Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche

von Alina Bronsky

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 01.09.2010


Rezension aus FALTER 39/2010

Die erbarmungsloseste Omi der Welt

Dass man beim Lesen eines zu rezensierenden Romans schlichtweg vergisst, die Unterstreichungen zu machen, die bei der Zusammenfassung des Inhalts und bei der Charakterisierung des Erzählstils so hilfreich sind, kommt eigentlich so gut wie nie vor.
Alina Bronsky hat es mit ihrem zweiten Roman, "Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche", geschafft. Und das spricht schon einmal für die Erzählkunst der in Frankfurt lebenden Schriftstellerin, die hier so rasant, ja fulminant einsetzt, dass man schon mal seine Pflichten vergessen kann.

Schlagartig bekannt wurde Bronsky, 1978 im damaligen Swerdlowsk, heute Jekaterinburg, geboren und seit ihrer frühen Jugend in Südhessen aufgewachsen, vor zwei Jahren mit ihrem Debütroman "Scherbenpark", in dem die altkluge und abgebrühte 17-jährige russische Migrantentochter Sascha als Erzählerin auftritt und den man sich nur allzu gerne als autobiografisch vorgestellt hat.
In ihrem neuen Roman, der ebenfalls zu einer solchen Lesart verführt, hat Bronsky die Perspektive gewechselt: Hier berichtet eine Großmutter von ihrem Leben in der Sowjetunion und der schließlichen Emigration nach Südhessen mit ihrer Enkelin Aminat, die am Ende des Romans ungefähr gleich alt ist wie Sascha. Und dieser Bericht kennt keine Gnade – außer mit sich selbst.Statt des bitterernst-sarkastischen Tons der frühreifen Jugendlichen herrscht nun ein heiter-unheimlicher Zynismus, der kaum noch hinter die von ihm inszenierten Kulissen blicken lässt.
Doch zurück zum Anfang. Wir schreiben das Jahr 1978, Rosalinda, in einem Kinderheim aufgewachsen und kulturell entwurzelt, sodass sie tatarische Gerichte allenfalls erfinden kann, lebt mit ihrem sympathischen, aber willensschwachen Ehemann Kalganow und ihrer als Ausbund an Dummheit und Hässlichkeit diffamierten Tochter Sulfia ein typisches Sowjetleben zwischen Parteiprivilegien (Kalganow ist überzeugter Kommunist) und überlebenswichtiger Durchtriebenheit, als Sulfia, kaum geschlechtsreif, schwanger wird.

Der eigenhändige Abtreibungsversuch Rosalindas mit einer Stricknadel misslingt partiell, das heißt, der zweite der beiden in Sulfias Bauch befindlichen Zwillinge überlebt und erhält den Namen von Rosalindas Großmutter, Aminat. Ein tragikomischer Kampf von Großmutter und Mutter um das Kind entbrennt, bei dem Sulfia kaum Chancen hat. Überhaupt hat kaum jemand irgendwelche Chancen neben dieser Großmutter.
Eine derart erbarmungslose, empathieresistente, um nicht zu sagen böse Heldin hat die deutsche Gegenwartsliteratur noch nicht gesehen: machthungrig und manipulativ, ein Ausbund an Selbstbeherrschung und Selbstherrlichkeit. Mehrmals verheiratet sie ihre unter der dominanten Mutter still leidende Tochter, der Ehemann hat so wenig zu melden, dass er sich – wodurch sich die letzte Lücke des Matriarchats schließt – in eine zweite Ehe verabschiedet.
Die "geliebte" Enkelin fungiert vor allem als Spiegelbild des eigenen Narzissmus und wird zum Behufe der Emigration nach Deutschland eiskalt mit zwölf Jahren an einen Pädophilen verschachert, der sich deswegen zu einer Ehe mit Sulfia überreden lässt.

Wobei die Dramatik der Geschichte in krassem Gegensatz zur burlesken Unterhaltsamkeit des Erzähltons steht. Es taucht die Frage auf, ob man mit solchen Dingen literarischen Schabernack treiben darf oder ob Alina Bronsky das gar nicht tut, sondern das heiße Thema über den Umweg von Sarkasmus und Ungesagtem nur umso tiefer unter die Haut des Lesers bringt, wo es tatsächlich schmerzhaft weiter schwelt.
Immerhin gelingt es Aminat in Deutschland, sich (vermutlich endgültig) aus dem Gravitationsfeld ihrer Großmutter zu befreien, die sie nur einmal als Siegerin von einer Sendung à la "Deutschland sucht den Superstar" im Fernsehen wiedersieht. Aminats Gefühle aber bleiben die große, dunkle Leerstelle, um die das Buch munter und rücksichtslos kreist.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 39/2010 vom 01.10.2010 (S. 12)


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