Korrupte Medizin
Ärzte als Komplizen der Konzerne

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Genre: Sozialwissenschaften
Erscheinungsdatum: 17.11.2008

Rezension aus FALTER 47/2008

Die Gier im weißen Mantel: Ab wann sind Ärzte korrupt?

Hans Weiss kann es nicht lassen: Das Verkleiden, Tarnen und Täuschen macht ihm offenbar Spaß. In den 80er-Jahren schlüpfte der Journalist erstmals in die Rolle eines Pharmavertreters und zeichnete in "Gesunde Geschäfte" ein authentisches Bild unsauberer Werbepraktiken und bestechlicher Ärzte. Auch für seinen Bestseller "Schwarzbuch Markenfirmen" recherchierte er zum Teil unter falschem Namen die Machenschaften der Weltkonzerne. Selbst an den Pranger kam er, als er News eine verkleidete Freundin als illegale Pflegerin der Familie Schüssel unterjubelte. Die Geschichte wurde gedruckt, und Weiss landete vor Gericht.
Nun zog es den Undercover-Wiederholungstäter wieder zurück in die Pillenbranche. Dort wehte ihm ein weit rauerer Wind entgegen als noch vor 25 Jahren, denn weltweit werden "Pharma reps" als Branchenvertreter abgebaut. Hatte er in den 80ern noch mit Leichtigkeit so einen Job bekommen, wollte ihn jetzt trotz sechsmonatiger intensiver Schulung keine Firma anstellen.
Weiss musste sich also neue Identitäten als Pharmakonsulent, Arzt und Export-Import-Händler zulegen. Als Peter Merten besucht er brancheninterne Fortbildungsveranstaltungen und wird Zeuge, wie mächtige Pharmabosse offen gestehen, dass sie seit Jahren keine wirklichen Innovationen mehr auf den Markt gebracht haben und Arzneimittelskandale schwer am Ruf der Branche nagen.

Er will dort aber auch gelernt haben, wie die CEOs ihre Shareholder dennoch befriedigen können. Zum Beispiel, indem sie neue Medikamente ohne großen zusätzlichen Nutzen, sogenannte Me-too-Präparate, mit viel Werbetamtam zu Verkaufsschlagern machen. Dabei helfen Geschenke und Einladungen an das Fußvolk der Ärzte.
Am allerwichtigsten ist es aber, anerkannte Mediziner als Werbeträger zu gewinnen. Geschätzte 16.500 Ärzte von höchstem Rang werden weltweit dafür bezahlt, dass sie bei Kongressen, Fortbildungsveranstaltungen und in Publikationen Firmenbotschaften verbreiten. Kaum ein anerkannter Experte, der nicht auf der Payroll eines Unternehmens oder gleich mehrerer Konzerne steht.
Für die Stars unter ihnen ist das durchaus lukrativ: Sie könnten damit problemlos ihr Gehalt um bis zu 250.000 Dollar pro Jahr aufbessern.
Doch Arzt ist nicht gleich Arzt: Während die Stundensätze der Medizingurus von globaler oder nationaler Bedeutung in den USA bis zu 3000 Dollar betragen, sind österreichische Experten bereits um vergleichsweise billige 300 Euro und weniger zu haben, so Weiss.
Aber auch das läppert sich zusammen: Für die Teilnahme an einem Beratungsmeeting in London können da schon mal 2500 bis 3000 Euro anfallen. Flug und Nächtigung noch nicht inbegriffen. Bei so viel Geld kann es schon mal passieren, dass die gekauften Experten – von manchen auch "Mietmäuler" genannt – vergessen, die eine oder andere Nebenwirkung zu erwähnen.
Am Beispiel der Psychopille Zyprexa zeigt Weiss, wie Pharmakonzerne mithilfe zahlreicher Ärzte eine verantwortungslose Umsatzmaximierung betreiben. Trotz Warnungen vor erheblichen Nebenwirkungen wurde das Schizophreniemedikament in den USA als harmlose Glücks­pille vermarktet.

Für Spitzenmediziner geht es allerdings um weit mehr als nur um ein paar Gratismittagessen und Vortragshonorare. Bei ihnen stehen ganze Forschungskarrieren auf dem Spiel. Wie bereits das "Schwarzbuch Markenfirmen" zeigt auch "Korrupte Medizin", wie käuflich die Wissenschaft ist. Getarnt als Pharmakonsulent, sendet Weiss ethisch bedenkliche Forschungsanfragen an deutsche und österreichische Topmediziner.
Sein Resümee: Ist die gebotene Summe hoch genug, sind manche zu allem bereit. Weiss nennt diese Ärzte auch schonungslos beim Namen.
Damit hat er für verlässlichen Wirbel bei Erscheinen des Buches gesorgt. Wieder einmal stellt man die Frage nach den zulässigen Methoden des investigativen Journalismus. Dürfen Autoren Fallen stellen, tarnen und täuschen? Heiligt der Zweck die Mittel? "Manchmal muss man wohl", meint Günter Wallraff im Vorwort zu "Ganz unten", "sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden."
Der Inhalt von "Korrupte Medizin" ist nicht neu und die Undercover-Masche in erster Linie ein Unterhaltungsfaktor. Aber sie fördert auch Details über die gelebte Praxis ans Tageslicht, die ein Negieren des Problems immer schwieriger machen. Gerade in Österreich ist das wichtig – scheint doch für viele Korruption in der Medizin nach wie vor ein völlig undenkbares Phänomen zu sein.

Die Ärztekammer spuckt (wieder einmal) Gift und Galle und verteufelt das Buch als Pauschalangriff auf die Medizinerzunft. Vielleicht ist "Korrupte Medizin" aber auch Anlass für die längst überfällige Diskussion über die Ehre des ärztlichen Berufs.
Vielleicht motiviert es ja auch jene Mediziner, die diese Spielchen bereits seit langem satthaben, ihrem Unmut Luft zu machen.
Für sie gibt es seit kurzem einen Österreich-Ableger von "MEZIS – Mein Essen zahl ich selbst" (www.mezis.at), einer deutschen Initiative unbestechlicher Ärzte. Ihre Mitglieder lehnen Pharmabesuche, Geschenke und Essenseinladungen kategorisch ab und wollen der Medizin wieder jene Unabhängigkeit zurückgeben, die sie sich so gerne auf ihre Fahnen heftet. Denn sie wissen: "There ain't no such thing as a free lunch."

Andrea Fried in FALTER 47/2008 vom 21.11.2008 (S. 22)


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