Halbschatten
Roman

von Uwe Timm

€ 19,50
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.08.2008

Rezension aus FALTER 38/2008

"Der Flug ist das Leben wert", steht auf ihrem Grabstein. Keine 26 Jahre alt ist die Flugpionierin und Abenteurerin Marga von Etzdorf geworden. Ihre Erfolgsgeschichte riss allerdings Anfang der 30er-Jahre ab; eine Bruchlandung folgte auf die andere. Meist kehrte sie von ihren Flügen geknickt und mit dem Steuerknüppel in der Hand zurück. Als sie 1933 auf dem Weg nach Australien notlanden musste, hatte sie genug und jagte sich eine Kugel in den Kopf. Aus Scham? Oder steckte hinter dem Freitod noch etwas anderes?
Es ist ein rasantes, mythenumranktes Leben, das Uwe Timm ins Zentrum seines neuen Romans, "Halbschatten", stellt. Sein Erzähler sucht den Invalidenfriedhof in Berlin auf; dort liegt Etzdorf begraben. Ein Stadtführer, "der Graue" genannt, begleitet ihn in dieser Dämmerstunde durch das Schattenreich. Der 1748 von Friedrich II. geschaffene Friedhof ist ein Ort, an dem ein Teil der deutschen Geschichte kristallisiert. Hier finden sich Generäle und Admirale, die Piloten Richthofen, Udet und Mölders, und inmitten der Soldaten früherer Epochen liegen Naziverbrecher, so etwa Reinhard Heydrich, der Organisator der "Endlösung". Dieser "Ort der Gewalt" ist auch ein Ort der Geister. Die Toten nutzen die Gunst der Stunde und beginnen, den Besuchern von ihrem Leben zu erzählen; in die Geschichte der Marga von Etzdorf mischen sich die Stimmen anderer Zeitgenossen: eine wahre Polyphonie, ein Chor aus Gegenrede, Besserwissereien und historischen Berichten.
Man könnte Vorbehalte gegen diese dokumentarische Collage formulieren: Allzu viel Historisches wird hier auf dichtem Raum heraufbeschworen, und die Geschichte der Protagonistin droht bei diesem Geplapper in den Hintergrund zu geraten. Durch die Schnitttechnik verschwimmen auch die einzelnen Stimmen immer mehr: Mitunter weiß man nicht mehr, wer gerade spricht, und ob das, was geredet wird, Faktum oder Fiktion ist. Das aber ist gleichzeitig das Faszinierende: wie die Schichten dieses Gottesackers nach und nach sichtbar und literarisch fruchtbar gemacht werden. So rückt der Friedhof als Ort archäologischer Ausgrabungen immer stärker in den Mittelpunkt, und die Erzählungen verbinden sich zu einer Kakophonie deutscher Vergangenheit.

Ulrich Rüdenauer in FALTER 38/2008 vom 19.09.2008 (S. 22)


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