Scherbenpark
Roman

von Alina Bronsky

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.08.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Die kluge Tochter einer hirnlosen Frau

Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat. Ich habe zwei, und für keinen brauche ich mich zu schämen. Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben. Ich habe auch schon einen Titel: ,Die Geschichte einer hirnlosen rothaarigen Frau, die noch leben würde, wenn sie auf ihre kluge älteste Tochter gehört hätte.'" "Scherbenpark", das Debüt der erst 30-jährigen Alina Bronsky beginnt fulminant. Das Bemerkenswerte aber ist, dass das Buch, das es vom unverlangt eingesandten Manuskript gleich zum Spitzentitel brachte, dieses Tempo auch bis zum Ende durchhält.

Die Ich-Erzählerin Sascha Naimann, wie ihre Autorin Migrantenkind, ist im Hochhauskomplex mit dem absurden Namen Solitär als Musterschülerin eines Elitegymnasiums eine Außenseiterin und mit ihren 16 Jahren schon mordsmäßig abgebrüht. Mordsmäßig im wahrsten Sinne des Wortes, denn der erwähnte Vadim hat ihre Mutter und deren neuen Lebensgefährten umgebracht, was der Familie – Sascha und den zwei Halbgeschwistern Anton und Alissa – mittels Boulevardpresse zu trauriger Berühmtheit verhalf.
Ihre eigene Gefährdung ignoriert Sascha mithilfe ihrer "Nerven aus Stahl" (deren sie sich ständig rühmt) und dem immer wieder unvermittelt auftauchenden "grauen Nebel" in ihrem Kopf. Stolz darauf, niemals zu weinen und alle Männer (und womöglich auch Frauen) zu hassen, gibt sie den Kopf jener kleinen Rumpffamilie, deren nominellen Vorstand, die aus Russland angereiste Maria, sie ebenso wenig ernst nimmt wie die "Doppelnamen vom Jugendamt", die ständig vor der Tür stehen.
Als Sascha in der Zeitung einen Artikel über Vadim liest, der die Perspektive des Täters einnimmt, und sie auch noch dahinterkommt, dass Maria einen Liebhaber hat, bekommt ihr Leben eine unvermutete Wendung – und Alina Bronsky erst so ­richtig Gelegenheit, ihre Erzählkunst zu beweisen. Neben der keineswegs selbstverständlichen Fähigkeit, das Lebensgefühl einer Pubertierenden in glaubwürdige Worte zu fassen, beweist die Autorin auch noch eine ­außergewöhnliche Treffsicherheit in den Dialogen und Milieuschilderungen sowie jenes Gespür für Abstand und Nähe zu den Figuren, das Literatur erst zum Schillern bringt.
Sascha nimmt sich eine Auszeit von zuhause und quartiert sich beim verständnisvollen Redakteur ­Volker Trebur (der indirekt für den Artikel über Vadim verantwortlich zeichnet) und dessen 15-jährigem Sohn Felix ein; und macht eine Menge neuer Erfahrungen, die man ihr gar nicht so recht zugetraut hätte.
Die beiden eingangs erwähnten Träume werden natürlich nicht verwirklicht – trotzdem oder gerade deswegen muss man diese ungewöhnliche Heldin kennenlernen, die einen oft mit ihrer Altklugheit rührt und immer wieder einfach nur klug ist: "Fürchte diejenigen, die sich schwach fühlen, denke ich einmal mehr. Denn es kann sein, dass sie sich eines Tages stark fühlen wollen und du dich nie wieder davon erholen wirst."

Kirstin Breitenfellner in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 24)


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