Der Tag des Opritschniks
Roman

von Vladimir Sorokin

€ 19,50
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.01.2008

Rezension aus FALTER 7/2008

Die Welt ist ein Rätsel

Der Ruf des literarischen Wunderkindes und Enfant terribles eilte Vladimir Sorokin, 1955 in der Nähe von Moskau geboren, schon immer voraus. Der gelernte Erdöltechniker begann seine Karriere als Buchdesigner im Umfeld des sogenannten Moskauer Konzeptualismus, der wohl wichtigsten Spielart literarischer Nachkriegsavantgarde. Mit dem Roman "Marinas dreißigste Liebe" (1982–1984) schrieb einer "pro eto", über das eine Thema: Sex! Gepaart mit Gewalt-, Fäkal- und Invektivorgien.
Auch wenn viel über "Dekonstruktion russischer Klassiker von Turgenjew bis zum sozialistischen Realismus" schwadroniert wurde, Sorokins Texte bezogen ihre Kraft aus der wie auch immer deformierten realistischen Behandlung konventioneller Themen. Im Fall der "Schlange" (1989) war es die Auseinandersetzung mit dem Schlangestehen in der Mangelwirtschaft des untergehenden Sowjetreichs, in "Die Herzen der Vier" (1991) ging es um technoide Phantasmagorien der Moderne; während die geklonten totalitären Mythen um Hitler und Stalin in "Der himmelblaue Speck" (1999) von der Kritik allseits gelobt wurden, nahm man Sorokin, für den Deutschland zu einem wichtigen Absatzmarkt geworden war, den fiktiven Reisebericht "Ein Monat in Dachau" (1992) mehr als übel.
Während Sorokin in den liberalen Neunzigerjahren kaum Schwierigkeiten hatte, stand er in Putins Russland bereits zweimal im Zentrum der medialen Öffentlichkeit. Die Kulturkommission der Staatsduma protestierte gegen Sorokins vom Moskauer Bolschoj-Theater in Auftrag gegebenes Libretto "Rosenthals Kinder"; und 2002 inszenierte der Kreml mithilfe der Jugendbewegung "Iduschi-w-meste" eine Kampagne gegen den angeblich pornografischen Autor. Seit den Romanen "Ljod" (2002) und "Bro" (2004) gilt der Verfasser von gut einem Dutzend Theaterstücken und Filmdrehbüchern als "nationaler" Bestseller.
Im neuen Roman "Der Tag des Opritschniks" greift Sorokin zum Mittel der klassischen Antiutopie; Russland im Jahr 2027 wird als stilistischer Mix aus 21. Jahrhundert und der Zeit von Iwan dem Schrecklichen beschrieben: sex, crime and money im Leben eines nicht ganz harmlosen neuen Russen.
Das folgende Interview fand am Berliner Wannsee, in der Villa des Literarischen Colloquiums statt: am Tag nach der ersten von 13 Lesungen, die Sorokin durch ganz Deutschland und nach Österreich führt. Sorokin, bei bester Laune, aber noch etwas gezeichnet vom Vorabend, begann das Gespräch mit einem langen Gähnen.
Falter: Wie war die Lesung gestern?
Vladimir Sorokin: Ich bin erst um sechs Uhr früh heimgekommen. Es waren 250 Besucher bei der Lesung – es war nicht langweilig.
Sie haben in zahlreichen Interviews erklärt, dass Sie europäische Städte mittlerweile langweilten, weil sie einander alle glichen.
Langweile hin oder her – ohne Europa kann ich genauso wenig leben wie ohne Russland. Europa mangelt es an russischen Absurditäten, Russland an europäischer Ordnung. Hier gibt es zu wenig Unvorhersehbarkeit – in Russland zu wenig Vorhersehbarkeit.
Da bleibt wieder nur das Alte Lied – "Russland ist mit dem Verstand nicht zu begreifen".
Wenn man es begreifen will, wird's schwierig, dort zu leben. Jedenfalls ist es besser, Russland nicht mit dem Hirn zu verstehen.
Muss man es fürchten? Und was fürchtet eigentlich Russland, das in letzter Zeit angeblich wieder von vielen bösen Mächten bedroht wird?
Russland zu erschrecken ist nicht ganz leicht – es hat schon ziemlich viel erlebt. Man kann es fürchten. Ich selbst habe mich daran gewöhnt.
Sie haben genügend Absurditäten erlebt – das Bolschoj-Theater gab vor etlichen Jahren ein Libretto in Auftrag, gleichzeitig klagt Sie derselbe Staat wegen "Pornografie" an. Wie groß war die Angst?
Es war kein wirklicher Schreck, eher ein Schock – weil ich in eine meiner Erzählungen hineingeriet. Ein Freund, der zufällig beim Bolschoj vorbeigekommen war, rief mich an und erzählte mir von einer Demonstration gegen mich. Die Bücher würden öffentlich vernichtet, in eine überdimensionale Klomuschel geworfen. All das geschehe mit Musikbegleitung aus "Jewgenij Onegin". Ich dachte zuerst, er hält entweder mich zum Narren, oder er ist übergeschnappt. Er sagte: "Schalt den Fernseher ein." Ich hab das Ganze dann in den Nachrichten gesehen.
Wie fühlt man sich bei so viel "Werbung" durch das russische Staatsfernsehen?
Ich habe einmal tief durchgeatmet. Wirklich unangenehm war die Anklage zwei Wochen später. Ab diesem Zeitpunkt war das Ganze nicht mehr lustig. Die Untersuchungen zogen sich ein ganzes Jahr dahin, bis von oben das Kommando "Es reicht!" ausgegeben wurde.
Wer hat die Sache denn überhaupt ins Rollen gebracht? Es gab viele Verschwörungstheorien.
Ich glaube, es war alles von einem hohen Beamten des Kremls organisiert. Die Jugendgruppe Iduschi-w-meste, die das Spektakel abzog, hat jedenfalls er erfunden. Im darauffolgenden Jahr fand die Frankfurter Buchmesse statt, und Russland war Gastland. Putin sollte zur Eröffnung kommen. Wenn es zur selben Zeit ein Gerichtsverfahren gegeben hätte, wäre das für sein Prestige nicht sehr günstig gewesen. Also sagten sie: "Burschen, es reicht jetzt."
Sie sind noch einmal davon gekommen?
Es beweist jedenfalls, dass die Literatur lebendig ist und dass es gute Schriftsteller gibt. Eine tote Literatur fürchtet man ebenso wenig wie einen schlechten Schriftsteller. In Russland war es immer so, dass Schriftsteller und Dichter für die Staatsmacht gefährlich waren und dass sie daher mit diesen mitunter ziemlich rabiat umgegangen ist.
Wer war Maljuta Skuratow?
Der Chef der Opritschniki des 16. Jahrhunderts (die Leibgardisten Iwan des Schrecklichen, Anm. d. Red.). In meinem Buch steht sein Denkmal dort, wo sich früher das Denkmal von Felix Dserschinskij (1877–1926, Gründer der Geheimpolizei Tscheka, der Vorläuferorganisation des KGB, Anm. d. Red.) befand – vor dem KGB-Hauptquartier. Es erschien mir logisch: Skuratow hat die ganze Geheimkanzlei erfunden.
Ihm ist auch das Buch gewidmet. Sieht man davon ab, dass sie gleich zu Beginn des Buches jemand killen, so sind Ihre Opritschniki recht kultivierte Leute: Sie diskutieren über Gedichte, gehen in Konzerte und ins Ballett.
Unser führender Clan ist kultivierter geworden. Seine Angehörigen verbringen ihren Urlaub in Europa, ihre Kinder studieren in London. An ihrer Ethik aber hat sich seit dem 16. Jahrhundert nichts geändert.
Meinen Sie das im Ernst – wie im 16. Jahrhundert?
Ja, natürlich. Das heutige russische Regime ist aufgeklärter Feudalismus.
Sie galten bislang als eher unpolitischer Autor – woher rührt Ihr plötzliches Interesse an Leuten wie Michail Chodorkowskij, der bis vor vier Jahren der reichste Mann Russlands war und jetzt im Gefängnis sitzt. Sie haben in etlichen Interviews über ihn gesprochen.
Es hat mich ziemlich beeindruckt, dass diese Sowjetwelt, die in den Neunzigerjahren zerstört wurde und allmählich unterging, plötzlich wie ein Ertrunkener wieder an die Oberfläche kam. Da ist in mir der russische Bürgergeist erwacht. Besser spät als nie!
Was bedeutete der August 1991 für Sie? Sie haben den Sturz des Dserschinski-Denkmals ja beschrieben.
Ich war damals dort. Sie haben lange auf einen Kranwagen gewartet – trotzdem war die Euphorie damals sehr stark. Es war eine wunderbare Zeit – der typisch sowjetische Spießbürger begann sich plötzlich als richtiger Bürger zu fühlen. In Russland kommt so etwas selten vor. Normalerweise ist der Masse eigentlich alles egal, aber hier wurde sie durch eine Idee geeint. Ich dachte, es würde eine neue Zeitrechnung beginnen. Es war zwar eine verrückte Zeit, aber Jelzin hat eine Reihe von positiven Entwicklungen eingeleitet. Russland begann sich zu einer normalen Gesellschaft zu entwickeln. Und dann tritt wieder so eine Figur auf den Plan, führt die Sowjethymne wieder ein, spricht vom Zerfall der Sowjetunion als einer geopolitischen Katastrophe ... Und schon beginnen die Diskussionen, ob man Dserschinski nicht doch wieder an seinen alten Platz stellen soll.
Wie haben Sie sich das Ende der Sowjetunion erklärt?
Es war vor allem ein Wunder – die "Vollendung" des kommunistischen Projektes in Russland, es war gänzlich unerwartet.
Warum folgte dann, was folgte?
Vor allem, weil die Revolution eine samtene war.
Gibt es keine Revolutionen ohne Blutvergießen?
Darum geht es nicht. Jelzin ist nicht bis zum Äußersten gegangen: Er hätte die Vergangenheit der Leute überprüfen müssen, tat das aber nicht, weil all seine Anhänger früher auch Parteimitglieder gewesen waren.
Für Sie hat damals die Karriere als Schriftsteller begonnen: Haben Sie je erwartet, dass aus einer marginalen Figur des Moskauer Undergrounds ein Bestsellerautor würde?
Nein, natürlich nicht. Ich dachte auch nicht ans Publizieren, als ich schrieb. Im Wesentlichen geschah alles ohne mein Zutun. Ich bin selber nie zu irgendeinem Verlag gegangen – die Verlage wandten sich immer an mich. "Die Schlange" wurde 1985 ins Französische übersetzt, dann kam die deutsche Ausgabe. Ich wurde zuerst im Westen gedruckt, erst danach in Russland.
Spielte das eine Rolle?
Vermutlich schon. Es hat mich vor der Aufgeregtheit bewahrt, die jeden befällt, der unbedingt gedruckt werden will. Ich war diesbezüglich gelassen. Ich hatte allerdings auch Glück.
Russische Literaturpreise sind mittlerweile sehr hoch dotiert – Ludmilla Ulitzkaja hat kürzlich 300.000 Euro bekommen. Glauben Sie, dass Sie in Russland noch einmal einen Literaturpreis bekommen?
Ich glaube, ich bin für Literaturpreise nicht geschaffen. In Russland habe ich nur den Andrej-Belyj-Preis bekommen.
Der aus einem Rubel, einer Flasche Wodka und einem Apfel besteht.
Dafür ist aber die Ehre groß. Er wird für den "Beitrag zur russischen Literatur" verliehen.
Was haben Sie nach der Preisverleihung gemacht?
Den Wodka mit meinem Verleger Alexander Iwanow getrunken, den Apfel dazu gegessen, weitergetrunken.
Sie kommen vom Konzeptualismus her – ist dieses Kapitel für Sie abgeschlossen?
Ach, das sieht alles schon wie ein Museum aus – leblos. Ich habe praktisch keinen Kontakt zur alten Garde. Mit Ausnahmen von Lew Rubinstein oder dem verstorbenen Dmitrij Alexandrowtisch Prigow ist der Großteil des Moskauer Konzeptualismus mumifiziert.
In Form von Zitaten und Anspielungen kommen sie aber alle in Ihrem neuen Roman vor. Eigentlich wird die ganze Moskauer Intelligenzija verarscht.
Das ist ein Gruß aus der Gegenwart in die Vergangenheit.
Wie und was wären Sie gerne mit achtzig?
So lange möchte ich nicht leben.
Was heißt das – Sie müssen doch noch Ihren "Krieg und Frieden" schreiben?
Tolstoj war jünger, als er das Buch schrieb.
Und "Legenden" werden Sie auch keine schreiben?
Um jemand zu belehren? Dazu habe ich gar kein Recht.
Wer hätte das?
Na ja – die Mönche, die ein asketisches Leben führen. Die wissen ein bisschen mehr über die Welt als wir.
Die russisch-orthodoxe Kirche kommt in Ihrem Roman recht gut davon.
Ich erzähle Ihnen eine kuriose Geschichte. Es gibt eine Gesellschaft orthodoxer Patrioten, die sich nach einem gewissen Josif Wolotzkij benannt hat. Dort sind eine Menge von jungen Menschen – sie tragen alle Bart, treten für die Monarchie und eine Theokratie ein – für eine orthodoxe Gesellschaftsordnung. Auf ihrer Website haben sie eine ausgesprochen positive Rezension über "Der Tag des Opritschniks" veröffentlicht. (Lacht.) Sie meinen, genau so ein Russland brauchen wir. Ihr Resümee lautet: "Endlich hat der Liberale Sorokin sein erstes nützliches Buch geschrieben."
Sind Sie stolz darauf?
Das Lob kam ein wenig unerwartet.
Sie haben zuletzt viel fürs Theater gemacht – wie sehr hat das Ihre Prosa verändert?
Das Kino hat mich sehr viel mehr beeinflusst als das Theater. Ich begann den Dialogen mehr Aufmerksamkeit zu widmen, der Dynamik und Struktur der Dialoge. Das Schreiben von Stücken, ganz besonders von Szenarien, ist wie eine Blutauffrischung für die Literatur. Danach wird man viel tapferer, man geht plastischer an die Prosa heran.
Spielt die Religion eine Rolle für Ihre Literatur?
Die Religion ist für mich aus einem einfachen Grund wichtig: Wir sind nicht zufällig auf der Welt, und die Welt ist auch nicht zufällig. Die Welt ist ein großes Rätsel, und wir müssen dieses Rätsel lösen.
Ich habe auch ein Rätsel für Sie: Einem Witz zufolge kommt in Russland nach einem Herrscher mit vielen Haaren immer einer mit Glatze: Nikolaj – Haare, Lenin – Glatze, Stalin – Haare ... Nun prophezeien manche, dass es so weitergeht: Jelzin – Haare, Putin – Glatze, Medwedjew – Haare ...
Man wird sehen. Der Kreml verändert die Leute ziemlich stark.
Inwiefern?
Alle sagen, jetzt kommt der liberalere Medwedjew. Ich glaube nicht wirklich daran. Als Stalin an die Macht kam, war er auch nicht der Brutalste unter den Leuten im Kreml. Trotzkij war zum Beispiel viel grausamer und radikaler. Aber wir wissen, was danach aus Stalin wurde! Der behaarte Medwedjew kann auch noch die Haare verlieren.
Was interessiert Sie so an Sibirien – es ist ein wichtiger Schauplatz Ihrer letzten Bücher "Ljod", "Bro"; in "Der Tag des Opritschnik" gibt es auch einen Ausflug dorthin?
(Lacht): Sie meinen, wenn sie mich nach Sibirien schicken?

Erich Klein in FALTER 7/2008 vom 15.02.2008 (S. 20)


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