Bittersüße Heimat.
Bericht aus dem Inneren der Türkei

von Necla Kelek

€ 17,50
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Regionalgeschichte, Ländergeschichte
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.09.2008


Rezension aus FALTER 40/2008

Muslimische Männer verzweifeln

Die Frau mit dem langen schwarzen Haar und dem weitgeschnittenen Anzug nimmt noch einen tiefen Zug von der Zigarette: "Wenn meine Mutter das wüsste!", sagt die 50-jährige Necla Kelek. Die Deutsch-Türkin begegnet dem Terminstress mit einem Lächeln. Gestern hat sie in Wien ihr neues Buch "Bittersüße Heimat. Bericht aus dem Inneren der Türkei" vorgestellt, heute diskutiert die Islamkritikerin auf einer Veranstaltung der Rotarier.

Falter: Glauben Sie, dass zu viel geredet wird über den Islam?
Necla Kelek: Nein, wir haben gerade erst begonnen. Wir brauchen die inhaltliche Auseinandersetzung darüber, was der Islam ist und was seine Vertreter in Wirklichkeit wollen.
Navid Kermani hat in einem Falter-Interview gemeint, ein bisschen mehr Ignoranz gegenüber der schrillen Islamberichterstattung würde uns guttun.
Kelek: Da muss ich widersprechen. Wir haben 40 Jahre lang geschwiegen. Der Islam ist eine soziale wie politische Herausforderung. Es kann aber gar nicht genug darüber gesprochen werden.
Wenn vom Islam die Rede ist, geht es um Integrationsprobleme oder um Islamismus.
Kelek: Man kann behaupten, dass zu alarmistisch oder zu allgemein darüber geredet wird. Bei der Bevölkerung kommt das vielleicht so rüber, dass jeder Muslim ein Dschihadist ist und dass der Dschihadismus wächst. Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber die meisten Terroristen sind momentan Muslime.
Sie klingen alarmistisch.
Kelek: Sehen Sie sich die Lage der Menschenrechte in islamischen Ländern an. Da müssen wir einfach Alarm schlagen. Ich würde mir wünschen, dass jene Muslime, die das auch satthaben, endlich aufstehen.
Islamkritiker konstruieren oft eine muslimische Identität und adressieren jeden Menschen, der an Allah glaubt, als Muslim, wodurch es zu einer Re-Islamisierung kommt. Grund zur Selbstkritik?
Kelek: Ich kann mit dieser Frage wenig anfangen. Eben war ich bei einer Familie, bei der eine Frau sechs Jahre lang das Haus nicht verlassen konnte, und das wurde mit der Tradition des religiösen Lebens begründet. Der Islam wird in so unglaublich vielen schrecklichen Fällen als Legitimation verwendet. Ich beschäftige mich mit diesen Problemen. Da kann ich ja nicht gleichzeitig sagen: Jetzt denkt der Europäer vielleicht schlecht über den Islam.
Es ist aber wichtig, auch das zu sagen.
Kelek: Dann tun Sie das.
Hätte ich noch nie vom Islam gehört und würde nur Ihre Veröffentlichungen lesen, dann stellte er sich als äußerst feindselige Religion dar, die Freiheit, Individuum und vor allem die Frau unterdrückt.
Kelek: Das ist doch so. Der Islam bestimmt in allen islamischen Ländern den Alltag. 150 Millionen Frauen weltweit sind beschnitten, 90 Prozent davon in islamischen Ländern. Da muss ich doch mal fragen: Welche Funktion hat denn der Islam?
Aber "den Islam" gibt es nicht.
Kelek: Der Islam ist nicht einheitlich. Aber es gibt einen Konsens, einen Islam als System, als Welt- und Menschenbild, von dem sich Muslime noch immer nicht gelöst haben. Der Islam ist nicht nur spirituell, sondern hat ein Lebenskonzept mit einem Menschen- und Weltbild, das anders ist als das unserer Zivilgesellschaft.
Wie sieht dieses Lebenskonzept aus?
Kelek: Im Zentrum steht die vertikale Trennung der Gesellschaft nach Frauen und Männern. Es gibt einen Konsens in allen islamischen Ländern, der sagt: Die Frau ist die Privatheit, der Mann ist die Öffentlichkeit. Und der Gläubige hat sich diesem System zu unterwerfen. Im Namen des europäischen Geistes und der Aufklärung müssen wir verlangen, dass sich diese Religion säkularisiert. Wenn sie das nicht tut, muss sie damit leben, dass man den Islam als rückständig betrachtet. Und das tue ich.
Verhärten sich die Fronten bei solch konfrontativen Ansichten nicht?
Kelek: Ich mach keine Wischiwaschi-Sache. Ich beschäftige mich mit den Schattenseiten der Gesellschaft. In Deutschland haben 45 Millionen Menschen Arbeit. Drei Millionen haben keine. Wenn ein Politiker über diese drei Millionen spricht, ohne den Rest zu erwähnen, dann darf er das auch. Die politische Rechte instrumentalisiert Ihre Argumente.
Kelek: Ich möchte, dass Muslime in Europa als Individuen ankommen, ihre Bürgerrechte wahrnehmen und den Rechtsstaat akzeptieren. Dieses gesellschaftliche Konzept trennt mich von den Rechten.
Was Sie und Rechte eint, ist die These vom Clash of Civilizations, die Sie beide stärken.
Kelek: Es ist ja auch ein Kulturkampf. Wenn Millionen von Muslimen in Pakistan und Afghanistan und in halb Afrika sagen, wir können das besser, wir wollen nach der Scharia leben und Europa ist unser Gegner, dann ist das ein Kulturkampf.
Das heißt für jeden: Du musst dich jetzt für eine Seite entscheiden. Damit distanzieren sich die Lager noch weiter voneinander.
Kelek: Sie müssen ja auch eine Formel finden, mit der Sie die Welt beschreiben. Wenn Sie vom Faschismus reden, dann müssen Sie den auch als System beschreiben. Es gab ja auch Leute, die im Faschismus lebten, ihn aber furchtbar fanden. Aber sie waren drinnen. So müssen Sie auch den Islam als System betrachten.
Weist dieser Islam für Sie faschistische Elemente auf?
Kelek: Diktatorische und rassistische Elemente, ja. Der Antizionismus zum Beispiel, oder wie über Christen und unreine Menschen gesprochen wird, wie sie ihre Kinder indoktrinieren, die früh den Islam lernen müssen, die keine Zweifel haben oder gar Allah infrage stellen dürfen. Diese Formen des Scharia-Islam sind doktrinär.
Ist Freiwilligkeit in einem System, wie Sie es beschreiben, möglich?
Kelek: Natürlich. Um es böse zu sagen: Menschen jagen sich freiwillig in die Luft! Ich sehe den Islam als Ideologie. Wenn Menschen innerhalb einer Ideologie glücklich sind, ist das für mich kein Wertmaßstab. Wenn eine Frau freiwillig ihr Kopftuch trägt und ihrem Mann dient, darf ich sie ja trotzdem kritisieren. Sonst dürften wir ja auch BDM-Frauen nicht kritisieren. Was waren die nicht glücklich, Hitler Kinder schenken zu dürfen!
Der muslimische Familientyrann in Europa könnte bald ganz schön alt aussehen. Seine Töchter überholen ihn in der Bildung, dringen in andere Netzwerke vor, haben an Religion oft nur mehr wenig Interesse.
Kelek: Wir müssen diese Männer entrechten. Sie haben nicht das Recht, in ihrer Familie zu walten, wie sie wollen. Sie müssen ihre Kinder zu selbstständigen Wesen erziehen. Das ist ihre Bürgerpflicht.
Das neue Bild der Muslima als emanzipiertes Individualwesen ist bereits gezeichnet. Die neue Rolle des Mannes, nachdem er seine Autorität verloren haben wird, ist hingegen noch ungeschrieben.
Kelek: Der Mann verliert ja nicht nur, er gewinnt ja auch. Und zwar seine Freiheit. Die Überwachung der Schwester ist doch auch eine Bürde für den Bruder. Oder dass er sein verdientes Geld abgeben muss, damit seine Schwester verheiratet werden kann.
Vielleicht muss man den Patriarchen die Freiheit nur besser verkaufen.
Kelek: Sie müssen erst lernen, mit Freiheit umzugehen, und die Gesellschaft muss sie dabei unterstützen. Wenn Sie mit so einem Mann unter vier Augen sprechen, dann ist er ja auch verzweifelt, weil ihm dieser kollektive Zwang zusetzt.
Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse erscheint Ihr neues Buch über die Türkei. Wo steht die türkische Gesellschaft 2008?
Kelek: Zwischen Kaserne und Moschee.
Welche Rolle spielt Europa?
Kelek: Eine schrecklich große. Europa ist Hoffnung für alle, die die Zivilgesellschaft wollen und verlockende Beute für die, die an die Subventionstöpfe wollen. Aber der Beitritt darf nicht zu schnell kommen, sonst wird die Auseinandersetzung mit Bürger- und Menschenrechten beendet. In den letzten fünf Jahren hat sich wahnsinnig viel getan, weil Europa sich eingemischt hat. Noch aber ist die Türkei nicht bereit, Demokratie und Menschenrechte zu leben.

Stefan Apfl in FALTER 40/2008 vom 03.10.2008 (S. 20)


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