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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 03.09.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Den Sex bringen wir auch noch hinter uns

Ganz der Alte, aber wieder etwas besser als zuletzt: Nick Hornby schreibt über die Welt der Rockmusik

Niemand könnte Nick Hornby vorwerfen, dass er über Dinge schriebe, die er selbst nicht kennt. Die Welt, in der seine Bücher spielen, ist ihm so vertraut wie seinem Publikum, egal, ob es sich um London oder – wie in seinem jüngsten Roman "Juliet, Naked" – um das fiktive nordenglische Seestädtchen Gooleness und die Kleinstadt Tyrone, Pennsylvania, handelt.

Bevölkert wird sie vor allem von Männern mittleren Alters – in diesem Fall vom abgehalfterten US-amerikanischen Songwriter Tucker Crowe, von dessen verblendetem Fan und selbsternanntem Internetbiograf Duncan Thomson, vom in den Jugendtagen der Mittsechziger steckengebliebenen Kleinstadtmagistrat Terry Jackson und von den beiden fanatischen Clubtänzern Gav und Barnesy –, allesamt unzulänglich bis erbärmlich, aber irgendwie auch wieder liebenswert. Je nach Geschlecht ist die Zielgruppe eingeladen, sich mit diesen Gestalten zu identifizieren oder ihren Mutterinstinkt in sie zu investieren.
Als ebenso geläufiges Bezugssystem fungiert eine schon in Hornbys zweitem Roman, "High Fidelity", spezifizierte Popkultur, die von Bob Dylan und Leonard Cohen via Bruce Springsteen bis zum Sixties-Soul und keinen Schritt weiter in Richtung Gegenwart reicht. Nicht zufällig gründet der legendäre Status des Tucker Crowe darauf, dass er seit 1986 keine Musik mehr veröffentlicht hat.
Aus Hornbys drittem Buch, "About a Boy", ist uns die weise/naive Kinderstimme von Crowes sechsjährigem Sohn Jackson bekannt. Und die in einer hoffnungslosen Beziehung mit dem erbärmlichen Duncan gefangene Frauenfigur Annie weist wiederum Ähnlichkeiten mit Kate, der Heldin aus Hornbys viertem Wurf, "How To Be Good", auf. In ihrem Gerangel mit der eigenen Gutherzigkeit erscheint sie bloß umso anständiger. Ja, wenn es darum geht, dem kranken Mann, in den sie verschossen ist, Bücher zu kaufen, vergisst sie sogar auf ihr Make-up. Sein Mitgefühl für diese weibliche Protagonistin macht dem Autor den Rücken frei für ein paar locker eingestreute, merklich misogyne Spitzen gegen durchgedrehte Frauen mit hennagefärbtem Haar, arrogante Middle-Class-Töchter und noch arrogantere Middle-Class-Mütter.
Das Abrufen humorvoll dargebotener und wieder erkennbarer Alltagssituationen ist einerseits die Ursache von Hornbys andauernder Popularität und birgt andererseits die Gefahr, sich in Klischees zu ergehen: dumpfbackige, konversationsunfähige Teenager, die den iPod nicht einmal abdrehen, wenn ihr Vater zu ihnen spricht; ein unfähiger Psychotherapeut, der die weltfremde, prüde Spießigkeit seiner kleinstädtischen Herkunft nicht überwinden kann; oder die Kunstlehrerin, die dem erbärmlichen Duncan ihren sexuellen Enthusiasmus aufdrängt.
Sex kommt bei Hornby überhaupt bloß als Wort für etwas Unbeschriebenes vor, das man hinter sich bringt, um a) eine neue Beziehung zu etablieren oder b) sich zu beweisen, dass man noch zu den sich Paarenden zählt – gelegentliches Intermezzo in der Litanei der Miseren des Lebens zwischen Mitte 30 und Mitte 50.

Rundum scheitern die Beziehungen, postpubertäre Obsessionen bleiben unüberwunden, Kinderwünsche unerfüllt, und die Trauer um verbummelte Jahre hängt wie eine Wolke Betäubungsgas über den Köpfen der Beteiligten.
Natürlich kommen Duncan, Annie und Tucker auch nicht darum herum, in inneren Monologen Besten- bzw. Schlechtestenlisten zu verfassen, das Gelingen ihrer Vaterschaft in Prozenten zu messen, ihre Beziehungsdynamik in algebraischen Gleichungen darzustellen oder sich vor ihren Wortmeldungen erst einmal alle Wendungen vorzusagen, die sie nun gerade nicht anbringen wollen. Dabei sprechen sie allesamt die gleiche Sprache, nämlich die ­ihres Erfinders. Mitunter ergibt sich gar der Eindruck, dem Autor selbst wäre es noch unangenehmer als seinen von Selbstzweifeln zermürbten Figuren, die Handlung voranzutreiben, anstatt sie von allen denkbaren Seiten her zu betrachten. Andererseits liegt gerade in diesen Einwürfen und Erläuterungen – wo sie ihm gelingen – der dezidiert diskrete Charme von Hornbys Schreibe. Zum Beispiel, wenn Annie befürchtet, dass die Teetasse mit der an die Anti-Irak-Kriegs-Demos erinnernden Aufschrift "bLIAR" ihren auf einen platonisch versöhnlichen Hausbesuch vorbeigekommenen Verflossenen zu nostalgischen Tränen rühren könnte.

Immerhin wirken diese Figuren wesentlich glaubhafter als die flachen Stereotypen in seinem – sieht man vom zwischenzeitlich erschienenen Jugendbuch "Slam" ab – letzten Roman "A Long Way Down". Und die überraschende Verwirklichung einer Fanfantasie durchbricht den Trott ironisierter Gewöhnlichkeit auf durchaus spannende Weise, selbst wenn der von früheren Ausschweifungen beschädigte Charakter des Exrockstars schließlich nur in der ernüchternden Normalität Läuterung findet.
Was "Juliet, Naked" aber abgesehen von seiner Lesbarkeit legitimiert, ist die sanfte Dekonstruktion des gerade in der Rockwelt immer noch tradierten Mythos von der Kunst als Ausdruck authentischen Seelenleids. "Juliet" ist nämlich der Titel von ­Tucker Crowes großem Werk, einem Album über eine verlorene Liebe, in deren metaphorischer Entkleidung schließlich die pragmatischen Realitäten und moralischen Widersprüche künstlerischer Arbeit zum Vorschein kommen.
Dass die ganze Handlung transatlantisch angelegt ist, dürfte der bei Hornby obligaten Verfilmung übrigens auch nicht schaden. Ein Castingvorschlag: Colin Firth ist Duncan, Kate Winslet ist Annie und Lyle Lovett ist Tucker Crowe.

Robert Rotifer in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 9)


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