtnis von Tony Blair. KLAUS NÜCHTERN

Julian Barnes, Jahrgang 1946, ist vielleicht der beste britische Schriftsteller der Gegenwart. Im Unterschied zu Martin Amis macht er indes weniger als Medienfigur, sondern vor allem durch seine Bücher von sich reden. Berühmt wurde er mit seinem Roman "Flauberts Papagei" (1984, deutsch 1987), der auf ebenso witzige wie virtuose und kluge Weise ein Zentralthema von Barnes' Schaffen verarbeitet: den Zusammenhang von Leben und Schreiben. Weitere Werke von Barnes, der in den Achtzigerjahren unter dem Pseudonym Dan Kavanagh auch mehrere Kriminalromane verfasste ("Duffy" et al.), sind "Die Geschichte der Welt in 101/2 Kapiteln", die zusammengehörigen Romane "Darüber reden" und "Liebe usw." oder zuletzt der Erzählband "Der Zitronentisch".
In seinem jüngsten, im englischen Original vor zwei Jahren erschienenen Roman "Arthur & George", der es wie schon "Flauberts Papagei" auf die Shortlist des Booker Prize schaffte, hat Barnes einen realen Kriminal- und Justizfall zu Beginn des 20. Jahrhunderts verarbeitet: In einem ganz offenbar von rassistischen Vorurteilen bestimmten Verfahren wurde George Edalji, ein junger Anwalt und Halbinder, der grausamen Verstümmelung von Pferden für schuldig befunden. Um Hilfe gebeten, rollt Arthur Conan Doyle, Verfasser der Sherlock-Holmes-Romane und als solcher gerne mit seinem Helden verwechselt, den Fall noch einmal auf und will die Unschuld Edaljis beweisen. Der Falter besuchte Barnes, der demnächst in Wien aus seinem jüngsten Roman lesen wird, in dessen Haus in Nord-London.

Falter: "Arthur & George" ist ein, für Ihre Verhältnisse, ziemlich dicker Roman. Wie lange haben Sie an
ihm gearbeitet?
Julian Barnes: Das Schreiben selber hat mich vielleicht ein Jahr gekostet – für mich sehr flott. Davor gab's ein paar Monate für Recherchen, und noch davor habe ich eine gewisse Zeit gebraucht, um überhaupt rauszufinden, welche Art Buch das eigentlich werden sollte – vielleicht sogar ein Sachbuch, weil ich das Gefühl hatte, mich von der Belletristik ein bisschen erholen zu müssen. Aber nachdem George praktisch eine völlig unbekannte Figur ist, hat es eines Aufwandes an Erfindung bedurft, der nur bei einem Roman sinnvoll ist.
Welche Grundsatzentscheidungen haben Sie noch getroffen?
Man muss sich entscheiden, welche Fakten man für einen Roman braucht. Es sind ohnedies immer die gleichen Probleme: Wie wichtig ist diese und jene Figur? Muss ich Georges Geschwister erwähnen? Wie viele Polizisten brauche ich? Solche Sachen. Aber das meiste davon empfindet man nicht als "Entscheidung", man trifft sie bloß.
Ist der Fall George Edalji bekannt?
Nur bei Leuten, die Biografien von Arthur Conan Doyle lesen – in denen gibt es immer zwei Seiten über den Fall Edalji. Selbst Juristen, mit denen ich darüber sprach, hatten keine Ahnung davon.
War es schwierig, an das Material zu kommen? Haben Sie sich dabei selbst wie ein Detektiv gefühlt?
Nein, ich habe mich wie ein Schriftsteller gefühlt, der für ein Buch recherchiert: Ich bin halt in Bibliotheken und Zeitungsarchive oder ins Hauptquartier der Staffordshire Police gegangen. Etwas Seltsames ist allerdings passiert: Als ich das Buch etwa zur Hälfte geschrieben hatte, gab es eine große Auktion mit Schriften von Arthur Conan Doyle. Und ein Teil des Konvoluts enthielt seine Aufzeichnungen zum Edalji-Fall. Ich dachte nur: Oh no! Ich muss das kaufen und kann nur hoffen, dass ich meinen Roman jetzt nicht neu schreiben muss. Also ging ich zu einer Vorschau auf die Auktion und gab vor, ein Käufer zu sein, obwohl ich diese Idee aufgab, sobald ich den Rufpreis gesehen hatte: Ich glaube, es waren 60.000 Euro! Für eine kleine Schachtel. Kein Wunder, dass das niemand ersteigert hat.
Wenn sich Ihr Buch richtig gut verkauft, können Sie ja noch zuschlagen.
Ich glaube, ich will jetzt gar nicht mehr. Ich durfte reinschauen und habe auch ein, zwei Dinge gelernt, die ich nicht wusste, es hat aber nichts substanziell geändert.
Muss recht zufriedenstellend sein, wenn man merkt, dass man eigentlich alles durchschaut hat?
"Durchschaut" ist vielleicht zu viel – aber ich wurde als Romancier zumindest mit keinen grauenhaften Überraschungen konfrontiert. Hätte ich an einem Sachbuch gearbeitet, hätte ich doch sehr viel daraus zitieren wollen.
Gab es im Zuge Ihrer Recherchen irgendwelche Lieblingsentdeckungen?
Hätte ich ein Sachbuch geschrieben, hätte ich wohl gedacht: Ha! Das hat vorher noch niemand entdeckt. Bei einem Roman denkt man anders: Das kann ich wirklich brauchen. Aber einen großen Moment gab es schon. Ich wollte wissen, wie Captain Anson ausgesehen hat. Die erste Szene, die ich geschrieben hatte, war die zwischen Doyle und Anson (in der deutschen Ausgabe des Romans auf Seite 383ff., Anm. d. Red.).
Wieso ausgerechnet die?
Weil ich die Hauptargumente der Auseinandersetzung im Kopf haben wollte – sowohl die von Arthur Conan Doyle als auch die des Advocatus Diaboli. Ich schrieb einen ersten Entwurf und wusste: Solange ich nicht weiß, wie Anson ausgesehen hat, kann ich nicht weitermachen. Also habe ich den Archivleiter der Staffordshire Police kontaktiert, der sehr nett und hilfsbereit war und mir eine ganze Reihe von Fotos zeigte. Ich meinte: "Sie haben davon möglicherweise noch nie gehört, aber es gibt da diesen Fall Edalji." Worauf er antwortete: "Oh, der! Mit dem habe ich mich zwanzig Jahre lang befasst." Er hat ihn einfach fasziniert. Also saßen wir beim Lunch in der Polizeikantine und haben drei Stunden darüber gesprochen – die beiden Männer, die über diesen einen Fall am besten Bescheid wissen.
Wie also hat Anson ausgesehen? Und welche Konsequenzen hatte es für Ihren Roman?
Das Problem war: Ich hatte schon entschieden, dass er in diesem Stück den Bösen abgeben würde. Und wenn man diese Entscheidung einmal gefällt hat und dann sein Foto betrachtet, sieht er genau so aus, wie man sich ihn vorgestellt hat!
Ich mochte diese Szene sehr, weil Anson zwar ein unsympathischer und unguter Typ, aber nicht blöd ist.
Nein, ist er nicht. Die Bösen darf man nie blöd aussehen lassen – naja, einen davon dürfen Sie schon zum Trottel machen. Ich habe mich für den Sergeant entschieden. Aber der Inspektor und der Polizeichef sind clever.
In England ist Arthur Conan Doyle eine bekannte Figur, bei uns weiß man grade, dass er Sherlock Holmes erfunden hat. Welchen Status hat er denn?
Es ist seltsam: Ich glaube, dass die Menschen eher an die Existenz von Sherlock Holmes glauben als an die von Arthur Conan Doyle. Erst unlängst hat die Victorian Society versucht, Conan Doyles Haus in Surrey auf die Liste der denkmalgeschützten Häuser zu kriegen. Und die Kulturstaatssekretärin Tessa Jowell hat das mit der Begründung abgelehnt, es sei kein besonders wichtiges Gebäude und Conan Doyle kein besonders guter Autor. Sie schrieb einen furchtbaren Brief an den Guardian – es ist immer schlimm, wenn sich Politiker in Humor versuchen; darin meinte sie: "Würde man mir vorschlagen 221 B Baker Street (Sherlock Holmes' Wohnung, Anm. d. Red.) auf die Liste zu setzen, würde ich das mit Vergnügen tun." Hohoho!
Es ist nicht denkmalgeschützt?
Es existiert nicht! Das war ja ihr "Witz". Tatsache ist, dass sich die Leute an Sherlock Holmes erinnern, aber nicht an Arthur Conan Doyle. Was vermutlich das Beste ist, was einem Schriftsteller passieren kann.
Haben Sie denn die Holmes-Romane jetzt alle nochmal gelesen?
Nein, ich habe nur den "Hund der Baskervilles" ziemlich flott durchgelesen. Diese Art von Buch, bei dem die Spezialisten dann ständig irgendwelche Bezüge erkennen, wollte ich nicht schreiben.
Der Arthur-Conan-Doyle-Roman im Stil von Sherlock Holmes hat Sie nicht gereizt?
Nein. Als Arthur Conan Doyle die Untersuchungen aufnimmt, dachte ich mir: Mein Gott, das sieht wieder ganz schön postmodern aus. Aber was soll ich machen? Er hat eben genau das getan. Ich wollte jedenfalls nicht wieder ein Buch wie "Flauberts Papagei" schreiben, das mit Wissen über Leben und Werk des Autors vollgeräumt ist, und außerdem wollte ich nicht alle Romane nochmal lesen müssen. Sie hätten mir den Kopf mit den falschen Dingen vollgeräumt.
Wo lagen beim Schreiben die größten Schwierigkeiten?
Hm. Eigentlich gab es keine. Aber am haarigsten wird es immer dort, wo Sie von Fakten auf Erfindung umschalten und genau das vor dem Leser verbergen müssen. Als ich das Buch meinem Verleger schickte, rief er mich an und meinte am Telefon: "Du hast alles erfunden, nicht?" Worauf ich meinte: "Was ist mit der ,Anmerkung des Autors' am Schluss?" Worauf er antwortete: "Ich dachte, das ist auch alles erfunden." Ich finde, das ist ein großes Kompliment.
"Arthur & George" ist auch das Porträt einer Epoche, oder?
Wenn jemand findet, der Roman vermittle ein gutes Bild des edwardianischen England, bin ich natürlich sehr froh, aber das war nicht meine Absicht. Die Epoche sollte hauptsächlich durch den Gebrauch der Sprache definiert werden.
Der Roman geht mitunter recht genau ins Detail.
Ja, die müssen schon stimmen, aber sie müssen auch etwas für den Roman leisten. Es ist immer die Frage, wie viel Details man braucht, um den Leser davon zu überzeugen, dass er sich wirklich in diesem Zeitalter befindet.
Arthur Conan Doyle war die Verkörperung des englischen Mannes. Eine Pointe Ihres Romans besteht darin, dass er eigentlich ein Muttersöhnchen ist.
Hm, ja, ist er. Und er verkörpert zwar Englishness, war aber halb schottisch und halb irisch. Er war einerseits dem Ideal der Ritterlichkeit verpflichtet, andererseits seiner Zeit ziemlich weit voraus. Ein sehr widersprüchlicher Charakter. Ob die englischen Männer damals typischerweise Muttersöhnchen waren, weiß ich nicht.
Seine Mutter kann jedenfalls zufrieden sein. Offenbar hat sie ziemlich viel richtig gemacht.
Ja, denke ich auch.
Ich mochte auch diesen einen Satz von ihr sehr gern ...
... "Trage Flanell auf der Haut und glaube nicht an die ewige Strafe." Das hat sie tatsächlich gesagt. Ich weiß die Quelle nicht mehr, aber es ist korrekt zitiert. Vielleicht stammt er aus Arthur Conan Doyles Autobiografie.
Wie ist die eigentlich?
Sehr gut. Sehr interessant. Seine Version des Falles Edalji ist freilich nicht ganz verlässlich. Es muss sehr seltsam für George gewesen sein, das zu lesen.
Wie wichtig war die Autobiografie für Ihren Roman?
Wenn man Fakten überprüfen will, hält man sich besser an die Biografien. Aber ich habe immer wieder darauf zurückgegriffen, wenn es um den Tonfall seiner Prosa und darum ging, hin und wieder eine Formulierung zu stibitzen. Zum Beispiel bin ich dort auf den Satz gestoßen: "Ich bin ein inoffizieller Engländer."
Sehr seltsam! Viel offizieller als Arthur Conan Doyle kann man eigentlich nicht werden, oder?
Genau das dachte ich eben auch. Aber Schriftsteller wollen sich selbst offenbar immer davon überzeugen, dass sie nicht ganz so "offiziell" sind. Er wollte gern ein bisschen als Außenseiter gelten, während er für uns ein kompletter Insider ist.
Wie "offiziell" war er denn tatsächlich?
Er hat Publicity-Touren durch Amerika unternommen, gehörte Clubs an, war ein Freund des Königs und sicher eine öffentliche Figur. Ich habe zu meiner Verwunderung aber nie rausgefunden, wer seine Freunde waren. Es gab Berühmtheiten, Schriftsteller und Cricketpartner, mit denen er Umgang hatte, aber ich glaube, er hatte keine männlichen Vertrauten. Obwohl er so ein viriler Mann war, lebte er unter Frauen.
Hat er sich wohl dabei gefühlt?
Keine Ahnung. Ich glaube, er war so erzogen, dass er nicht einmal wusste, was das bedeutet.
Das ist möglicherweise die Pointe, ja. Eine andere besteht darin, dass er den Golfschläger der Kokainspritze vorzog, die er seinem Helden überlassen hat – was ihm offenbar dann ein bisschen peinlich war.
Ja, mit der Zeit hat er das ein bisschen weniger oft erwähnt. Es war allerdings nicht illegal. Wenn man genug Geld hatte, konnte man sich im 19. Jahrhundert auch Laudanum kaufen, ein Opiat, das von vielen als Schlafmittel benutzt wurde. Das Kokain hat Arthur Conan Doyle verwendet, weil es unüblich war und weil es den Ruf hatte, den Verstand zu schärfen – wohingegen wir heute wissen, dass es die Leute nur für ziemlich lange Zeit Unsinn schwätzen lässt.
Hatte Arthur Conan Doyle ein Drogenproblem?
Dafür habe ich keine Anhaltspunkte gefunden.
Er stand jedenfalls eher auf Seite des Sports als des Genusses.
Ja, in dieser Hinsicht war er tatsächlich sehr englisch: ein Sportler, kein Hedonist. Ich hätte nichts gefunden, was auf ein Interesse am Essen oder Trinken hinweisen würde. Sein sinnliches Vergnügen lag im Cricket.
Ja, das ist das Verstörende an den Engländern – dass sie "sinnliches Vergnügen" mit "Cricket" assoziieren können. Das hat sich wohl bis heute nicht geändert, oder?
Nicht wirklich. Es ist auch mit Leiden verbunden – da haben wir Engländer definitiv einen masochistischen Zug. Deswegen begeistern wir uns auch für Sportarten, in denen wir längst nicht mehr gut sind.
Aber Sie sind selbst ein Sportfan?
Oh, ja.
Und Sie können vermutlich auch einem Cricketspiel folgen?
Selbstverständlich!
Weiß man eigentlich, wenn ein Match zu Ende ist?
Oh, es wäre sinnlos, Ihnen das erklären zu wollen. Irgendwer hat mal gesagt, dass die total unspirituellen Engländer Cricket erfinden mussten, um ein Gefühl für die Ewigkeit zu bekommen.
Wie lange dauert denn ein Spiel?
Die natürliche Zeitspanne ist in etwa drei bis fünf Tage. Heutzutage gibt es auch 1-Tages-Spiele, aber Leute wie ich können das nicht mehr ernst nehmen. Ich bin früher auch zu Matches gegangen, heute tu ich das nur mehr im Fußball.
Welche Mannschaft?
Mein Team ist das meiner Geburtsstadt, Leicester, aber die sind völlig hoffnungslos und spielen nicht mal in der ersten Liga. Ich mag die Art, wie Arsenal spielt, Manchester United oder Liverpool. Das verfolge ich schon.
Die Weltmeisterschaft auch?
Selbstverständlich – recht ausgiebig.
Was waren die Höhepunkte für Sie?
Der Zidane-Moment war schon wunderbar. Und ich fand es ziemlich gut, wie der beste englische Spieler ausgeschlossen wurde, weil er versucht hatte, einen Gegenspieler zu kastrieren, und zehn Engländer dann besser spielten als elf – interessant. Im Großen und Ganzen war es aber eine recht unbefriedigende Weltmeisterschaft mit guten Überraschungen. Wer hätte schon damit gerechnet, dass die letzten vier Teams alle aus Europa kommen würden?! Nur mit den Spaniern und Portugiesen ist es immer dasselbe: Die werden nie gewinnen.
Die sind zu zartbesaitet und zu larmoyant. Auf der anderen Seite hat David Beckham nicht wirklich viel zur Effeminisierung der "British lad culture" beigetragen, oder?
Das ist eine sehr große Frage, und ich bin nicht sicher, ob ich über die Kapazitäten verfüge, sie zu beantworten. Es ist ihm jedenfalls nicht gelungen, das Spiel der englischen Fußballmannschaft zu verändern, und die British lad culture ist deprimierend stabil. Beckham ist sicher eher eine internationale Zelebrität als ein Vorbild – und finanziell ziemlich clever.
Das ist doch kein seriöses Argument!
Die Menschen werden immer aus den falschen Gründen verehrt. Ich bewundere ihn nicht dafür, aber man braucht auf Beckham auch nicht herabzublicken. Er ist kein übler Typ. Er hat nur das Problem der meisten hochbegabten englischen Fußballer: They always fuck up in some way. Entweder verdirbt sie der Ruhm oder sie entwickeln ihr Potenzial nicht voll. Beckhams linker Fuß war genauso gut wie sein rechter – aber auf einmal hat er ihn nicht mehr verwendet. Er hat sich zu einem Spieler entwickelt, der gut flanken und mit ruhenden Bällen ziemlich viel anfangen kann. Aber er hätte um so vieles größer sein können!
Wer ist denn Ihr Lieblingsfußballer aller Zeiten?
Oh, mein Gott.
Gut, beginnen wir in der Gegenwart und gehen dann zurück.
Ronaldinho ist ein Genie und tut Dinge mit dem Ball, die man noch nie gesehen hat. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass Barcelona am Dienstag (nach Redaktionsschluss, Anm. d. Red.) gegen Liverpool den 1:2-Rückstand mit einem 2:0 wettmachen wird, weil Ronaldinho wieder einen seiner Tage hat. Aber natürlich ist auch Zidane ein großartiger Spieler. Und Johan Cruyff!! Ich habe ihn einmal in einem Freundschaftsspiel gegen England gesehen. Wun-der-voll! Er hätte den Ball abspielen oder den Verteidiger überheben können, aber nein, er hat ihn mit dem Außenrist um sie rumgekurvt. Pure Show, aber absolut brillant. Das holländische Team war wunderbar, und es ist eine Schande, dass sie 1974 von den Deutschen geschlagen wurden. Ich habe gelitten!
Beckham hin oder her, die Männer hier sind sportlicher.
In Österreich?
Nein, in England! Man braucht nur mit der U-Bahn zu fahren, um das zu bemerken. Vielleicht liegt es auch daran, dass körperliche Arbeit in England noch eine größere Rolle spielt.
Aber Sie haben doch auch eine Arbeiterklasse?
Da bin ich mir nicht sicher. Jedenfalls ist sie für die Sozialdemokratie nicht mehr von Interesse.
Mit der Labour Party ist es ähnlich gelaufen. Tony Blair hat sich um die Wechselwähler gekümmert und die Stimmen aus der Arbeiterklasse als selbstverständlich betrachtet. Und die Gewerkschaft, die immer die traditionelle Basis gebildet hat, wurde vollkommen marginalisiert.
Hat nicht schon Thatcher diesen Job erledigt?
Sie hat verschiedene Gesetze durchgebracht, die die Gewerkschaft als Organisation geschwächt haben, wohingegen Blair deren politische Macht zerstört hat. Blair hat der Gewerkschaft den Rest gegeben. Und Gordon Brown (Blairs Nachfolger als Parteichef, Anm. d. Red.) hat soeben dafür gesorgt, dass die Lohnsteigerungen der öffentlich Bediensteten denkbar gering ausfallen – gerade so, als wollte er beweisen, dass er die traditionelle Labour-Wählerschaft noch härter behandelt, als das David Cameron (Parteichef der englischen Konservativen, Anm. d. Red.) je tun könnte. Bizarr!
Wohin geht Labour?
In gewisser Weise ist das egal: In den letzten sieben, acht Jahren hätten die Konservativen so ziemlich dieselbe Politik gemacht. Beide Parteien teilen den absoluten Glauben an die Marktwirtschaft, beide sind für den Irakkrieg ...
Ist das nicht traurig?
Es ist total traurig.
Jeder hat Blair geliebt, als er Premierminister wurde.
Nicht jeder.
Sie nicht?
Nein. Ich habe ihn immer für Thatchers logischen Nachfolger gehalten. Radikal war er nur darin, kein typischer Labour-Politiker zu sein.
Geliebt ist vielleicht zu viel gesagt, aber die Leute hätten ihm nicht gerade die Tür vor der Nase zugeworfen.
Richtig. Ich glaube, man muss zwei Dinge beachten: Zum einen sind Politiker wie Dosennahrung – sie haben ihr Ablaufdatum. Und zum anderen hat der Irakkrieg, der nie populär war, Blairs Beliebtheit und seine moralische Autorität unterminiert. Wenn man in einer Umfrage ermitteln wollte, ob Blair noch zwei, drei Jahre im Amt bleiben soll, würde niemand mit Ja antworten. Es ist schon so, wie es in Lampedusas "Leopard" heißt: Alles muss sich ändern, damit alles beim Alten bleibt.
Keine Hoffnung für sentimentale alte Linke?
Ich bin ein liberal gewendeter Linker. Ich hatte immer das Gefühl, der liberalen Rechten von Labour anzugehören; nun scheint es mir, dass ich dem liberalen linksextremen Flügel von Labour angehöre – und zwar ohne dass ich mich einen Millimeter bewegt hätte. Ein Linker bin ich insofern, als ich nicht glaube, dass die Gesellschaft gerechter und anständiger wird, wenn man alles dem Markt überlässt. Dazu braucht man aber nicht sentimental, sondern nur aufmerksam zu sein. Ich habe Blair einmal als frischgebackenen Parteiführer interviewt, kurz nachdem die Tories gerade die Wassergesellschaften privatisiert hatten. Meine Frage, ob er in diesem Falle für eine Wiederverstaatlichung sei, verneinte er. Also fragte ich, ob es irgendetwas im Staatsbesitz gebe, das wir nicht verkaufen sollten; worauf er antwortete: "die Gefängnisse". Genau das aber wird nun diskutiert. Sie haben sogar die Bewährungshilfe privatisiert. Wie geht das? Wozu? Wie macht man mit Bewährungshilfe Geld? Es ist grotesk! Das nächste Mal werde ich wohl wieder die Liberal Democrats wählen. Sie sind hoffnungslos, aber wenigstens gegen den Irakkrieg.

Klaus Nüchtern in FALTER 10/2007 vom 09.03.2007 (S. 22)


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