Der Geldkomplex
Roman

von Joachim Lottmann

€ 10,30
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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.08.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Weiß doch jeder, dass wir kein Geld haben

Joachim Lottmann hat sich für seinen neuen Roman den Titel "Der Geldkomplex" ausgeborgt

10.000 Euro. So hoch wird, über den Daumen gepeilt, der Vorschuss gewesen sein, den Johannes Lohmer für seinen nächsten Roman bekommen hat. Details nennt der Mann von Welt keine. Denn: "Ohne darüber je nachzudenken, war für mich die erste und letzte aller Wahrheiten, dass feine Menschen über Geld weder redeten noch groß nachdachten."
Dass die Überweisung erst auf einen peinlichen Fehler seines Lektors hin vorgenommen wurde, interessiert im Nachhinein niemanden mehr. Hauptsache, der ewig schnorrende Lohmer vulgo Jolo, der schon in allen Clubs von Berlin-Mitte Hausverbot hatte und um die Suppenküchen herumstrich, ist wieder im Geschäft und auf dem Weg zum deutschen Großschriftsteller.

Willkommen in Lottmanns verrückter Welt. Joachim Lottmann, selbsternannter Vater der deutschsprachigen Popliteratur und Borderliner zwischen Wirklichkeit und Erfindung, legt mit "Der Geldkomplex" seinen fünften Roman vor. Er schreibt damit "Die Jugend von heute" (2004) und "Zombie Nation" (2006) fort, in denen er von den Erlebnissen seines Alter Ego Jolo unter jungen Menschen in einem geriatrischen Land berichtete.
Der Reiz der Lottmann'schen Prosa liegt in ihrer Verschmitztheit. Es lässt sich nie genau sagen, wie ernst es dem Ich-Erzähler mit seinen launigen Überlegungen über Hartz IV und das karge Brot der Schriftstellerei ist. Oft meint er genau das Gegenteil von dem, was er sagt. Nicht umsonst gilt Lottmann als Mitentwickler der später von Harald Schmidt perfektionierten Strategie des Totlobens: Man wiederholt ein Lob so oft, bis es unglaubwürdig wird und sich letztlich gegen den Gelobten richtet. Das hilft zum Beispiel auch gegen Klagen beleidigter Zeitgenossen. Und die gibt es bei Lottmann nicht zu knapp, schließlich zieht er einen Großteil seiner Bücher aus dem eigenen Leben. Eine Verfremdung des autobiografischen Materials bei der Niederschrift kann, muss aber nicht stattfinden.
Auch den Titel "Der Geldkomplex" hat er entliehen. So hieß schon der bekannteste Roman der Schwabinger Partyqueen Franziska Gräfin zu Reventlow (1871–1918), die in dem Buch (Untertitel: "Meinen Gläubigern zugeeignet") ihre Flucht vor der Armut in ein Sanatorium beschreibt. Sie begreift das Geld darin als "persönliches Wesen", über das sie der Ansicht war: "Durch liebevolle Indolenz verdirbt man's vollständig mit ihm."
Lottmann verlegt die Handlung ins heutige Berlin und schreibt über sich und die Kulturboheme: "Jeder weiß doch, auch wenn man es verdrängt: Niemand von uns hat Geld." Blöderweise hat sein Protagonist aber gerade eine sehr vollbusige, liebestolle junge Freundin namens Elena Plaschg am Hals, die ihn aufgrund seines Alters für eine Art Sugar Daddy hält und ständig brüllt: "Wo ist mein Geld?" So ist das mit der Jugend: "Der Medientrash wurde im eigenen blöden Leben nachinszeniert."
Ein wenig Trost findet Lohmer bei Melanie Butenschön, dem kämpferischen jungen Sexsymbol der PDS. Seine Sorgen bringt er bei ihr freilich auch nicht an: "Ich hätte ihr gern gesagt, dass ich verarmt sei, dass ich altes Knäckebrot fremder Leute essen musste, dass ich bedürftiger war als alle ihre verdammten Hartz-IV-Berufsarmen." Zu bunt wird es ihm in Germoney, als Elena behauptet, von ihm schwanger zu sein. Er setzt sich nach Italien ab. Kurzzeitig erwägt er, Fischer zu werden: "Ob das schwer war? Bestimmt nicht schwerer als Popliteratur schreiben."

Tiefere Einsichten über das Wesen des Geldes darf man sich bei einem Mann der Oberfläche wie Lottmann nicht erwarten. Mal hat man halt weniger, mal etwas mehr davon, mal gar keins. Bei seinem Helden verläuft es übrigens schön antizyklisch, sein Vorschuss kommt just in dem Moment, in dem die Finanzkrise richtig reinhaut.
Wie man sich verhält, wenn man plötzlich selber angepumpt wird, lernt Lohmer schnell: "Es geht darum, dass Leute, die nichts von einem bekommen, am Ende voller Liebe und Dankbarkeit vor einem stehen, als hätte man sie sehr wohl beschenkt und mit Geld überschüttet."

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 28)


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