Unendlicher Spaß
Infinite Jest. Roman

von David Foster Wallace

€ 41,10
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Übersetzung: Ulrich Blumenbach
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 1552 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.08.2009

Rezension aus FALTER 35/2009

Spaß ohne Ende

In einem seiner entspannteren Momente hat das Superhirn David Foster Wallace vorgeschlagen, man könne seinen Roman doch einfach als Schattenspender mit an den Strand nehmen.
Als Leser muss man den Ratschlag nicht unbedingt in die Praxis umsetzen. Es hilft schon, bei der alle Kräfte fordernden Lektüre des 1547 Seiten starken Buchs ab und zu eskapistischen Gedanken von Meer und Sand nachzuhängen, um durchzuhalten.
Das heißt nicht, dass die Lektüre keine Freude bereitet. "Unendlicher Spaß" – so der Titel der deutschen Übersetzung verfügt über einige der wohl brillantesten Sätze und Einfälle, die man je lesen wird, über kluge Meditationen zum Leben heute, in denen der Autor die Schraube immer noch weiterdreht, bis einem fast der Kopf explodiert, sowie über Bruhaha-Ausbrüche in Humor-Beavis-&-Butthead'scher Handschrift.
Wallace zwingt einen jedoch dazu, lange Umwege durch dunkle Gässchen zu gehen, um an diese Nuggets zu gelangen, und er spart dabei an Komplexität nichts aus. Mehr noch: Die Umwege und das schwer zu durchsteigende Vokabular scheinen über weite Strecken die Hauptsachen in diesem Roman zu sein, der ein düsteres Bild unserer Leistungs-, Medien-, Drogen- und Spaßgesellschaft zeichnet. Und das noch lange vor Facebook und Konsorten – im Original ist "Infinite Jest" bereits 1996 erschienen.
Nimmt man den Titel, der sich von Shakespeares "Hamlet" herleitet (siehe "DFW von A bis Z"), wörtlich, bezeichnet er einen Spaß ohne Ende. Der Witz, den Wallace erzählt, hat folglich keine finale Pointe. Den Schluss des Buches, über den hier sonst nichts verraten sei, mag man daher als unbefriedigend empfinden.

Das wahre Ende versteckt sich mitten im Buch. "Unendlicher Spaß" heißt nicht nur der Roman, sondern auch ein süchtigmachender Film, der seinen geheimen Kern bildet. Er stammt aus dem Nachlass des Underground-Filmemachers James Orin Incandenza und treibt seine Betrachter vor lauter Amüsement in den Wahnsinn, mitunter auch in den Tod. Der "Tödliche Witz" von Monty Python lässt grüßen.
"Die Patrone war in Berkeley, Nordkalifornien, aufgetaucht, in der Wohnung eines Filmwissenschaftlers und seines Partners, die beide tagelang ihre Termine versäumt hatten, und von da an allem Anschein nach für alle bedeutenden menschlichen Aktivitäten verloren waren, dieser Wissenschaftler und sein Partner, die beiden Cops, die nach Berkeley beordert worden waren, die sechs Cops, die man den beiden hinterherbeordert hatte, nachdem die ihrer Code-Five-Auflage, unter höchster Geheimhaltungsstufe Bericht zu erstatten, nicht nachgekommen waren, der diensthabende Sergeant und sein Partner, die hinter den sechsen herbeordert waren – insgesamt siebzehn Polizisten, Sanitäter und Teleputertechniker, bis die Tödlichkeit dessen, was sie da gesehen hatten, sich mit so ausreichender Klarheit manifestiert hatte, dass jemand auf die Idee kam, der Wohnung in Berkeley die Sicherung rauszudrehen."
Das ist noch einer der geraderen Sätze aus dem Buch, das Ulrich Blumenbach in sechs Jahren aufopfernder Kleinarbeit ins Deutsche übersetzt hat (siehe Interview auf Seite 24). "Zu Wallaces Stilprinzipien gehört die Maxime ,Schreib nie einen kurzen Satz, wenn's auch ein langer tut'", was in "vielfach verschachtelten Sätzen, neben denen sich Thomas Mann oder Marcel Proust wie Ernest Hemingway lesen", resultiere, schreibt der Übersetzer in seinem erklärenden Essay "Am Fuß vom Text".
Wer der Handlung des Romans – ja, es gibt sie! – folgen will, sollte neben Geduld und Zugang zu guten Nachschlagewerken auch noch Interesse an mindestens einem der folgenden Gebiete mitbringen: Tennis, Drogen bzw. Drogenentzug, Grammatik, Mathematik, Philosophie sowie den Mechanismen (massen-)medialer Unterhaltung. Sie nämlich nehmen weite Teile der gut 1400 Seiten Haupttext und knapp 150 Seiten mit Fußnoten ein.

Erst nach 100, 200 Seiten Wahnsinn auf höchstem Niveau entsteht langsam ein verschwommenes Bild davon, worum es hier gehen könnte. Die zunächst enorm irritierenden Kapitelüberschriften ("Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche", "Jahr des Glad-Müllsacks") geben nur die Zeitfolge des Romans wieder. In der Welt, wie Wallace sie sieht, herrscht "Sponsorenzeit". Selbst Jahre kann man schon als Werbeträger kaufen, das meistbietende Unternehmen wählt ihren Namen aus.
Wann "Unendlicher Spaß" spielt, lässt sich dennoch relativ sicher sagen. Der Autor gibt einen Hinweis, indem er einem Jahr mit besonders durchgeknallten Namen eine Zahl hinzufügt ("Jahr des Yushityu 2007 Mimetische-Auflösung-Patronensicht-Hauptplatine-Leicht-Zu-Installieren Upgrades für Infernatron/Interlace TP-Systeme für Heim, Büro oder Unterwegs (sic!)"). Demnach wäre sein in den frühen 90ern geschriebener Roman ein Blick in eine nahe Zukunft. Und die deutsche Übersetzung käme genau zum richtigen Zeitpunkt, denn das dominierende "Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche" findet in Realzeit aller Wahrscheinlichkeit nach 2009 statt.
Nordamerika ist im Buch ein Staatengebilde, das nun auch Kanada und Mexiko umfasst und auf den vielsagenden Namen O.N.A.N. (Organization of North American Nations) hört. In Kanada gibt es einige vehemente Gegner des Bundes. Ausgebreitet werden die Aktivitäten der diversen Separatistengruppen in Gesprächen zwischen einem Quebecer Doppelagenten und seinem US-Kontakt, die zunächst von herzhaften Sticheleien über amerikanische und frankokanadische Mentalität gekennzeichnet sind. Dann wird es ernst: Angeblich haben die Separatisten eine Kopie von "Unendlicher Spaß" in die Finger bekommen.

Einer von zwei Hauptschauplätzen ist die Enfield Tennis Academy (E.T.A.). Der Held dieses Strangs heißt Hal Incandenza, er ist der jüngste von drei Brüdern und zählt zu den talentiertesten Spielern an der Akademie. Seine Begabung geht aber über den Tenniscourt hinaus. Als er sich zu Beginn des Romans, der chronologisch dessen Ende bildet, für die Aufnahme an einer Uni bewirbt, glauben die Interviewer an eine Schiebung.
Hal hat statt eines geforderten Essays gleich eine Vielzahl selbstverfasster Texte zu Themen wie "Neoklassische Prämissen in zeitgenössischen präskriptiven Grammatiken" (wie seine Mutter ist er vernarrt in das "Oxford English Dictionary"), "Die Herausbildung des heroischen Stillstands in der Rundfunk- und Fernsehunterhaltung" oder "Zur Tertiärsymbolik in justinianischen Erotica" eingereicht. Als er im Gespräch in die Enge getrieben wird, dreht er durch – wobei Wallace im entscheidenden Moment die Kamera wegnimmt und nicht klar wird, was Hal wirklich tut, was die Autoritäten derart aufbringt. Im nächsten Absatz wird er schon an einer Trage festgezurrt.

Die Hochbegabung an der Grenze zum Wahnsinn hat Hal von seinem Vater geerbt, dem "Unendlicher Spaß"-Regisseur James Orin Incandenza. Er ist "eine überragende Gestalt in den Zirkeln der Optik und des Avantgardefilms (...), der im Alleingang die Enfield Tennis Academy aus der Taufe ge­hoben hat, andererseits gegen fünf Uhr morgens schon den ersten Wild Turkey kippt (...) und gelegentlich Wahnvorstellungen hat, die Leute würden den Mund aufmachen, ohne dass ein Ton herauskommt." Schön auch eine andere Charakterisierung des Paten von Enfield: "Er war ein großer Mann mit langsamen Körperbewegungen und einer großen Liebe zu Taxis."
Vater wie Sohn schaffen es nur mit routinemäßigem Substanzenmissbrauch einigermaßen durch den Alltag. Die Drogen, ob es nun Whisky ist oder Marihuana, sorgten aber nicht mehr für einen angenehmen Rausch, ja nicht einmal mehr für Erleichterung in angespannten Situationen. Sie stellt lediglich das grundlegende Funktionieren sicher (Vater Incandenza wird am Ende den Ausweg durch Suizid wählen).
Auch 13-jährige Tennishoffnungen nehmen bereits selbstverständlich eine tägliche Diät aus Schnell- und Langsammachern zu sich, um die höllischen Trainingsrituale an der E.T.A. durchzustehen. In ihren wenigen freien Minuten träumen sie von einem Abend voll Ruhe und Erholung: "In den guten alten Raumanzug schlüpfen und ein bisschen atonalen Jazz hören." Das Tennisspiel wird im Roman als schönes Wahnsystem beschrieben. Die Bewegungsabläufe sind irgendwann automatisiert, ab diesem Punkt entscheiden allein unnachgiebige Arbeit und die Psyche des Spielers darüber, ob er das Zeug zum Profi hat.

Wallace war selbst ein talentierter Junior, hat dem Leistungssport aber schließlich abgeschworen, um sich ganz den Büchern zu widmen. Eine Leidenschaft für Tennis ("eine Art Schach im Laufschritt") hat er sich trotzdem bewahrt, wie zärtliche Nacherzählungen von Trainingspartien und zeitlupenhafte Schilderungen von Traumschlägen beweisen. "Unendlicher Spaß" betrachtet den weißen Sport durch die Lupe des postmodernen Nerds. Mit Blick auf einen angehenden Sportreporter, der beim Collegeradio übt, heißt es, das Schwierigste an seiner Tätigkeit sei die Wiederholungsvermeidung beim Durchgehen von Spielergebnissen: "Seine Queste nach Synonymen für siegen und verlieren ist endlos und ernsthaft."
Während Hal & Co vom Morgengrauen bis spätabends ihre Runden auf dem Trainingsplatz drehen, herrscht auch im Entzugsheim Ennet House, das unweit der Akademie liegt, pausenlos Hochbetrieb. Aus dem Stimmengewirr der Süchtigen sticht Don Gately hervor, der selbst einen Alkoholentzug hinter sich hat und nun als Betreuer arbeitet. Der Leser begleitet ihn zu Treffen der verschiedensten AA-Gruppen in und um Boston und lauscht dutzenden Ansprachen von gerade erst oder schon vor vielen Jahren trocken gewordenen Trinkern.
In diesen Passagen wird es emotional und tiefsinnig. Wenn es ein System im Roman gibt, das funktioniert, dann ist es überraschenderweise jenes der Anonymen Alkoholiker. Ihre mantrahaft wiederholten Stehsätze seien zwar Klischees, meint Don immer wieder, aber sie wirkten. Wenn jemand einen Entzug schaffen will, müsse er nicht einmal selbst daran glauben. Es würde fürs Erste ausreichen, das Richtige zu tun, und zwar möglichst keinen Tag ohne den Besuch eines Treffens verstreichen zu lassen. So könne die Versuchung, rückfällig zu werden, stets im Keim erstickt werden.
David Foster Wallace hat sich im September 2008 während einer schwer depressiven Phase erhängt. Wie nach seinem Tod bekannt wurde, war er seit 20 Jahren auf Antidepressiva angewiesen, um seinen Alltag und die Arbeit zu bewältigen. Ein Jahr vor seinem Tod wollte er neue Therapiemöglichkeiten ausprobieren und setzte sein Standardmittel ab. Als er es nach dem Scheitern alternativer Methoden wieder einnahm, wirkte es nicht mehr.
Vieles in "Unendlicher Spaß" ist autobiografisch grundiert: das Tennis, die Geniesache, die Drogen, die Depressionen. Wie jeder Autor hatte natürlich auch Wallace seine Themen, bei denen sich Leben und Werk auf vielfältige Weise vermischten. Es wäre jedoch falsch, sein vielschichtiges Werk nach seinem Suizid platt als Schlüsselroman zu lesen und alles auf Parallelen zum Leben des Autors abzuklopfen.
Weitaus spannender ist da schon die vernichtende Diagnose, die der Autor dem Zeitalter der allumfassenden Ironie vor 15 Jahren stellte und die auch heute noch gilt. Er war ein Kind der Postmoderne. Aufgewachsen als Sohn eines Uniprofessors und einer Lehrerin in einem Haushalt voller Bücher, las er früh Thomas Pynchon, Don DeLillo und William Gaddis. Erst als Student entdeckte er die Macht des Fernsehens und verfiel ihr zeitweise völlig.

Wallace begriff sich als Realist, nicht als Postmoderner. Seine Begründung: Die Ironie, mit der seine Vorbilder in den 60er- und 70er-Jahren der Welt begegnet waren, sei inzwischen ein Allgemeinplatz geworden, ein einfaches Mittel, um sich distanzieren zu können und an nichts mehr teilhaben zu müssen. Mit "Unendlicher Spaß" wollte er die Ironie überwinden, ohne sie aufgeben zu können oder zu wollen. Er unterlief sie allerdings, indem er dem Roman einen menschlichen Kern und seinen Figuren Gefühle gab.
Etwas Trauriges über die Realität habe er schreiben wollen, sagte Wallace in einem Interview 1996. Die wirkliche Realität überforderte den Hochbegabten. Wie macht man dieses oder jenes, fragte er seine Freunde über die einfachsten täglichen Verrichtungen Löcher in den Bauch. Wenn er etwas Neues lernen wollte, ging er zuerst in die nächste Bibliothek und las alles, was er darüber finden konnte.
Jonathan Franzen, der seine Karriere zur gleichen Zeit begann und lange Jahre ein Freund war, beschreibt Wallace als einen Menschen, der meist seltsam distanziert neben sich selbst zu stehen schien. Selten stürzte er sich in den Strom des Lebens, lieber saß er beobachtend am Rand.
Ein Witz, den Wallace gern erzählte: "Was sagt ein Autor nach dem Sex? – War es für mich so gut wie für dich?" Har, har.

Sebastian Fasthuber in FALTER 35/2009 vom 28.08.2009 (S. 24)


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