Falling Man
Roman

von Don DeLillo

€ 20,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Frank Heibert
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 29.10.2007

Rezension aus FALTER 44/2007

Falling Towers

Die Eulen der Minerva beginnen ihren Flug bekanntlich in der Dämmerung, und auch die Literatur unterwirft sich nicht journalistischen Aktualitätsforderungen, sodass die 9/11-Romane erst im Lauf der Jahre auf den Markt kamen. Am schnellsten war denn auch der schlechteste: Frédéric Beigbeder, ein ehemaliger Werbefuzzi, der dank der Skandalisierung seines Debüts "39,90" und dem Segen von Michel Houellebecq als Schriftsteller durchging, setzte einen Vater und dessen Söhne bereits 2003 ins WTC-Luxusrestaurant Windows of the World, um genau jenen Mix an Effekthascherei, Sinnsuche und narzisstischer Selbstreflexion zu liefern, den man von ihm erwarten durfte. Wesentlich interessanter war der ein Jahr später im englischen Original erschienene "Atlas für verschollene Liebende" des aus Pakistan stammenden Briten Nadeem Aslam, der den "Kampf der Kulturen" nicht zwischen westlicher Wertegemeinschaft und der Parallelgesellschaft islamistischer Emigranten ansiedelt, sondern eine quer durch die pakistanische Community und deren einzelne Familien verlaufende Bruchlinie nachzeichnet.
2006 war dann mit John Updike der erste amerikanische Großschriftsteller dran: In "Terrorist" beschreibt er, wie der 18-jährige Ahmed Mulloy, Sohn einer Amerikanerin und eines ägyptischen Austauschstudenten, unter dem Einfluss eines klischeehaft gezeichneten Scheichs zu Ahmed Ashawy und zum potenziellen Selbstmordattentäter wird. Konkurrenz erwächst Updike nun in seinem Landsmann Don DeLillo, der sich in "Falling Man" noch unmittelbarer mit dem 11. September befasst: Während Updike seinen Ahmed in einen mit dreieinhalb Tonnen hochexplosiver Ladung bepackten Lastwagen auf dem Weg zum Lincoln-Tunnel setzt, macht sein um vier Jahre jüngerer Kollege einen Überlebenden des Attentats zum Protagonisten: Keith Neudecker, der im WTC arbeitet, trägt vergleichsweise geringe Verletzungen davon, während ein Arbeitskollege praktisch in seinen Armen stirbt.
Der Roman beschreibt eine Kreisbewegung: Während Keith zu Beginn durch Schutt und Staub zur Wohnung seiner Exfrau Lianne wankt, wird der Anschlag selbst erst am Ende des Romans geschildert. Dazwischen werden Keith und Lianne kurzfristig eine Schwundform von Eheleben führen, aber dennoch nicht mehr zusammenfinden; sie werden das traumatisierte Verhalten ihres gemeinsamen Sohns beobachten, der mit Schulfreunden den Himmel nach Flugzeugen absucht, die das World Trade Center "endgültig" zum Einsturz bringen; sie werden ihrer Wege gehen und sich eine neue Form von Normalität zurechtzimmern: Keith an den Pokertischen der Hotelbars und Spielklubs; Lianne in den "Erzählmal"-Sitzungen mit Alzheimer-Patienten, die auch so etwas wie präventive Selbsttherapie sind: Ihr Vater hat sich in einem frühen Stadium dieser identitätsvernichtenden Krankheit erschossen.
Obwohl das zentrale Ereignis von 9/11 nicht ausgespart bleibt, nähert sich der Roman dem Themenkomplex auf eigenartig umschweifige Weise. Die drei Hauptabschnitte sind nach Männern benannt, die zugleich im Zentrum und an der Peripherie stehen: Der Name Bill Lawton ist eine Fehlleistung der Schulkinder, durch welche die gespens-
tergleiche Präsenz des orthografisch verballhornten Bin Laden aber noch umso bedrohlicher wird; Ernst Hechinger ist der ursprüngliche Name von Martin Ridmour, dem Geliebten von Liannes Mutter, der sich möglicherweise seinerzeit im Um- oder Sympathisantenkreis deutscher Terroristen bewegte; und David Janiak ist jener titelgebende "Falling Man", der an diversen Plätzen der Stadt auftaucht, ein Performancekünstler, der – kopfüber an einem Seil hängend – an die zu Tode stürzenden Opfer des Anschlags erinnert.
All das klingt ziemlich seltsam, und genau das ist es auch. Themenfelder werden eher assoziativ abgegrast oder pflichtschuldig abgehakt, als hätte der Autor zeinerseits nichts auslassen, sich andererseits aber zu keiner neuen Deutung von 9/11 aufraffen können. So betrachtet, lässt sich die Figur des David Janiak als Verkörperung des Künstlers schlechthin lesen, der das traumatische Ereignis nur hilflos nachstellen kann, ohne daran etwas ändern zu können. Dass Kunst keine Toten erweckt, war freilich auch schon vor "Falling Man" bekannt. Und auch jene Passagen, in denen der Attentäterperspektive Rechnung getragen wird, sind wenig mehr als literarisierter Journalismus – so haben wir uns unsere Dschihadisten immer schon vorgestellt: "Sie verspürten die magnetische Anziehungskraft der Verschwörung. Die Verschwörung brachte sie enger zusammen denn je. Die Verschwörung verengte die Welt auf die schmalste Perspektive, die alles zu einem Punkt zusammenführt. Die Forderung des Auserwähltseins, da draußen, im Wind, am Himmel des Islams. Die Aussage des Todes, die allerstärkste Forderung, der höchste Dschihad."

Die enumerative Aufgeschwollenheit von DeLillos immer wieder in halbabstrakte Metaphorik ausbrechendem Stil – "Große Bewegung wurde ihm bewusst und andere Dinge, kleinere, ungesehene, trudelnde und schlitternde Gegenstände, und Geräusche, die nicht das eine oder das andere waren, sondern nur Geräusche, eine Verschiebung in der Grundanordnung von Teilen und Elementen" – wird durch Frank Heiberts mitunter recht ungelenke Übersetzung noch verstärkt: Da fallen "Trümmerbrocken" herunter (eins davon hätte eigentlich gereicht); da kräftigt sich der Protagonist im Fitnessstudio an "spinnenförmigen isotonischen Geräten"; da erzittert nicht nur die Erde, sondern auch die deutsche Sprache, wenn Keith mehr von der Welt will, "als er sich zeitlich und geldlich
leisten konnte", oder sich Lianne fragt: "Kann es sein, dass wir Jenseits vom Konflikt sind?" Und dass erotisch nichts mehr weitergeht, wenn jemand seine Entkleidungsfreudigkeit mit "Komm mit was am Leib raus" artikuliert, versteht sich fast schon von selbst. Ein bisschen mehr Sexappeal darf man von Romanen aber schon verlangen – auch wenn sie von ganz großen und
ernsten Dingen handeln.

Klaus Nüchtern in FALTER 44/2007 vom 02.11.2007 (S. 74)


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