Weit Gegangen
Das Leben des Valentino Achak Deng

von Dave Eggers

€ 25,70
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Übersetzung: Ulrike Wasel
Übersetzung: Klaus Timmermann
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 768 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Weit gegangen, aber zu kurz gegriffen

Weit gegangen" beginnt mit einem geschickten erzählerischen Schachzug: Ein sudanesischer Flüchtling, der erst vor kurzem Aufnahme in den USA gefunden hat, wird ausgerechnet von Afroamerikanern in seiner Wohnung überfallen, misshandelt und seiner wenigen Habseligkeiten beraubt. Während er zusehen muss, wie ihm ein Stück nach dem anderen weggenommen wird, beginnt er zu assoziieren und erinnert sich seiner Lebensstationen, die von Vertreibungen, Massakern, Gewaltmärschen und Lagern bestimmt waren.
Als "lost boy", als Jugendlicher ohne elterliche Begleitung, hatte er sich in den 80er-Jahren vom Südsudan über Äthiopien nach Kenia durchgeschlagen, ehe er ab 2001 in den USA eine nicht immer verständnisvolle, jedoch grundsätzlich freundliche Aufnahme fand. Mit einem Schlag wird nun durch den Raub die gerade vage erfolgende Wiedereinübung in eine Normalität brüchig.
Diesem klug gewählten Grundgerüst folgt allerdings ein schlecht gebauter Roman, der, ganz traditionellem Erzählen verpflichtet, nur wenig von dessen Prinzipien verinnerlicht hat. Beinahe 800 Seiten, die um Verfolgung, Verlust und Vereinsamung kreisen, entwickeln weder Wucht noch Subtilität, sondern werden merkwürdig behäbig entlang einer Lebenschronologie heruntergespult. Nicht weniger als die ganze Biografie des Valentino Achak Deng soll in dieser Ich-Erzählung rekonstruiert werden, aber das benutzte Material bleibt weitgehend ungewichtet: Belangloses steht neben Unerhörtem, Redundantes neben Eindrücklichem.

Selbst die Liebesgeschichte mit Tabitha, die den ganzen Roman durchzieht und von einem tragischen Verfehlen in schwerer Zeit berichtet, wird im Tonfall abgebrauchter Spruchweisheiten in eine Harmlosigkeit dirigiert, der die Abgründe, die auch in ihr enthalten wären, schnell wieder zuschüttet. Wenn etwa darüber berichtet wird, dass Tabitha die erste Gelegenheit ergreift, um das Flüchtlingslager Kakuma hinter sich zu lassen und dafür auch ihre Liebe zu Valentino zurückstellt, dann würde man darüber doch gerne Ausführlicheres erfahren als den lapidaren Satz: "Es ist nun mal eine Tatsache, dass die Liebe in Kakuma nicht mit der Aussicht, das Lager verlassen zu können, konkurrieren konnte."
Am gelungensten erscheinen noch diejenigen Passagen, die vom langsamen Fußfassen in der amerikanischen Gesellschaft, von gegenseitigen Verständnisschwierigkeiten und Tabubrüchen, von der Selbstorganisation der sudanesischen Migranten-Community berichten. Hier blitzen öfters Denkbilder auf, die über immer schon vage Gewusstes hinausführen. Etwa wenn die Ethnisierung nicht als ein Phänomen der Herkunft, sondern des Exils geschildert wird: "Es gibt 800 Sudanesen in Atlanta, aber keine Harmonie unter ihnen. Es gibt sieben sudanesische Kirchen, und sie bekämpfen einander unaufhörlich und mit zunehmender Erbitterung. Die Sudanesen hier sind in Stammesdenken zurückgefallen, sie vollziehen dieselbe ethnische Spaltung, die wir vor langer Zeit aufgaben. In Äthiopien gab es keine Nuer, keine Dinka, keine Fur, keine Nubier."

"Weit gegangen" basiert auf einer Serie von Zeitschriftenartikeln, und diese hätten in überarbeiteter Form zweifelsohne einen gelungenen Reportageband abgegeben. Nun hat sich Eggers aber gegen jede Notwendigkeit für die hybride Form einer Doku-Fiktion entschieden, und der Preis dafür ist hoch: Authentisches wird anzweifelbar, Erfundenes erscheint unnötig.
Da die in den "Roman" eingeflossenen ausführlichen Gespräche mit Valentino Achak Deng wirken über weite Passagen wie bloße Transkripte, und da die literarische Gestaltung keinerlei Mehrwert verspricht, fragt man sich, ob nicht ein streng konzipierter Interviewband ehrlicher und angemessener gewesen wäre. Ein wenig dürften dies auch Autor und Verleger geahnt haben, denn der Text ist mit einer merkwürdigen Beigabe in Form eines "Readers Guide" kommentiert: Darin werden etwa "FAQ" beantwortet, die über das gegenwärtige Leben Valentinos informieren; "Ten things you can do for Sudan" werden dem Leser nahegelegt und die Ansichten einer euphorischen Rezensentin im Volltext wiedergegeben. Wäre Eggers Prosa tatsächlich ein Roman, er hätte all diesen gutgemeinten Aufwand nicht nötig.
In den englischsprachigen Ländern wurde Eggers Buch durchaus kontrovers aufgenommen: Während ihm die New York Times ungewöhnliche erzählerische Kraft attestierte und ihn sowohl als Zeugnis wie als Kunstwerk begrüßte, wunderte sich die New Republic über die Anmaßung, die Lebensgeschichte eines Flüchtlings, der doch für sich selbst sprechen könnte, von einem Romancier präsentiert zu bekommen – und dies auch noch unter dem Label einer "Autobiografie".
Trotz des unangenehmen Beigeschmacks der Marketingstrategien, die das Erscheinen des Buchs begleiten, bleibt ein ehrenwertes und notwendiges Anliegen durchaus spürbar: Eine möglichst breite Leserschaft daran zu erinnern, dass die Krise im Sudan nicht mit Darfur ausgebrochen ist, sondern schon seit Jahrzehnten besteht und eine ganze Generation von schwer traumatisierten Menschen hervorgebracht hat, deren Aufnahme in den wohlhabenden Ländern des Nordens nicht von Gleichgültigkeit oder Ignoranz geprägt sein sollte.
Menschen wie Valentino leben mitten unter uns und die Vorgeschichte ihrer "Asylanten"-Existenz sollte auch uns umtreiben. "Weit gegangen" ist ein nicht menschlich, jedoch ästhetisch gescheiterter Versuch, ein neuerlicher möge unternommen werden und gelingen.

Stephan Steiner in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 18)


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